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"Mein Ziel ist, dass die Kinder die Grundlagen der gesunden Ernährung lernen und erfahren"

Datum:
16.06.16

Im Interview mit der "Mittelbayerischen Zeitung" spricht Bundesminister Christian Schmidt über Ernährungsbildung, Glyphosat und Lebensmittelverschwendung

Frage: Herr Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, warum treffen Sie sich heute mit den Kultusministern der Länder? Das ist doch gar nicht Ihr Terrain.

Christian Schmidt: Unser Ernährungsverhalten wird in der Kindheit entscheidend geprägt, deshalb engagiert sich das Bundesernährungsministerium schon seit Jahren für die Ernährungsbildung. Wir haben uns auf die Förderung von zwei Konzepten zur Ernährungsbildung in Schulen konzentriert: den "Ernährungsführerschein" und die "SchmExperten". Mit dem Ernährungs-Führerschein lernen Grundschulkinder, wie Lebensmittel leicht und lecker zubereitet werden können. Wir sind damit sehr erfolgreich: 780000 Grundschulkinder haben schon einen Ernährungs-Führerschein gemacht. Die SchmExperten wollen bei Schülerinnen und Schülern der Klassen fünf und sechs die Lust am Selbstkochen wecken. Was bisher einfach fehlt, ist die systematische Verankerung der Ernährungsbildung in den Schulen - und dafür sind die Länder zuständig..

Frage: Ist es Nostalgie, wenn ich sage, früher mussten Kinder etwa im Herbst auf dem Feld bei der Kartoffelernte helfen, heute wissen viele Kinder in der Stadt nur, dass eine Kuh Lila ist und die Milch aus dem Supermarkt kommt?

Christian Schmidt: Deswegen kämpfe ich ja so dafür, dass die Landwirtschaft wieder in die Mitte der Gesellschaft rückt. Kinder müssen wissen, woher die Lebensmittel kommen, wie sie produziert werden, was für ein Aufwand darin steckt. Wenn die Verbraucher nur noch im Supermarkt Kontakt zu Produkten der bäuerlichen Landwirtschaft haben, geht viel Wissen und Wertschätzung verloren. Ein weiterer Grund dafür, die Ernährungsbildung im Unterricht zu verankern.

Frage: In der Schule wird über alles mögliche und unmögliche Wissen vermittelt, warum so wenig über die Landwirtschaft, über Ernährung und gesundes Essen?

Christian Schmidt: Mit dieser Beobachtung haben Sie recht: Nach dem Beschluss der Kultusministerkonferenz von 2013 wurde zwar in vielen Bundesländern die Verbraucherbildung verstärkt in die Lehrpläne aufgenommen. Allerdings stehen hier eher Handyvertrag und Girokonto im Mittelpunkt. Ernährung ist oft ein Randthema! Außerdem wurden im Ernährungsbereich nicht – wie in anderen Unterrichtsfächern – verbindliche Bildungsstandards formuliert. Darüber werde ich heute mit den Kultusministern sprechen.

Frage: Wollen Sie ein Schulfach gesunde Ernährung, Landwirtschaft? Als Bundesminister könnten Sie doch gar nicht in die Bildungskompetenz der Länder eingreifen. Auch in Bayern würde man sich über solche Vorschläge bedanken.

Christian Schmidt: Es gibt viele Wege, das kleine Einmaleins der gesunden Ernährung in den Lehrplänen unterzubringen. Mein Ziel ist, dass die Kinder die Grundlagen der gesunden Ernährung lernen und erfahren, woher die Lebensmittel eigentlich kommen, wie sie produziert werden. Ob das nun in Form eines eigenen Schulfachs oder fächerübergreifend passiert, ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist, dass dieses Wissen vermittelt wird - und zwar flächendeckend. Die Schule ist doch der einzige Ort, an dem wir alle Kinder erreichen können. Diese Chance müssen wir nutzen.

Frage: Lautet Ihr Rat an Kinder und Jugendliche: statt Fastfood vom Bulettenbrater, selber Kochen?

Christian Schmidt: Mein Rat lautet: Wer sich abwechslungsreich ernährt, darf auch mal zum Mac. Essen soll doch auch Spaß machen. Ich bin jedenfalls gegen Ernährungsideologien. Jeder sollte essen, was ihm schmeckt und was ihn glücklich macht - es kommt aber auf die Menge an. Ein "Zuviel" ist nie gesund. Der Speiseplan sollte vielfältig und abwechslungsreich sein. Brot, Nudeln, Milchprodukte, Obst und Gemüse gehören zu einer gesunden Ernährung ebenso wie Fleisch und Fisch. Gelegentlich ein Stück Schokolade oder Fastfood ist doch vollkommen in Ordnung. Die Kinder sollten so früh wie möglich diesen gesunden Umgang mit der Ernährung erfahren. Das geht am besten, wenn die Kinder selbst kochen. Das ist auch die Idee des Schulwettbewerbs "Klasse Kochen!", den ich gemeinsam mit Tim Mälzer veranstalte.

Frage: Wie erklären Sie Kindern und Jugendlichen, dass Milch heute für 42, 46 Cent im Supermarkt so dramatisch billig ist? Die Landwirte wollen wissen, was die Politik dagegen tut.

Christian Schmidt: Wenn etwas im Überfluss da ist, verliert es seinen Wert. Im Moment haben wir zu viel Milch, deshalb ist sie so billig. Ich will schon die Kinder dafür sensibilisieren, dass gute Lebensmittel ihren Preis haben. Für 42 Cent je Liter wird es auf Dauer keine Qualitätsmilch aus Deutschland geben. Das müssen auch die kleinen Verbraucher wissen.

Frage: Können Sie angesichts eher düsterer Zukunftsaussichten für Bauern jungen Leuten guten Gewissens empfehlen, einen landwirtschaftlichen Beruf zu erlernen und zu ergreifen?

Christian Schmidt: Die Landwirtschaft hat Zukunft, da bin ich mir sicher. Die Anforderungen an einen Landwirt sind heute zwar viel größer als in der Vergangenheit, das eröffnet den Landwirten aber auch ganz neue Möglichkeiten. Zum Beispiel in Regionalisierung, Spezialisierung oder Tierwohl. Für diese Produkte zahlen die Kunden - wie auch bei Bio - deutlich höhere Preise. Heute müssen Landwirte ihre Produkte stärker auf die Bedürfnisse der Kunden ausrichten und neue Konzepte entwickeln. Um den landwirtschaftlichen Nachwuchs mache ich mir dabei aber wenig Sorgen: Gerade die jungen Bauern haben unheimlich viele innovative Ideen, besonders bei der Digitalisierung. Deswegen würde ich jedem Jugendlichen sagen: Wenn Du Spaß an Natur, Technik und Tieren hast und auch etwas Mut, dich auf Innovationen einzulassen, dann ist die Landwirtschaft eine gute Wahl!

Frage: Was sollen Jugendliche denn glauben, wenn sich nicht einmal zwei Bundesminister über den Einsatz des Pflanzenschutzmittels Glyphosat einigen können?

Christian Schmidt: Wir hatten ja längst eine abgestimmte Regierungsposition. Die SPD hat da überraschend eine Rolle rückwärts gemacht. Grundsätzlich finde ich es problematisch, dass hier Politik nach Belieben gemacht wurde und nicht - wie es das geltende Recht vorsieht - auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse. Die EU prüft Pflanzenschutzmittel regelmäßig darauf, ob sie den gesundheitlichen und technischen Standards entsprechen. Sie handelt damit im Sinne des Vorsorgeprinzips. Die nationalen und internationalen Wissenschaftler sind nach der Auswertung von mehr als tausend Studien und Beiträgen zu dem Ergebnis gekommen, dass der Wirkstoff Glyphosat bei fachgerechter Anwendung unbedenklich ist. Nur diese Forschungsergebnisse hätten die Entscheidung über die Zulassungsverlängerung beeinflussen dürfen.

Frage: Trotz aller Aktionen landen in Deutschland im Jahr immer noch pro Kopf über 80 Kilogramm Lebensmittel in der Tonne. Woran liegt das, sind Lebensmittel doch zu billig, werden sie nicht wertgeschätzt?

Christian Schmidt: Die Zahl der verschwendeten Lebensmittel ist viel zu hoch! Mein Ziel ist, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren. Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche besonders viele Lebensmittel wegwerfen. Das hat sicher zum einen mit den günstigen Preisen zu tun. Aber auch damit, dass der Bezug zu Lebensmitteln immer mehr verloren geht. Deswegen müssen wir die Kinder frühzeitig für den Wert der Lebensmittel sensibilisieren. Und deswegen gehört die Ernährungsbildung in die Schulen. Nur wer weiß, wie wertvoll die Lebensmittel sind und welche Ressourcen in ihnen stecken, der wirft sie auch nicht leichtfertig in die Tonne.

Frage: Auch Kinder empören sich, wenn sie schreckliche Bilder von schlimmen Zuständen aus Massentierhaltungen, von eingepferchten Schweinen, Puten oder Hühnern, sehen. Ist weniger Fleisch zu essen oder vegetarisch und vielleicht sogar vegan zu leben, die bessere Alternative?

Christian Schmidt: Die Zahl der verschwendeten Lebensmittel ist viel zu hoch! Mein Ziel ist es, die Lebensmittelverschwendung bis zum Jahr 2030 zu halbieren. Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche besonders viele Lebensmittel wegwerfen. Das hat sicher zum einen mit den günstigen Preisen zu tun. Aber auch damit, dass der Bezug zu Lebensmitteln immer mehr verloren geht. Deswegen müssen wir die Kinder frühzeitig für den Wert der Lebensmittel sensibilisieren. Und deswegen gehört die Ernährungsbildung in die Schulen.

Quelle: Mittelbayerischen Zeitung vom 16.06.2016

Fragen von:
Reinhard Zweigler
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