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"Ich möchte auch niemandem sein Schnitzel madig machen."

Datum:
26.09.16

Im Interview mit der "Stuttgarter Zeitung" spricht Bundesminister Christian Schmidt über Tierwohl und Agrarexport

Frage: Herr Schmidt, heute schon Fleisch gegessen?

Christian Schmidt: Ja.

Frage: Mit guten Gewissen?

Christian Schmidt: Auf jeden Fall. Ich möchte auch niemandem sein Schnitzel madig machen – jeder muss im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung selber wissen, ob er Fleisch isst oder nicht. Meine Aufgabe als Minister ist es, dafür zu sorgen, dass jeder mittels transparenten Informationen weiß, was er zu sich nimmt und ob das Tier nach besonderen Tierwohlstandards gehalten wurde.

Frage: Das ist bisher kaum der Fall. Die Brancheninitiative Tierwohl ist diskreditiert, seit der Tierschutzbund ausgestiegen ist. Klappt Ihre freiwillige Selbstkontrolle nicht?

Christian Schmidt: Was dort vorgefallen ist, will ich nicht bewerten. Wenn die Initiative nun in schwieriges Fahrwasser kommt, erhöht das die Notwendigkeit, dass wir die nötigen Veränderungen mit einem staatlichen Label voranbringen. Sonst besteht das Risiko, dass die Verbraucher vor einem Dschungel von Labeln stehen, wenn jede Lebensmittelkette ihr eigenes Label einführt. Auch die Bauern würden sich in eine große Abhängigkeit der Ketten begeben. Das will ich nicht, weshalb ich an der Einführung eines staatlichen Tierschutzlabels arbeite.

Frage: Wann ist es so weit?

Christian Schmidt: Wenn alle beteiligten Akteure und am Ende die Designer konstruktiv mitmachen, will ich bei der Grünen Woche Ende Januar in Berlin den Entwurf vorstellen.

Frage: Wie soll es funktionieren?

Christian Schmidt: Es wird mehrere Stufen geben – eine Basiskategorie für Fleisch von Tieren, deren Haltungsbedingungen über dem gesetzlichen Standard liegen sowie ein oder zwei weitere Premiumstufen, bei denen die Haltungsbedingungen noch deutlicher darüber hinausgehen. Das könnte man mit ein, zwei oder drei Sternen deutlich für die Verbraucher kennzeichnen.

Frage: Gilt das für alles Fleisch? Überall?

Christian Schmidt: Die jetzige Initiative Tierwohl hat eine Marktdurchdringung von nur einem Prozent – das kann es nicht sein. Das neue Label soll keine Edelmarke für wenige sein, sondern soll möglichst bei 100 Prozent der Fleischproduktion Anwendung finden. Das wird natürlich entsprechende Investitionen in den landwirtschaftlichen Betrieben nach sich ziehen, aber auch die Einkommen der Bauern können davon profitieren.

Frage: Fleisch wird also – manche sagen vielleicht „endlich“ – teurer werden?

Christian Schmidt: Umfragen zeigen uns, dass 80 Prozent der Menschen bereit sind, mehr Geld für Fleisch auszugeben, wenn das den Tieren zugute kommt. Bei einem Gütesiegel, das für transparente und kontrollierte Haltungsbedingungen steht, wäre das der Fall. Wir dürfen Fleisch aber nicht zum Luxusgut machen, das nur noch sonntags auf den Tisch kommt. Fleisch muss auch in Zukunft für jedermann bezahlbar bleiben.

Frage: Sie haben zu Beginn Ihrer Amtszeit das Tierwohl zu Ihrer Priorität erklärt. Nun scheinen Sie immer noch im Forderungsmodus und noch nicht weit gekommen zu sein.

Christian Schmidt: Da muss ich heftig widersprechen. Ich habe in dieser Legislaturperiode schon viel für das Tierwohl erreicht. Nehmen Sie die gerade in Kraft getretene Vereinbarung mit der Geflügelwirtschaft. Legehennen wird jetzt nicht mehr routinemäßig der Schnabel gekürzt, was für die Tiere mit Schmerzen verbunden war. Ich bin dabei, ein Prüf- und Zulassungsverfahren für Stalleinrichtungen zu schaffen, mit dem systembedingte Tierschutzprobleme vermieden werden. Gesetzlich ebenfalls angestoßen ist ein Verbot, trächtige Tiere zur Schlachtung abzugeben.

Frage: Es werden aber noch Küken geschreddert. Ein Verbot in NRW wurde mit dem Hinweis aufgehoben, das Bundestierschutzgesetz gebe das nicht her. Wann ändern Sie es?

Christian Schmidt: Die ethisch unerträgliche Schredderpraxis muss enden. Ich werde sie aber nicht per Gesetz verbieten – weil ich ein Gegner von Scheinlösungen bin.

Frage: Wieso Scheinlösung?

Christian Schmidt: Weil der Jurist in mir weiß, dass ein Verbot Klagen in Karlsruhe und vermutlich lange Übergangsfristen nach sich zöge. Selbst wenn es schneller ginge, würden im Augenblick des Inkrafttretens alle Brütereien in Deutschland sofort den Betrieb einstellen. Weil die deutschen Verbraucher aber weiter Eier essen wollen, kämen die Junghennen dann aus Ländern, in denen die Praxis des Kükentötens weiterläuft wie bisher. Genau das wäre eine Scheinlösung.

Frage: Normalerweise ruft man in solchen Fällen nach der EU, damit alle mitmachen.

Christian Schmidt: Mein Lösungsweg kommt viel schneller und ist nachhaltiger: Ich habe in Millionenhöhe Forschungsprojekte gefördert, mit denen schon im Ei erkannt werden kann, ob es sich um ein weibliches oder ein männliches Küken handelt. Nächstes Jahr wird das Erstgerät hergestellt. Es gibt dann keinen Grund mehr, massenhaft männliche Küken zu töten. Die Behörden können dann rechtssicher – und nicht wie in NRW symbolisch – gegen diese Praxis vorgehen.

Frage: Sie sind also dabei, Massentierhaltung ein Stück erträglicher zu machen. Grundsätzlich infrage stellen Sie sie aber nicht, oder?

Christian Schmidt: Diese Unterscheidung ist mir zu oberflächlich, weil es eben nicht in erster Linie auf die Größe des Betriebs oder die Zahl der Tiere ankommt, sondern auf die sachkundige Haltung der Tiere. Was wir erreichen müssen ist, dass die Haltungsbedingungen tiergerecht sind – und Ökonomie, Ökologie und der Tierschutz im Einklang stehen.

Frage: Muss die Bundesrepublik wirklich drittgrößter Agrarexporteur der Welt sein?

Christian Schmidt: Bei einem Exportumfang von 69 Milliarden Euro – mit den verarbeiteten Produkten sind es rund 100 Milliarden Euro – hängt davon schon auch unsere Rolle als Exportnation ab. Es geht dabei längst nicht nur um Fleisch, auch Milchprodukte, Babynahrung und andere qualitativ hochwertige Lebensmittel sind im Ausland – zum Beispiel China – sehr gefragt. Ich stehe zur exportorientierten Lebensmittelproduktion in Deutschland und werde die Wirtschaft mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln bei der Erschließung neuer Märkte unterstützen. Wir sollten nicht vergessen, dass der Export viele Jobs in der Landwirtschaft sichert und damit auch die Existenz vieler Familien auf dem Land.

Quelle: Stuttgarter Zeitung vom 26. September 2016

Fragen von:
Norbert Wallet und Christopher Ziedler

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