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"Wir brauchen einen bewussten Verbraucher"

Datum:
06.07.16

Im Interview mit der "THE HUFFINGTON POST" spricht Bundesminister Christian Schmidt über Ernährungsbildung und seinen Vorstoß zum Thema Mindesthaltbarkeitsdatum

Frage: Herr Minister, wann haben Sie sich zuletzt dabei erwischt, als Sie noch gute Lebensmittel weggeworfen haben?

Christian Schmidt: Das war ein halb verzehrtes Brötchen, das ich nicht mehr essen konnte. Eigentlich lasse ich mir sowas einpacken und nehme es mit. Da bin ich streng mit mir selbst.

Frage: Das müssen Sie jetzt sagen.

Christian Schmidt: Nein, tatsächlich habe ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn Essen weggeworfen wird. Da ich aus einer Bäcker-Familie stamme, bin ich so erzogen worden, dass man Brot einfach nicht wegwirft. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, wo man überhaupt Essen nicht weggeworfen hat. Und zu dieser Wertschätzung von Essen müssen wir wieder kommen.

Frage: Leben jüngere Generationen verschwenderischer?

Christian Schmidt: Ja, es gibt einen Generationenunterschied. Die über 60-Jährigen werfen weniger weg, als die unter 30-Jährigen. Das ist schon auffällig.

Frage: Woran liegt das?

Christian Schmidt: Das ist ein Überflussdenken – es ist nicht mehr nötig, mit Lebensmitteln sparsam umzugehen. Verschwendung ist ein Stück weit Alltag geworden. Deswegen kämpfe ich auch dafür, dass die Ernährungsbildung stärker in den Lehrplänen verankert wird. Wir brauchen einfach einen anderen Umgang mit unseren Lebensmitteln. Dafür müssen wir früh ansetzen.

Frage: Was hilft es, wenn die Kinder dann zu Hause sehen, dass doch die Hälfte weggeworfen wird?

Christian Schmidt: Es gibt manchmal den Fall, dass nicht Eltern die Kinder erziehen, sondern die Kinder die Eltern. Manchmal ist das gut so. Wir brauchen einen bewussten Verbraucher, der weiß, wo Essen hingehört - nämlich in Mund und Magen und nicht in die Tonne.

Frage: Ist sie wirklich so simpel? Ein Großteil des Mülls machen Haushalte, 20 Millionen Tonnen sind es insgesamt pro Jahr.

Christian Schmidt: Jeder von uns wirft im Schnitt 82 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr in den Müll – das ist viel zu viel. Deswegen müssen und können wir alle viel gegen die Lebensmittelverschwendung tun. Aber es sind nicht nur die Verbraucher gefragt: Das Problem ist viel komplexer. Wir leben zum Beispiel in einer Verpackungsgesellschaft. Alles ist in Portionen abgepackt – aber die sind nicht immer größengerecht für Singles oder den schnellen Einkauf. Die Menschen greifen dann zum Größeren, weil das Kleinere gar nicht da ist. Daraus entsteht dann weiterer Abfall. Mein Ziel ist jedenfalls, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren.

Frage: Vor etwa drei Monaten haben Sie angekündigt, das Mindesthaltbarkeitsdatum zu reformieren. Wann werden die Verbraucher davon etwas im Supermarkt merken?

Christian Schmidt: Im Rahmen meines Innovationsförderungsprogramms stehen ab sofort rund zehn Millionen Euro unter anderem für die Entwicklung "intelligenter Verpackungen" zur Verfügung. Diese können Informationen zur Qualität eines Lebensmittels anzeigen und so dazu beitragen, das Mindesthaltbarkeitsdatum langfristig zu ersetzen.
Und auf dauerhaltbare Produkte wie etwa Kaffee, Nudeln und Mehl gehört für mich kein Mindesthaltbarkeitsdatum. Dafür setze ich mich auf EU-Ebene ein. Außerdem werde ich Gespräche mit der Wirtschaft führen, um Kriterien für die Vergabe des Mindesthaltbarkeitsdatums für konkrete Lebensmittel zu erarbeiten. Ich gehe davon aus, dass wir entsprechende Veränderungen innerhalb von zwei Jahren auf den Weg bringen können.

Frage: Glauben Sie, dass sich diese Entscheidung durch den Brexit verschieben könnte?

Christian Schmidt: Das glaube ich nicht. Wir müssen uns davon freimachen, dass alle Themen mit einer Art Britenvorbehalt gemacht werden. Offen gesagt: Das Mindesthaltbarkeitsdatum hat keinen Kopierschutz. Wenn das Vereinigte Königreich unseren Weg mitgehen will, habe ich keine Probleme damit. Die 27 verbliebenen Staaten gehen bei dem Thema jedenfalls voran.

Frage: Frankreich geht noch einen Schritt weiter: Dort dürfen Supermärkte nichts mehr wegwerfen. Noch haltbare Lebensmittel sollen gespendet, verfallene Lebensmittel kompostiert oder zu Tierfutter verarbeitet werden. Immer mehr wünschen sich so einen Vorstoß in Deutschland.

Christian Schmidt: Für Deutschland wird es ein solches Gesetz nicht geben. Erstens sind Supermärkte in Deutschland schon viel eher als in Frankreich bereit, Lebensmittel kurz vor dem Verfall an soziale Einrichtungen abzugeben. Hier sollten wir nicht überregulieren. Und zweitens ändert dieses Gesetz rein gar nichts an der Wurzel des Problems, nämlich dem Überschuss. Zu viel Essen landet auf dem Kompost, obwohl es eigentlich noch genießbar ist.

Frage: Reicht das schon, um bis 2030 die Menge weggeworfener Lebensmitteln auf die Hälfte zu reduzieren? Auf dieses Ziel hat sich Deutschland gegenüber den Vereinten Nationen verpflichtet.

Christian Schmidt: Wir zeichnen zum Beispiel mit dem Bundespreis für das Engagement gegen Lebensmittelverschwendung Unternehmen und Projekte aus. Wir hatten im vergangenen Jahr hunderte Bewerbungen und viele gute Ideen – das hat mich positiv überrascht. Die neue Wettbewerbsrunde ist Anfang Juli gestartet. Viele Menschen in Deutschland engagieren sich bereits gegen Lebensmittelverschwendung – ob ehrenamtlich, mit ungewöhnlichen Geschäftsideen oder mit Innovationen in Handel, Gastronomie oder der Lebensmittelproduktion. Dieses Engagement will ich stärken und fördern. Außerdem werde ich die Initiative "Zu gut für die Tonne“ zu einer nationalen Strategie gegen Lebensmittelverschwendung ausbauen. Dazu werde ich die Akteure entlang der Wertschöpfungskette ebenso einbeziehen wie die Bundesländer und die NGOs.
Die dazugehörige App, die Verbraucher-Tipps gibt, wurde schon mehr als 700.000 Mal heruntergeladen und ist die bisher populärste App der Bundesregierung. Es geht darum, ein kulturelles Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Der Kühlschrank ist Privatsache, da müssen Sie mit gutem Beispiel vorangehen, statt Verbote auszusprechen.

Quelle: THE HUFFINGTON POST vom 06. Juli 2016

Fragen von:
Jürgen Klöckner

Zur "Zu gut für die Tonne-App"

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