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"Wir stehen vor dem Sprung vom Labor zur Anwendung"

Datum:
20.01.17

Im Interview mit der "Nürnberger Zeitung" spricht Bundesminister Christian Schmidt über Artenschutz, Kükentöten, gesunde Ernährung und Lebensmittelkennzeichnung

Frage: Herr Schmidt, wer hat Angst vorm bösen Wolf?

Christian Schmidt: Ich bin für Schafe zuständig. Und wer für Schafe zuständig ist, darf auch den Wolf nicht aus den Augen verlieren.

Frage: Wenn ein Wolf Probleme macht, gab es schon immer die Möglichkeit, das Tier abzuschießen. Was ist der Unterschied zu einer beschränkten Abschussfreigabe, die Sie fordern?

Christian Schmidt: Wir haben 30 bis 40 Rudel hier in Deutschland. Das ist grundsätzlich gut, weil die Rückkehr auch ein Beleg für unser funktionierendes Ökosystem ist. Nur hat der Wolf keine natürlichen Feinde. Nicht dass Sie mir unterstellen, ich würde überall Obergrenzen suchen! Es braucht ein Management, das bestandserhaltend ist, aber nicht zu einer Zahl mit wachsenden Konflikten führt. Wenn es zu viel wird, muss man das regulieren – im Rahmen des Natur- und Artenschutzes.

Frage: Tierschützer freuen sich mehr über Ihre Ankündigung vom letzten NZ-Besuch vor einem Jahr: Da sagten Sie, dass Sie 2017 das Kükenschreddern beenden wollen, also das Töten männlicher Küken bei der Legehennenproduktion.

Christian Schmidt: Ich werde Wort halten. Die Forschungsprojekte der Universität Leipzig werden praxistauglich. Wir stehen vor dem Sprung vom Labor zur Anwendung. Auf der Grünen Woche zeigen wir, wie eine Maschine funktioniert, mit der das Geschlecht der Küken im Ei-Dotter bestimmt werden kann. Dann werden die Eier sortiert und männliche Küken gar nicht erst ausgebrütet.

Frage: Im Vorfeld hatten sich Hühnerzüchter Sorgen über die Zusatzkosten dieser Methode gemacht.

Christian Schmidt: Die Kostenfrage stellt sich gar nicht so dramatisch. Schlussendlich werden die Legehennenküken ein paar Cent teurer, am Verkaufspreis der Eier dürfte sich das kaum bemerkbar machen. Übrigens interessiert man sich auch im Ausland für diese Technologie. Das ist ein großer Erfolg.

Frage: Sie rechnen also damit, dass die deutschen Geflügelzüchter diese Maschine auch einsetzen werden.

Christian Schmidt: Nachdem die Bestempelung von Eiern mit Hinweisen auf die Hühnerhaltung ein Erfolg war, wird auch der Aufdruck "ohne Kükentöten" ein Verkaufsargument sein. Zumindest in der Übergangsphase, bis die Geräte für alle Betriebe lieferbar sind. Langfristig werden sie dann gar keine andere Wahl haben. Denn mit dieser schonenden und praxistauglichen Alternative zum Töten fällt der "vernünftige Grund" aus dem Tierschutzgesetz weg, mit dem man bislang das Töten der männlichen Küken gerechtfertigt hat.

Frage: Über tierische Produkte wird nicht nur aus ethischen Gründen diskutiert, sondern auch wegen ihrer Klimabelastung. Die kürzlich geforderte Steuererhöhung für Fleischprodukte lehnen Sie aber ab.

Christian Schmidt: Fleisch ist Teil einer ausgewogenen Ernährung. Ob und wie viel jemand essen will, ist eine individuelle Entscheidung. Künstliche Preiserhöhungen durch Strafsteuern helfen allerdings weder dem Tierwohl, der Umwelt noch den Verbrauchern. Sie verteuern Ernährung und das ist unsozial. Wir brauchen Geld für die Tierhaltung, aber nicht mit einer Strafsteuer. Mit der Einführung unseres Tierwohl-Labels werden wir dafür sorgen, dass Bauern für ihre hochwertiger erzeugten Produkte besser entlohnt werden. Die einzige steuerliche Veränderung, die ich in meinem Grünbuch gefordert habe, ist die Mehrwertsteuerfreiheit für Schulverpflegung.

Frage: Sie fordern auch mehr Fleisch in Schulen und Kantinen.

Christian Schmidt: Ich habe nicht mehr Fleisch gefordert, sondern vor dessen Verbannung aus den Speiseplänen von Kitas und Schulen gewarnt – das wird nicht immer korrekt berichtet. Fleisch ist Teil unserer kulturell üblichen Ernährung. Ich stand in Fürth am Weihnachtsmarkt, da sagte eine junge Mutter zur anderen: Stell dir vor, bei uns gibt’s jetzt in der Schulverpflegung keine Würstchen mehr wegen der Multikulti-Situation. Das bringt ja auch die Muslime in eine schwierige Situation – plötzlich sollen sie schuld daran sein, dass andere keine Würstchen essen dürfen. Ich finde es schlecht, wenn aus Einheitsbrei-Denken und Bequemlichkeit keine zwei Essensvarianten angeboten werden. Mir geht es nicht darum, dass ich den Schweinefleischkonsum erhöhe. Das soll jeder selber wissen. Aber bei Kindern und Jugendlichen soll es ein vielfältiges Angebot geben. Ich fordere auch Ernährungsbildung im Schulunterricht – um damit Kritikfähigkeit und Entscheidungsfähigkeit zu erzeugen. Darin unterscheide ich mich von den Befürwortern des Veggie Days, die anderen vorschreiben wollen, was gut und was schlecht ist.

Frage: Sie wollen den Begriff "vegetarisches Schnitzel" verbieten, das hat viel Spott ausgelöst.

Christian Schmidt: Schmidt: Vor fünf Jahren berichtete eine Zeitung, die jetzt ihre Späße über mich macht, über einen Lebensmittel-skandal: Analogkäse. Das sei ja unmöglich, dass etwas Käse genannt werden darf, wo gar keine Milch drin ist. Wir haben uns damals für eine EU-Regelung eingesetzt. Ein Produkt darf seither erst Milch oder Käse genannt werden, wenn der Milchanteil bei 75 Prozent liegt. Deshalb heißt Sojamilch jetzt auch Sojadrink. Wollen wir da ernsthaft warten, bis eine billig produzierte Analogsalami – ganz ohne Fleisch – auf jeder Tiefkühlpizza liegt? Nein – deshalb bin ich gegen die Bezeichnung vegane Wurst. Und es geht auch um Missverständnisse: Erst kürzlich habe ich den ZDF-Krimi "Ein starkes Team" gesehen: Da kommt der Kommissar zum Foodtruck und will eine Currywurst. Er beißt rein, spuckt sie wieder aus und sagt zum Verkäufer: Was hast du mir denn da gegeben? Der zeigt auf seine Tafel und antwortet: Da steht’s doch, vegane Currywurst. Vier Prozent Veganer wissen sofort, was das ist, aber viele von den 96 Prozent Nichtveganern, zu denen offenbar auch der Kommissar gehört, eben nicht. Und ich bin Ernährungsminister für alle. Übrigens hat mich der Vebu, der Vegetarierbund, bereits vor einem halben Jahr gebeten, auf europäischer Ebene zu klären, was eigentlich vegan ist. Denn es gibt Produkte, die als vegan ausgezeichnet sind, aber tierische Fette enthalten. Das ist derzeit rechtlich nicht zu beanstanden, weil der Begriff vegan nicht ausreichend kategorisiert ist.

Frage: Um auf einen Blick zu erkennen, was in einem Produkt drin ist, wurde die Idee der Lebensmittelampel entwickelt: Drei Farben zeigen an, ob viel, mittel oder wenig Fett, Zucker und Salz enthalten sind. Aber dagegen haben Sie Bedenken.

Christian Schmidt: Ich halte das für zu einfach. Wir haben gerade mit den Nährwertangaben einen Schritt zu kompakter Information gemacht, die seit einem Monat auf der Verpackung angegeben sein müssen. Die bislang freiwilligen Angaben zu Kohlehydrate, Zucker, Fett und Kalorien sind jetzt überall Pflicht. Die Nährwerttabelle hat doch eine viel höhere Aussagekraft als eine dreifarbige Ampel. Bei einer Farbskala müsste man vier, fünf verschiedene Kriterien des Nahrungsmittels farbüberlaufend zeigen. Ich bin kein fundamentalistischer Gegner der Ampel. In meinen Augen wirft sie aber mehr Fragen als Antworten auf. Ich will auch nicht dem einzelnen Verbraucher vorgaukeln, dass wir ihm die Entscheidung abnehmen könnten und doch wissen, was gut oder schlecht für ihn ist. Ich sehe woanders Handlungsbedarf: Wenn man liest, wie viel Zucker in vielen Produkten enthalten ist, dann wird klar, dass wir in vielen Dingen reformulieren müssen. Deswegen bin ich im Gespräch mit der Nahrungsmittelindustrie.

Frage: Worum geht es da genau?

Christian Schmidt: Bei vielen Light-Produkten wird der Fettgehalt reduziert, gleichzeitig wird mehr Zucker hinzugefügt. Viele Verbraucher glauben, sie würden durch Light-Produkte schlanker. Das ist ein Trugschluss. Und gerade bei Erzeugnissen für Kinder, mit kinderorientierter Werbung, müssen wir bei Zucker, Salz und Fetten noch genauer hinschauen. Wir haben auf europäischer Ebene eine sogenannte Reformulierungsagenda stark mitbetrieben. Es geht darum, wie Lebensmittel zusammengesetzt sein sollten. Weniger Zucker, Salz oder Fett ist gesünder. Da gehen wir ran, wir wollen die Anteile reduzieren. Das ist ein gemischter freiwillig-verbindlicher Prozess, der international läuft. Das ist nicht einfach, aber ich denke, wir kommen da schon voran.

Quelle: Nürnberger Zeitung vom 20. Januar 2017

Fragen von:
Erik Stecher, Stephan Sohr

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