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Das Leben auf dem Land muss attraktiv sein: "Der Erhalt sozialer Strukturen ist einer unser Förderschwerpunkte."

Datum:
29.05.17

Bundesminister Christian Schmidt spricht im Interview mit "Die Welt" über ländlichen Räume

Frage: Herr Minister, die Bundesregierung hat plötzlich ihr Herz für ländliche Regionen entdeckt. Ist das eine Reaktion auf die Wahlerfolge der AfD?

Christian Schmidt: In der Tat ist die AfD besonders in Regionen erfolgreich, wo sich Menschen abgehängt fühlen. Das ist der Nährboden für Populisten. Mein Ministerium hat aber nicht erst jetzt sein Herz für die ländlichen Räume entdeckt. Bereits 2015 haben wir den Dialog "Gut leben auf dem Land" gestartet, um zu erfahren, was die Menschen bewegt. Und auch das Bundesprogramm Ländliche Entwicklung haben wir in diesem Jahr auf 55 Millionen Euro aufgestockt.

Frage: Haben Populisten gerade auf dem Land Erfolg, weil sie vorgeben, sich mehr um die Menschen zu kümmern?

Christian Schmidt: Zumindest im politischen Berlin hatten die Trendthemen des Prenzlauer Bergs lange Zeit mehr Konjunktur als die Probleme der Menschen auf dem Land. Die Sicht aus der Stadt auf das Land ist immer noch sehr pragmatisch: Die Städter nehmen das Land in Anspruch, weil es bestimmte Vorzüge hat. Aber sie identifizieren sich kaum mit dem Land und seinen Menschen.

Frage: Wie wollen Sie Städter für das Land begeistern?

Christian Schmidt: Ich will zunächst dafür sorgen, dass Menschen, die auf dem Land aufgewachsen sind, auch dorthin zurückwollen. Dabei helfen Rückkehrerprogramme, die über die Perspektiven in der Heimat informieren. Der Hochsauerlandkreis macht vor, wie so etwas funktionieren kann: An Exilsauerländer werden Pakete verschickt - mit heimischen Produkten und dem Angebot, etwa bei der Job- und Wohnungssuche zu helfen.

Frage: Umfragen zeigen, dass sich Menschen auf dem Land sicherer fühlen als in der Stadt. Bleibt das auch so?

Christian Schmidt: Die Kriminalität in ländlichen Regionen ist nach wie vor geringer. Aber das allein macht ja nicht das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit aus. Die Jungen ziehen in die Städte. Die Alten bleiben allein zurück und sorgen sich: Wie komme ich zum nächsten Arzt? Wer pflegt mich? Wer steht mir bei, wenn ich mich hilflos fühle? Daraus entsteht ein Gefühl der Unsicherheit. Der Erhalt sozialer Strukturen ist deshalb einer unser Förderschwerpunkte.

Frage: Fehlen Polizisten auf dem Land?

Christian Schmidt: Natürlich müssen Polizei und Staat auf dem Land präsent sein. Wir brauchen Menschen, die in mehreren Funktionen vor Ort sind und quasi als Allrounder Ansprechpartner für die verschiedensten Lebenslagen und Herausforderungen sind. Wir brauchen Menschen, die anderen bei ihren Alltagsproblemen helfen. Solche Ansprechpersonen fehlen in dem Maße, wie die Bevölkerungsdichte auf dem Land abnimmt.

Frage: Und da springen dann die Populisten ein?

Christian Schmidt: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Populisten Problemlöser sind. Die zehren doch von den Ängsten und Sorgen der Menschen. Deshalb ist es so wichtig, dass jeder Abgeordnete in seinem Wahlkreis zuhört und motiviert. Gerade das Umeinander-Kümmern und Helfen ist prägend für das Land. Das lässt sich aber nicht mit Gesetzen oder Verordnungen bestimmen.

Frage: Sondern?

Christian Schmidt: Wir müssen den Menschen auf dem Land unsere Wertschätzung zeigen und sie stärker einbinden. Über meine Zukunftswerkstätten aktivieren wir die Ideenträger vor Ort. Die besten Ideen und Initiativen entstehen doch in den Regionen selbst. Mein Ziel ist es, die guten Beispiele im ganzen Land zu verbreiten. Gleichzeitig will ich die Menschen ermutigen und die vielen privaten und ehrenamtlichen Initiativen unterstützen - etwa zur Integration von Flüchtlingen.

Frage: Sollten auch mit Blick auf die demografische Entwicklung mehr Flüchtlinge auf dem Land untergebracht werden?

Christian Schmidt: Ich warne davor, Flüchtlinge aufs Land zu schicken, nur weil dort die Wohnungen billiger sind. Die Maxime muss sein: Nicht zu viele, dezentral und verbunden mit Arbeitsmöglichkeiten. Der ländliche Raum hat Potenzial bei der Integration, weil die sozialen Kontakte enger sind. Das müssen wir nutzen, dann kann auch so etwas wie ein neues Heimatgefühl entstehen.

Frage: Heimat ist ein schwieriger Begriff …

Christian Schmidt: … aber politisch sehr aktuell. Gerade in unserer komplizierten und immer schwerer zu verstehenden Welt wird Heimat für den Einzelnen immer wichtiger. Einer unserer Ansätze ist es dabei, Mehrfunktionenhäuser zu schaffen, in denen die Menschen neben Arztbesuchen auch behördliche Gänge tätigen können. All das sind Dinge, die reale Heimat bedeuten.

Frage: Ist die Debatte über eine deutsche Leitkultur dabei hilfreich?

Christian Schmidt: Es ist richtig und wichtig, dass wir die Debatte über die Leitkultur jetzt führen. Nur wer eine klare Vorstellung von seiner eigenen Kultur und seinen Werten hat, kann diese auch von anderen einfordern. Unsere Leitkultur beschränkt sich nicht auf das Händeschütteln. Dazu gehören unsere Sprache, unser Verständnis von Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und auch unsere Traditionen.

Frage: Wie entsteht Heimat?

Christian Schmidt: Ich sehe zum Beispiel die Landkreise als wichtige Akteure …

Frage: … Es werden aber immer wieder Kreise zusammengelegt, um Verwaltungskosten zu sparen. Zerstört das Heimat?

Christian Schmidt: Von dieser allein auf Kosteneffizienz ausgerichteten Politik müssen wir uns schnellstens verabschieden. Zum Glück gibt es in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern jetzt wieder eine Gegenbewegung - mehr Dezentralisierung mit mehr Verwaltung auf dem Land. Wir müssen auch für die Menschen in ländlichen Regionen mit einer funktionierenden Verwaltungsinfrastruktur vor Ort sein. Auch eine flächendeckende Gesundheitsversorgung ist wichtig.

Frage: Entscheidet sich die nächste Bundestagswahl auf dem Land?

Christian Schmidt: Ich würde es eher so formulieren: Die Bundestagswahl kann auf dem Land verloren werden. Deswegen haben wir die ländlichen Räume ganz oben auf die Agenda gesetzt.

Frage: Werden Land und Landwirtschaft ein Wahlkampfthema?

Christian Schmidt: Auf jeden Fall. Im Kern geht es um eine Landwirtschaft, die möglichst umweltschonend ist, mehr Tierwohl bietet und gleichzeitig ein gutes Auskommen für die Landwirte sichert. Dabei wird gerade die Zukunft kleinerer Betriebe eine große Rolle spielen. Ich möchte den Fokus der Förderung stärker auf Familienbetriebe richten und keine Megabetriebe fördern, die von Hedgefonds verwaltet werden.

Quelle: Die Welt vom 29. Mai 2017

Fragen von:
Claudia Ehrenstein
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