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Landwirt ist ein moderner und zunehmend digitaler Zukunftsberuf.

Datum:
24.06.17

Bundesminister Christian Schmidt spricht im Interview mit den "Fränkische Nachrichten" über Landwirtschaft, Nachhaltigkeit, Milch und das Tierwohllabel

Frage: Herr Minister Schmidt, was macht für Sie den Reiz aus, das Amt des Bundeslandwirtschaftsministers zu bekleiden?

Christian Schmidt: Die Landwirtschaft steht vor großen Herausforderungen: Für den Klimawandel, nachhaltiges Wirtschaften und die wachsenden Ansprüche an die Tierhaltung müssen jetzt Antworten gefunden werden. Dafür braucht die Landwirtschaft aber auch einen festen Platz in der Gesellschaft. Deshalb ist Landwirtschaftspolitik Gesellschafts- und Strukturpolitik gleichermaßen. Das ist eine spannende Aufgabe.

Frage: Wie beurteilen Sie die Zukunft der gesamten Branche in Deutschland?

Christian Schmidt: Die Branche hat aus zwei Gründen eine gute Perspektive. Erstens nimmt die Weltbevölkerung weiter zu und unsere qualitativ hochwertigen landwirtschaftlichen Produkte werden auch in Zukunft gefragt sein. Zweitens ist die Landwirtschaft gerade dabei, klimaorientierte und nachhaltige Ziele zu entwickeln. Ich erlebe eine große Innovationsbereitschaft.

Frage: Vom "SuedLink" sind viele Bauern in der Region direkt betroffen, deren Boden in Beschlag genommen wird. Sie plädieren für eine wiederkehrende Entschädigung. Welche Zusagen können Sie Ihnen machen?

Christian Schmidt: Wer betroffen ist, muss angemessen entschädigt werden. Ich halte die Umstellung auf wiederkehrende Entschädigungsregelungen statt einmaliger Leistung für den richtigen Weg. Wir müssen aber auch darauf achten, dass keine Überkompensation stattfindet. Mein Haus führt hierzu bereits gute Gespräche mit dem zuständigen Wirtschaftsministerium.

Frage: Der Strukturwandel hat vor allem bei Schweineproduzenten seine Spuren hinterlassen; seit 1992 haben mehr als 90 000 Ferkelerzeuger aufgegeben. Wo muss die Politik die Hebel ansetzen, um diese Entwicklung einzudämmen?

Christian Schmidt: In den letzten drei Jahren hat sich die Zahl der Betriebsaufgaben prozentual verringert. Das ist eine gute Botschaft. Damit sich dieser Trend fortsetzen kann, brauchen unsere Tierhaltungsbetriebe Planungs- und Rechtssicherheit. Deshalb arbeite ich derzeit an meiner Nutztierhaltungsstrategie. Ich bin davon überzeugt, dass die Zukunft in der Qualitätsvermarktung liegt. Man muss Marken schaffen, etwa wie das Hohenloher Landschwein - das ist der richtige Weg. Die reine Massenproduktion, in der das Kilo Grillfleisch für 2,99 Euro vermarktet wird, ist keine Wertschöpfung für den Standort Deutschland. Ich will aber auch das Bewusstsein der Verbraucher schärfen. Qualitativ hochwertige Lebensmittel sind ihren Preis wert, aber nicht billig.

Frage: Heiß diskutiert wird zurzeit die Ferkelkastration, die gesetzlich ohne vorherige Narkose verboten ist und hohe Kosten verursacht. Wie wollen Sie die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Ferkelerzeuger gewährleisten ?

Christian Schmidt: Aus dem Lebensmitteleinzelhandel habe ich deutliche Signale erhalten, dass bereits vor dem gesetzlichen Verbot 2019 kein Fleisch von betäubungslos kastrierten Schweinen mehr verkauft werden soll. Die Händler erkennen hier einen Wettbewerbsvorteil - den Landwirten bietet sich eine Chance mitzuziehen. Es gibt Alternativen zur betäubungslosen Kastration - den vierten Weg der Lokalanästhesie. Die Kosten können so im Zaum gehalten werden, ohne dass das Tierwohl leidet. Die strengsten Regelungen nützen uns nichts, wenn die Ferkel aus Kostengründen nur noch im Ausland im Stall stehen. Wir wären darauf angewiesen, Fleisch zu importieren, ohne die Haltungsbedingungen beeinflussen zu können.

Frage: Bereits jetzt werden zwölf Millionen Ferkel nach Deutschland imponiert. Ist dies politisch gewollt?

Christian Schmidt: Mein Ziel ist, die Ferkelproduktion in Deutschland so attraktiv zu gestalten, dass sie wettbewerbsfähig bleibt.

Frage: Das Magdeburger Urteil gibt vor, den Sauen mehr Platz im Kastenstall zu gewähren. Inwieweit gibt es hierzu schon eine Lösung, mit der die Landwirte leben können?

Christian Schmidt: Obwohl die Länder dafür zuständig sind, habe ich eine Initiative gestartet, um zu einer tragfähigen Lösung für alle Beteiligten zu kommen. Das geht aber nicht von einem Tag auf den anderen. Aus Baden-Württemberg habe ich Vorschläge für eine 20-jährige Übergangsfrist für Bestandsbauten bekommen. Landwirte, die in den letzten Jahren investiert haben, darf die Neuregelung nicht kalt erwischen. Ich trete für eine vernünftige Übergangsregelung ein. Bei Neubauten stellt sich die Situation anders dar.

Frage: Trotz zuletzt gestiegener Preise klagen nach wie vor viele Milchbauern darüber, dass sich die Produktion nicht rentiert. Wo sehen Sie Mittel und Wege, diesem Teilbereich der Landwirtschaft effektiv unter die Arme zu greifen?

Christian Schmidt: Ich rate bei der Milch zu Qualität statt Masse. Schon vor der Abschaffung der Milchquote habe ich vor einem unkontrollierten Produktionsfeuerwerk gewarnt, das uns letztendlich tiefer in die Krise geführt hat. Es kann nicht dauerhaft mehr produziert werden, als auch abgenommen wird. Wir müssen genossenschaftliche und private Molkereien sowie den Lebensmitteleinzelhandel stärker in die Pflicht nehmen. Deshalb müssen wir endlich an die Strukturen und Lieferbeziehungen ran. Unsere Bauern dürfen nicht das alleinige Preisrisiko tragen. Leider lässt der Veränderungswille der Branche mit den steigenden Milchpreisen schon wieder nach. Deshalb bin ich auf europäischer Ebene dabei, die rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen, damit die Lieferbeziehungen sich zugunsten der Landwirte verbessern. Die Branche kann nicht immer nur in der Krise nach dem Staat rufen. 600 Millionen Euro Hilfe, wie wir sie jetzt gewährt haben, sind keine Selbstverständlichkeit. Ich erwarte deshalb Strukturreformen und eine faire Risikoverteilung.

Frage: Regional gibt es Kooperationen zwischen Molkereien und Discountern, so genannte Mehrwertprogramme, deren Erlös in vollem Umfang den Milchbauern zugutekommt. Ein Weg, der flächendeckend beschritten werden könnte?

Christian Schmidt: Regional ist dieser Weg gut aufgehoben. Ob das bundesweit mit dem Lebensmitteleinzelhandel klappt, ist auch eine Frage des Wettbewerbs und des Kartellrechts. Das Beispiel zeigt aber, dass die Verbraucher bereit sind, mehr Geld für die Produkte zu bezahlen. Auch Butter erzielt im Augenblick Rekordpreise, und trotzdem wird sie nachgefragt. Es lassen sich also höhere Preise am Markt durchsetzen, wenn der Verbraucher weiß, dass der höhere Preis auch beim Bauern ankommt.

Frage: Durch den Strukturwandel hören immer mehr kleinere Betriebe auf, die bislang schwierig zu bewirtschaftende Flächen, wie die Hanglagen im Taubertal, bearbeitet haben. Was gedenken Sie gegen diesen Trend zu tun?

Christian Schmidt: Wir haben erfreulicherweise einen Rückgang der Betriebsaufgaben. Aber natürlich brauchen vor allem kleine und mittlere Betriebe unsere Unterstützung bei der Bewältigung der anstehenden Herausforderungen. Deshalb setze ich mich bei der künftigen Ausrichtung der europäischen Agrarpolitik für eine stärkere Fokussierung auf den aktiven, in der Region verwurzelten Landwirt ein. In der neuen Förderperiode werden wir auch über die Ausgleichszahlungen für benachteiligte Gebiete reden müssen.

Frage: Die gesamte Fleischbranche -Landwirtschaft, Schlachthöfe und Lebensmittelhandel - hat vor drei Jahren ein Tierwohlprogramm initiiert, das um drei Jahre verlängert wurde. Warum hat Ihr Ministerium jetzt ein eigenes derartiges Programm aufgelegt, das vielen Landwirten kontraproduktiv erscheint?

Christian Schmidt: Ich will das Tierwohl in der Breite verbessern. Die Brancheninitiative hat einen Weg aufgezeigt. Die Erfahrung zeigt aber, dass wir Verbraucher im Supermarkt nicht nachvollziehen können, ob wir tatsächlich zu Fleisch von Tieren greifen, die nach den Kriterien der Brancheninitiative gehalten wurden. Beimeinem Tierwohllabel setze ich auf klare und transparente Kennzeichnung. Die Käufer können so Produkte, bei denen die Tiere mit mehr Tierwohl gehalten wurden, auf einen Blick erkennen. Das ist wichtig für die Kaufentscheidung. Wer das für kontraproduktiv hält, dem sage ich: Das Tierwohllabel gibt auch Landwirten gute Möglichkeiten, ihre Einnahmen zu stabilisieren. Tierwohl kann es nicht zum Nulltarif geben. Die Bauern müssen für die notwendigen Investitionen auch bessere Preise erzielen können.

Frage: Wie wichtig ist für Sie der Begriff Nachhaltigkeit?

Christian Schmidt: Extrem wichtig. Nachhaltigkeit ist nicht nur international ein großes Ziel, sie ist die Grundlage dafür, dass auch die nächsten Generationen noch Landwirtschaft betreiben können.

Frage: Wie wollen Sie dem seit vielen Jahren zunehmenden Bürokratieaufwand in der Landwirtschaft begegnen?

Christian Schmidt: Wir müssen bei den Grundprinzipien ansetzen: Mehr Pauschalierungen statt Detailregelungen. Die neue EU-Agrarpolitik sollte nicht jeden Einzelfall bis zur fünften Stelle nach dem Komma in Augenschein nehmen. Das ist ein Ansatz, der zwangsläufig in Bürokratie führt - das muss sich ändern.

Frage: Der Frost hat die Landwirtschaft, vor allem Winzer und Obstbauern, auch in der Region erneut hart getroffen-Hilfen wurden in Aussicht gestellt. In welcher Form werden sie wann bei den Betroffenen ankommen?

Christian Schmidt: Die starken Nachfröste in der Woche nach Ostern haben dem Wein- und Obstbau schwer zugesetzt. Ich habe mir in Beckstein selbst ein Bild von den Auswirkungen machen können. Die Winzer sagen mir, dass sich das Ausmaß der Frostschäden erst in den nächsten Wochen beurteilen lässt. Für die Hilfen sind die Länder zuständig. Baden-Württemberg hat den Weg dafür frei gemacht, das ist der richtige Schritt. Mein Haus steht in enger Abstimmung mit den Ländern und den betroffenen Bauern, damit wir bis zur Ernte abschätzen können, wie hoch die Verluste tatsächlich sind.

Frage: Was wird auf die deutsche Landwirtschaft zukommen vor dem Hintergrund, dass nach dem britischen Brexit EU- weit weniger Geld verteilt werden kann?

Christian Schmidt: Wir brauchen auch nach dem Brexit eine starke und solide finanzierte europäische Agrarpolitik. Sie ist übrigens ein elementarer Baustein bei der europäischen Integration, darüber müssen wir uns im Klaren sein. Ich bin mit dem EU-Haushaltskommissar Günter Oettinger im Gespräch, wie ein vernünftiges Konzept für die Finanzierung der zukünftigen gemeinsamen Agrarpolitik aussehen muss.

Frage: Was können Sieden Bauern für die Zeit nach der GAP-Reform konkret in Aussicht stellen?

Christian Schmidt: Wir werden auf jeden Fall nicht zulassen, dass die Landwirtschaft zum nachgelagerten Bereich der Umweltpolitik wird, so wie sich das manche im Bereich des Umweltministeriums wünschen. Wir werden auch in Zukunft in erster Linie Betriebe fördern, die landwirtschaftlich produzieren und in der Tierhaltung sind. Wir nehmen den aktiven, in der Region verwurzelten Landwirt in den Fokus.

Frage: Was muss insgesamt getan werden, um das Image der Landwirtschaft künftig wieder aufzupolieren?

Christian Schmidt: Die Landwirtschaft gehört in die Mitte der Gesellschaft. Und sie tut längst einiges dafür, sich dort zu etablieren. Die Bauern selbst sind interessiert daran, Informationen über die Landwirtschaft zu vermitteln. Mit dem „Tag des offenen Hofes" haben die Menschen eine gute Möglichkeit, sich ein Bild von Landwirtschaft zu machen. Gerade Kinder und Jugendliche müssen wieder verstehen lernen, wie im ländlichen Bereich produziert wird. Deshalb habe ich auch das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft eingerichtet und stehe für ein Schulfach Ernährung. Mein Ziel ist es, dass die Landwirtschaft im Zusammenhang betrachtet und verstanden wird.

Frage: Ist der Beruf des Landwirts ein Auslaufmodell?

Christian Schmidt: Überhaupt nicht. Ich erlebe täglich Junglandwirte, die mit viel Freude und Engagement an einer innovativen Landwirtschaft arbeiten. Landwirt ist ein moderner und zunehmend digitaler Zukunftsberuf.

Quelle: Fränkische Nachrichten vom 24. Juni 2017

Fragen von:
Klaus T. Mende
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