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Eröffnungsrede der BMEL-Konferenz "Bioökonomie - Nachhaltige Alternative zur fossilen Wirtschaft?"

Datum:
04.11.14
Ort:
Berlin
Redner:
Bundesminister Christian Schmidt

Rede des Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft Christian Schmidt

Es gilt das gesprochene Wort!

Facettenreichtum der Bioökonomie

Anrede!

ich begrüße Sie im Gasometer zu dieser hochkarätig besetzen Konferenz, die sich mit den Chancen und Perspektiven der Bioökonomie beschäftigt. Die Vielfalt der Vorträge und die Vielfalt in der Zusammensetzung der Teilnehmer zeigen - der Kern der Bioökonomie liegt in der Vernetzung verschiedener Stoffströme und besticht durch einen einmaligen Facettenreichtum!

Bio und Ökonomie: Die Bundesregierung versteht darunter das nachhaltige Wirtschaften mit nachwachsenden Ressourcen.
Ob Plastiktüte, Kinderspielzeug, Kugelschreiber oder Cateringgeschirr –Biokunststoffe sind heute bereits in einer Vielzahl von Produkten zu finden. Auch im Haartrockner werden bereits biobasierte Polymere verarbeitet.
Die Wirtschaft von morgen produziert nachhaltige Wirtschaftsgüter ohne Erdöl. Ob Automobilbranche, Pharma, Ernährungs- oder Landwirtschaft, Energie oder Maschinenbau, in der Entwicklung und Umsetzung einer biobasierten Wirtschaft sind alle Produktionszweige gefragt!

Das Zusammenspiel der Branchen gewinnt zunehmend an Dringlichkeit! Fossile Rohstoffe sind begrenzt. Es ist eine Frage der Generationengerechtigkeit, fossile Rohstoffe, die sich in Jahrmillionen angesammelt haben, nicht innerhalb von einem Jahrhundert zu verbrauchen. Diese Lebensgrundlage muss Schritt um Schritt durch nachhaltige und nachwachsende Ressourcen ersetzt werden. Dies ist nicht nur ein Gebot wirtschaftlicher und politischer Vernunft, sondern auch das Gebot zur Wahrung unserer Schöpfung!

Wir müssen daher alle Potenziale nutzen und uns zusammentun, um die vielfältigen Bedürfnisse der Weltbevölkerung befriedigen zu können.

Dabei sollten wir die zwei grundlegenden Leitlinien immer vor Augen haben:

  • Erstens, den Vorrang der Ernährungssicherung und
  • zweitens, die Nachhaltigkeit der Produktion!

Ich möchte Ihnen für diesen nachhaltigen Facettenreichtum einige Beispiele geben. Vor kurzem habe ich in Nürnberg die Ausstellung „BAUnatour“ eröffnet. Dort habe ich mich davon überzeugen können, wie man eine Strohwand verputzen, mehrgeschossige Häuser aus nachwachsenden Rohstoffen bauen und sanieren kann und wie man diese dann noch mit Pellets beheizen kann.

Die Bioenergie hat das Potenzial bis 2050 etwa 1650 Pikojoule zu ersetzen. Das entspricht fast einem Viertel des gesamten Deutschen Energiebedarfs. Auf diesem Wege könnten wir fast 40 Millionen Tonnen Erdöl einsparen!

Neben dem Einsparungspotenzial fossiler Energieträger, lassen sich folgende Aspekte in die Waagschale werfen: Zum einen eine oft verbessere Treibhausgasbilanz. Zum anderen die einfache Entsorgung durch Recycling und Kompostierung. Biobasierte Güter entstehen aus klimaschonenden Rohstoffen, die als CO2-Speicher dienen. Darüber hinaus schaffen sie regionale Wertschöpfungsketten, die unsere ländlichen Räume stärken und sichern.

Diese Bedeutung muss sich auch in der Forschung widerspiegeln. Denn die stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe leistet einen besonderen Beitrag zur Lösung langfristiger Problemstellungen beim Umwelt- und Klimaschutz und dem Welthunger. Das Förderprogramm Nachwachsende Rohstoffe ist mit jährlich 60 Millionen Euro ausgestattet. Diese Summe steht für Forschungs-, Entwicklungs- und Demonstrationsvorhaben sowie zur Markteinführung nachwachsender Rohstoffe zur Verfügung.

Meine Damen, meine Herren, nur mit der Bioökonomie können wir den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen. Und nur wenn wir nachhaltig handeln, wird es auch eine echte, langfristig tragende Chance für den ländlichen Raum!

Bedeutung für den ländlichen Raum

Die Bioökonomie spielt eine zentrale Rolle in den Kernbereichen meines Hauses: Unsere nachhaltige Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft erzeugt die nachwachsenden Rohstoffe der biobasierte Wirtschaft.

Zugleich werden auch biobasierte Produkte in der Landwirtschaft eingesetzt. Ein Beispiel etwa sind Mulchfolien aus nachwachsenden Rohstoffen, die nach Gebrauch auf dem Acker untergepflügt werden können. Damit müssen sie weder kostenintensiv entsorgt werden, noch verbleiben sie als Abfall in der Umwelt.

Von der Erzeugung und der Verwendung nachwachsender Ressourcen profitiert der ländliche Raum im besonderen Maße. Denn eine starke, diversifizierte und nachhaltige Landwirtschaft ist die Grundlage für mehr Wertschöpfung. Wenn wir uns die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage vor Augen führen, dann wird deutlich, wie wichtig eine Diversifizierung für unsere Landwirte ist.
Die Erzeugerpreise sind ein empfindlicher Indikator, der uns anzeigt, wie notwendig ein zweites oder drittes Standbein zur Einkommenssicherung im ländlichen Raum sein kann. Die politische Krise in der Ukraine, das russische Handelsembargo und die ausgezeichnete Ernte – an sich ja höchst erfreulich - haben die Gewinne der Landwirtschaft geschmälert.

Die Bioökonomie setzt dem etwas entgegen. Sie schafft neue Absatzwege und Arbeitsplätze und sichert so ein gutes Einkommen für Familienbetriebe, ebenso wie es für größere Agrar- und Forstunternehmen wirtschaftliche Potenziale schafft.
Im Jahr 2009 lag der Umsatz der biobasierten Wirtschaft bei etwa 754 Millionen Euro in Deutschland. Das sind fast 40 Prozent des Gesamtumsatzes der Europäischen Union. Damit bildet die landwirtschaftliche Urproduktion die Grundlage für eine innovative biobasierte Wirtschaft!

Ernährungssicherung

Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass die Ernährungssicherung Priorität hat! Derzeit leiden etwa 805 Millionen Menschen Hunger. Bis 2050 wird die Weltbevölkerung von derzeit 7 Milliarden auf voraussichtlich 9,2 Milliarden Menschen anwachsen.

Schätzungen zufolge müssen wir die globalen landwirtschaftlichen Erträge um 70 Prozent steigern, um den Welthunger zu sättigen. Der zunehmenden Ressourcenknappheit müssen wir durch den vermehrten Einsatz von nachhaltig erzeugten biobasierten Ressourcen begegnen. In Deutschland wollen wir das durch mehr Forschung und Entwicklung unterstützen.

Liebe Kollegin, Frau Professorin Wanka, sicherlich werden Sie zur Forschung für den Gesamtbereich der Bioökonomie später noch mehr sagen. Über mein Haus kann ich berichten, dass wir zum Beispiel auf den Einsatz moderner Züchtungsmethoden setzen, die das Leistungspotenzial der Kulturpflanzen verbessern. Das sogenannte Smart Breeding darf mit der Gentechnik keinesfalls verwechselt werden! Es geht um Pflanzen, die auf nährstoffarmen Böden gut wachsen können oder an Standorten mit Wassermangel trotzdem gedeihen. Großes Potenzial sehe ich auch in der Algenproduktion: Algen besitzen die Fähigkeit CO2 zu fixieren. Dabei können sie sogar Nährstoffe aus Abwässern nutzen.

Lassen Sie mich das nochmal ganz deutlich sagen: Primäres Ziel ist es, die Welternährung nachhaltig zu sichern. Daran darf es keinen Zweifel geben. Es geht aber auch darum, die deutsche Wirtschaft noch rohstoffeffizienter und damit wettbewerbsfähiger zu machen!

Nachwachsende Rohstoffe für Energie und Industrie

Mit der Bioökonomie untrennbar verbunden ist die Energiepolitik. Nur mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien wird uns die Energiewende gelingen. Hierbei spielt die Biomasse eine herausragende Rolle: Als nachwachsender Rohstoff des ländlichen Raumes ist Biomasse der einzige problemlos speicherbare Energieträger und kann bedarfsgerecht eingesetzt werden.

In Deutschland bestehen die erneuerbaren Energien zu Zweidritteln aus Bioenergie. Um die Energieziele der Bundesregierung bis 2050 zu erreichen, muss der Biomasseanteil weiter steigen. Auch die gerade neu aufgelegten Klimaziele tragen dazu bei, die Abkehr von den fossilen Energieträgern hin zur Biomasse voran zu treiben. Das können wir aber nur erreichen, wenn die Gesellschaft und die Wirtschaft hinter diesem Konzept stehen. Akzeptanz für Veränderungen an der Kulturlandschaft und in der Kulturlandschaft ist ebenso bedeutsam, wie die Umstellung auf eine nachhaltige Produktionsweise.

Wir werden darauf achten, dass Flächenkonkurrenzen nicht verstärkt werden. Denn die Förderung des Ausbaus der Bioenergie hatte in der Vergangenheit auch unerwünschte Nebeneffekte. Hier haben wir nachgesteuert und vor allem die Förderung im EEG besser konditioniert. Durch die neue GAP – Reform haben wir die Möglichkeit geschaffen, Kurzumtriebsplantagen auf ökologischen Vorrangflächen anzubauen. Für die Landwirtschaft bedeutet das: Sie kann ihre Stoff- und Kreislaufwirtschaft aufrechterhalten und somit weiterhin nachhaltig wirtschaften!

Meine Damen und Herren, nachwachsende Rohstoffe finden sich aber nicht nur im Agrarbereich wieder. Sie begleiten uns im Alltag und liefern Bausteine für High-Tech-Produkte - von der Zahnbürste über innovative Dämmstoffe bis hin zu Rennwagen und Implantaten im Medizinbereich. Schon heute setzt die chemische Industrie 2,7 Millionen Tonnen nachwachsende Rohstoffe ein. Dies sind immerhin rund 13 Prozent der verwendeten organischen Rohstoffe. Wenngleich sich Deutschland schon jetzt im Spitzenfeld bewegt - eine Steigerung ist wünschenswert!
Wir müssen aber auch hier an einem Strang ziehen, wenn wir eine Umstellung auf nachwachsende Ressourcen in allen Bereichen schaffen wollen. Deshalb arbeiten wir derzeit gemeinsam mit Partnern aus der Industrie, der Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen an freiwilligen Nachhaltigkeitsstandards für feste Biomasse.

GFFA

Es reicht aber nicht aus, dass Deutschland allein voranschreitet. Die internationalen Stoffströme der Bioökonomie sind eng vernetzt. Ein globales Ziel lässt sich nur gemeinsam mit unseren internationalen Partnern ansteuern.

Ich habe daher Landwirtschaftsminister aus allen Kontinenten zum Global Forum for Food and Agriculture im Januar 2015 nach Berlin eingeladen. Wir wollen Anstöße diskutieren und Zeichen setzen, wie die Landwirtschaft ihrer Verantwortung als Nahrungslieferant nachkommen und gleichzeitig das Potenzial der biobasierten Wirtschaft sichern kann.

Neben dem politischen Gipfel finden im Rahmen des dreitägigen GFFA auch öffentliche Fachveranstaltungen zum Thema statt. Ich lade Sie ein, sich dort in die Diskussion einzubringen und Ihre Erfahrungen, Ihr Wissen und Ihre Ideen mit Kollegen und Experten auszutauschen. Denn die Kernfrage des GFFA lautet: Wofür steht die Landwirtschaft? Und eins ist sicher: Es ist keine singuläre Aufgabe, sondern ergibt sich aus der Vernetzung der Lieferung mit Nahrung, Energie und weiteren Agrarrohstoffen.

Abschluss

Die heutige Konferenz wird daher auch über den nationalen Tellerrand hinausschauen. Ich freue mich, dass wir heute gemeinsam mit Gästen aus Südafrika, Malaysia und unseren europäischen Nachbarn internationale Fragestellungen für den notwendigen Ausbau der nachhaltigen Bioökonomie erörtern können.

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