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Antibiotika in der Medizin – "Eine Gesundheit" für Mensch und Tier

Datum:
01.07.15
Ort:
Berlin
Redner:
Bundesminister Christian Schmidt

Rede des Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft Christian Schmidt beim CDU/CSU Kongress Antibiotika im Deutschen Bundestag.

Es gilt das gesprochene Wort

Anrede,

Anteil der Landwirtschaft an Antibiotikaresistenzen - G7 Gipfelbeschluss zu "One-Health"

Antibiotikaresistenzen sind ein Thema, dass die Menschen umtreibt – und das nicht erst seit dem G7-Gipfel auf Schloss Elmau.

Eine Studie aus dem Geschäftsbereich meines Hauses hat gezeigt, dass zwei Drittel (64%) der Verbraucher das Thema beunruhigt – und das war bereits im Januar.

Als Ursache für die Entstehung und Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen wurde in derselben Studie von der Mehrheit der Befragten (53%) der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung genannt (BfR-Verbrauchermonitor, Januar 2015)

Doch stammen die für Infektionen beim Menschen besonders bekannten Erreger– die MRSA Keime – nur zu 5 Prozent aus der Tierhaltung. (BfR, Januar 2015)

Die Wissenschaft hat uns noch keine exakten Daten geliefert, wer zu welchem Anteil für Antibiotikaresistenzen verantwortlich ist.

Klar ist aber: Antibiotikaresistenzen haben multikausale Ursachen. Die Gefahr der Antibiotikaresistenzen geht nicht nur von der Nutztierhaltung aus.

Hier zeichnet die öffentliche Debatte teilweise doch ein sehr einseitiges Bild.

Unsere Landwirte sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Aber es ist nicht ihre alleinige Verantwortung.

Alle, die mit Antibiotika befasst sind, tragen ihren Teil der Verantwortung.

Ich begrüße deshalb den in Elmau festgelegten sogenannten "One-Health-Ansatz" der G7 ausdrücklich. Kollege Gröhe und ich verfolgen diesen Ansatz schon seit längerem. Weil wir beide wissen: Erfolgreich gegen Antibiotikaresistenzen vorgehen können wir nur, wenn Veterinär- und Humanmedizin eng zusammenarbeiten.

Unsere Landwirte sind für das Thema sensibilisiert. Dies ist eine der Botschaften die ich vom Deutschen Bauerntag mitgenommen habe.

Unseren Landwirten und Tierhaltern ist die von Antibiotikaresistenzen ausgehende Gefahr sehr bewusst. Sie wissen um die öffentliche Dimension, sie sorgen sich aber auch um die Gesundheit ihrer Tiere in ihren Betriebe. Denn es geht auch um ihre wirtschaftlichen Grundlagen.

Antibiotikaeinsatz in der Landwirtschaft

Die Erkenntnis, dass Antibiotikaresistenzen die öffentliche Gesundheit und die landwirtschaftliche Produktivität bedrohen, ist uns nicht über Nacht erwachsen.

Etwa ab Mitte der 1990er Jahre wurde dem Phänomen der Antibiotikaresistenz zunehmend Beachtung geschenkt.

Besonders im Veterinärbereich und in der Landwirtschaft haben wir früh die Zeichen der Zeit erkannt und wichtige Vorschriften erlassen.

Seit 2002 können Arzneimittel für Tiere nur abgegeben werden, wenn die zu behandelnden Tiere vor Verschreibung bzw. Abgabe eines Arzneimittels von einem Tierarzt untersucht wurden.

Außerdem haben wir sichergestellt, dass für Tiere, die Produkte für unsere Ernährung liefern, keine größeren Mengen von Antibiotika verschrieben werden. Sie dürfen nur für 7 Behandlungstage verschrieben oder abgegeben werden. Danach muss der Tierarzt für eine weitere Behandlung erneut hinzugezogenen werden.

Der Tierhalter darf also keine Notfallapotheke vorhalten und nach Gutdünken seine Tiere behandeln.

All dies haben wir bereits vor mehr als 10 Jahren im Arzneimittelgesetz (AMG) geregelt.

Und wir haben für mehr Transparenz gesorgt. Seit 2011 wissen wir, wieviel Antibiotika jährlich von Großhändlern und pharmazeutischen Unternehmern an Tierärzte abgegeben werden.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, Antibiotika würden als Wachstumsförderer in der Tierhaltung verabreicht. Doch seit 2006 haben wir ein EU-weites Verbot für antibiotische Leistungsförderer. Und wir werden uns auf internationaler Ebene dafür einsetzen, dass diesem Verbot weitere Länder folgen.

Meine Damen und Herren, Antibiotika sind eine der herausragenden Errungenschaften der Menschheit. Antibiotika sind ein hohes Gut und wir müssen alles tun, dieses für uns und künftige Generationen zu erhalten. Einen Rückfall in prä-Penicillin-Zeiten können wir uns schlicht nicht leisten. Aus humanitären Gründen nicht und auch aus wirtschaftlichen nicht.

Ein ganzes Geflecht an Regelungen ermöglicht uns heute eine sehr gute Kontrolle der Antibiotikagabe in der Tierhaltung.

Aber wir müssen uns gleichzeitig immer wieder in Erinnerung rufen, dass es hier um ein hohes Gut geht.

Diese komplexen Regelungen schützen das hohe Gut unserer Gesundheit und die unserer Tiere. Darum gilt meine Anerkennung den vielen Tierärzten, Landwirten und Vollzugsbehörden, die diese Herausforderung meistern.

Bedenken Sie: Dank dieser Regelungen sind in Deutschland Probleme wie "Hormonmissbrauch in der Tiermast" oder "Rückstände pharmakologisch wirksamer Stoffe in Lebensmitteln tierischen Ursprungs" nahezu ausgemerzt.

DART Strategie

Wir haben bereits einen hohen Standard in der Tiermedizin erreicht. Der G7-Gipfel und die getroffenen Beschlüsse verdeutlichen aber einmal mehr, dass es damit nicht getan ist.

Wir müssen gemeinsamen Handeln und wir müssen quer über alle betroffenen Sektoren handeln.

Deutschland setzt hier nicht bei Null an. Wir sind mit der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART) schon 2008 voran gegangen.

Die Entwicklung der DART in 2008 war ein Meilenstein bei der Bündelung von Erkenntnissen und Maßnahmen ganz unterschiedlicher Bereiche, nämlich Humanmedizin, Veterinärmedizin, Landwirtschaft und Forschung.

Gerade in diesem integrativen Ansatz liegt der "Mehrwert" der DART.

Vor wenigen Wochen haben wir die aktuelle "DART 2020" veröffentlicht. Sie setzt konsequent den One-Health-Ansatz um.

Damit wir die dort gesetzten Ziele, wie z. B. eine verbesserte Diagnostik oder frühzeitigere Resistenzerkennung erreichen, setzen Maßnahmen sowohl in der Human- als auch in der Veterinärmedizin an. Denn Tiere und Menschen werden oft von denselben Krankheitserregern infiziert und deshalb mit denselben Antibiotika behandelt.

Die Antibiotika-Minimierungsstrategie in der 16. AMG- Novelle

Ein Baustein zur Umsetzung der DART 2020 ist die 16. AMG-Novelle.

Sie schafft wichtige gesetzliche Grundlagen. So konnten wir im letzten Jahr den Grundstein für ein staatlich kontrolliertes Benchmarking-System mit bundesweiter Ermittlung von Kennzahlen zur Therapiehäufigkeit von Masttieren legen.

Damit können wir erstmalig die Betriebe bundesweit hinsichtlich der Häufigkeit ihres Antibiotikaeinsatzes vergleichen.

Wie funktioniert dieses Benchmarking?

Alle Halter von zur Mast gehaltenen Rindern, Schweinen Hühnern und Puten melden den Einsatz von Antibiotika bei ihren Tieren an eine staatliche Datenbank. Aus diesen Meldungen wird für jeden Betrieb und jede Tierart berechnet, wie häufig die Tiere im letzten Halbjahr im Durchschnitt mit Antibiotika behandelt wurden (sogenannte Therapiehäufigkeit).

Tierhalter können sich so vergleichen und ihren Antibiotikaeinsatz kritisch überprüfen. Über abgestufte Maßnahmen können sie die Gesundheit ihrer Tiere verbessern und dadurch den Antibiotikaverbrauch senken.

Der Schwerpunkte liegt dabei auf der Vorbeugung von Krankheiten und der Gesunderhaltung der Tiere, denn gesunde Tiere benötigen keine Antibiotika.

Betriebe mit hohem Antibiotikaverbrauch sind verpflichtet, tierärztlichen Rat einzuholen und eventuelle Anordnungen der Veterinärbehörde zu berücksichtigen.

Die zuständigen Überwachungsbehörden der Länder können die ermittelten Therapiehäufigkeiten zur Planung ihrer risikobasierten Kontrollen von Tierhaltern und Tierärzten nutzen.

So greifen alle Maßnahmen ineinander und führen kontinuierlich zu einer Senkung der Antibiotikagaben.

Die ersten Vergleichszahlen liegen nun vor. Und wenn Kritiker meinen, diese seien nicht aussagekräftig, so halte ich diese Kritik für verfrüht. Ich danke vielmehr den Landwirten, für Ihre aktive Beteiligung! Das System muss erst einmal anlaufen. Geben wir ihm Zeit.

Lassen Sie mich noch auf einen Bereich eingehen, der für Mensch und Tier von großer Bedeutung ist und viel diskutiert wird: Der Einsatz sog. Reserveantibiotika in der Tiermedizin. Dies sind Antibiotika, die bei Menschen und Tieren nur dann zum Einsatz kommen sollten, wenn die Standardtherapie versagt.

Hier gilt es zu einem umsichtigen Einsatz zu kommen, da Resistenzen besonders fatal wären. Die 16. AMG-Novelle enthält entsprechende Ermächtigungen zur Beschränkung des Einsatzes dieser Antibiotika bei Tieren.

Klar ist: Tiere müssen jederzeit die notwendige arzneiliche Versorgung erhalten.

Ein Verbot von Reserveantibiotika in der Tiermedizin wäre auf Grundlage des geltenden AMG daher nicht zulässig. Und natürlich auch nicht mit dem Tierschutz vereinbar.

Denkbar ist jedoch eine striktere Reglementierung.

Ich plane, in den nächsten Monaten ein Eckpunktepapier vorzulegen, das diesen wichtigen Fragen Rechnung trägt.

Weitere Initiativen zur Antibiotikaminimierung in der Landwirtschaft

Ein wichtiger Baustein zur Minimierung von Antibiotikaresistenzen ist die Erhaltung und Förderung der Tiergesundheit. Hier wirken die Maßnahmen meiner Tierwohl-Initiative "Eine Frage der Haltung" im doppelten Sinne positiv: Zum Wohl der Tiere und zum Wohl der Menschen, da bei verbesserter Haltung weniger Antibiotika eingesetzt und so weniger Resistenzen gebildet werden.

Auch das 2014 in Kraft getretene Tiergesundheitsgesetz setzt verstärkt auf Prävention. Hierzu zählen auch die Rahmenbedingungen für den Einsatz von Impfstoffen, die deutlich verbessert wurden.

Meine Damen und Herrn, niemand kann sich der Erkenntnis verschließen, dass viele Bereiche des Lebens, sei es die Landwirtschaft, die Veterinärmedizin, die Arztpraxis oder das Krankenhaus, zur Entstehung von Antibiotikaresistenzen beitragen. Es gibt, wie ich eingangs sagte, in einem multikausalen Geschehen nicht nur eine Ursache.

Ich bin sicher, mit der DART 2020 sind wir auf dem richtigen Weg.

Sie gibt uns ein klares Ziel und einen klaren Auftrag: Jeder leistet seinen Beitrag zur Minimierung von Resistenzen: in seinem Stall, in seinem Haus oder in seiner Praxis.

Wir haben jetzt die Chance, eine der großen Errungenschaften der Menschheit zu retten: Antibiotika als Waffe gegen lebensbedrohliche Krankheiten.

Verspielen wir diese Chance nicht!

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