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Nachhaltigkeit ist der Schlüsselbegriff unserer Zeit

Datum:
03.05.16
Ort:
Berlin
Redner:
Bundesminister Christian Schmidt

Rede des Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft Christian Schmidt zur IASS Konferenz, mit dem Titel "Jump-starting the SDGs in Germany: natural resources and sustainable consumption and production" am 3. Mai 2016 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort

Anrede,

Es war ein historischer Moment, als vor gut einem halben Jahr die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung in New York von der Staatengemeinschaft verabschiedet wurde. Die Agenda 2030 steht für das Versprechen der Weltgemeinschaft, sich gemeinsam den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu stellen und allen Menschen ein Leben in Würde und Wohlstand zu ermöglichen. Sie ist unser Vertrag mit der Zukunft, unser Vertrag mit unserer Zukunft. Die Agenda 2030 nimmt jedes Land, jedes Unternehmen, ja, jeden einzelnen von uns in die Verantwortung, seinen Teil für diese Zukunft beizutragen. Deutschland stellt sich seiner Verantwortung. Wir wollen eine Vorreiterrolle einnehmen und setzen in unseren nationalen Politiken genauso wie in der internationalen Zusammenarbeit konsequent auf Umsetzung der Nachhaltigkeit. Der Begriff des ganzheitlichen Ansatzes, holistical approach, ist auch ein Auftrag an unsere Politik. Schwerpunkt auf SDG 2, aber auch auf die anderen SDG. Wir müssen aus den eindimensionalen Betrachtungen heraus und Ziele und Politiken bündeln. Um unseren Willen zu unterstreichen und unsere Arbeiten transparent zu machen, sind wir Teil einer neunköpfigen, hochrangingen Unterstützergruppe für die Umsetzung der Agenda 2030.

Schweden ist Initiator dieser Gruppe. Und ich danke Ihnen, sehr geehrte Frau Staatssekretärin Fjaestad, ganz besonders für diese Initiative. Wir sind bereit unseren Teil zum Erfolg dieser Initiative beizutragen. Gemeinsam mit den anderen Vorreitern werden wir im Rahmen des "High-Level Political Forum" im Juli 2016 in New York über den Fortschritt der Umsetzung der Agenda 2030 in unseren Ländern berichten. Unsere Konferenz bildet hierfür in Deutschland den Auftakt. Sie ist die erste, die zu den SDGs in Deutschland stattfindet. Uns ist es dabei besonders wichtig, vor allem die Zivilgesellschaft einzubinden. Denn wir verfolgen mit unserer Nachhaltigkeitspolitik einen vertikalen Ansatz. Das ist auch einer der Grundgedanken der Agenda 2030: Nur mit Partnerschaften können wir die Umsetzung der SDGs erreichen. Dies geht nur gemeinsam! Partnerschaften, wie wir sie heute anbahnen, sind das zentrale Instrument, damit die Agenda 2030 Realität wird. Wir wollen raus aus dem Silodenken, hinein in einen übergreifenden Austausch auf allen Ebenen.

Herausforderungen der Zukunft

Nachhaltigkeit ist der Schlüsselbegriff unserer Zeit. Doch Nachhaltigkeit oder nachhaltiges Handeln sind keine Erfindung der Moderne. Der Begriff "Nachhaltigkeit" stammt aus der deutschen Forstwirtschaft und ist über 300 Jahre alt. Ursprünglich bedeutete er, dass nicht mehr Holz geschlagen werden darf, als nachwachsen kann. Und ich finde, das erklärt noch heute auf ganz plastische Art, was wir unter Nachhaltigkeit zu verstehen haben: Den schonenden Umgang mit unseren Ressourcen, damit wir, aber auch unsere Kinder und Enkelkinder in Zukunft von ihnen leben können. Doch die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind groß:

Eine wachsende und immer anspruchsvollere Weltbevölkerung verlangt nach immer mehr Nahrungsmitteln und Agrarrohstoffen. Bis 2050 müssen wir, die als Zahl uns zwar bekannten, in der gesamten Herausforderung oftmals aber noch nicht richtig erfassten, knapp 10 Milliarden Menschen weltweit satt bekommen. Gleichzeitig sind unsere natürlichen Ressourcen begrenzt. Dazu kommt: Der Klimawandel gefährdet zunehmend diese kostbaren Ressourcen. Mit der Agenda 2030 gehen wir diese Herausforderungen an – auf einer neuen, auf einer globalen Ebene.

Bekämpfung von Fluchtursachen

Wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Entwicklung und den Weg aus der Armut ist und bleibt Frieden. Doch Millionen von Menschen sind aufgrund von Krieg, Terror und Gewalt auf der Flucht – so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht. Hinzu kommen mangelnde Zukunftsperspektiven und die Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen. Die meisten, vor allem auch junge Menschen in den von Armut und Hunger betroffenen Krisenregionen leben auf dem Land. Soziale Verwerfungen, politische Unruhen und gewaltsame Konflikte können entstehen, wenn es Menschen an Nahrung, Lebensperspektiven und Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen fehlt. Wenn Nahrungsmittelpreise explodieren und die Ernährung nicht mehr gesichert ist, fördert dies massiv das Risiko gewaltsamer Konflikte. Gerade sehen wir leider in der Welt eine gegenteilige Entwicklung im Sinne von Wertschöpfung und Wertschätzung. Eine langfristige Sicherung der Welternährung kann nur durch eine leistungsfähige, lokal angepasste, nachhaltige Landwirtschaft und die Entwicklung wirtschaftlich attraktiver ländlicher Räume erfolgen. Laut einer Weltbankstudie leisten Investitionen in die Landwirtschaft einen größeren Beitrag zu Ernährungssicherung und sozialer Entwicklung als Investitionen in andere Sektoren der Volkswirtschaft. Deutschland engagiert sich deshalb gemeinsam mit seinen Partnern, um die Agrar- und Ernährungswirtschaft vor Ort zu stärken. So wollen wir Perspektiven für die Menschen in ihrer Heimat schaffen. Wir investieren auch in Forschung, um die Landwirtschaft weltweit noch effizienter und nachhaltiger zu machen und gleichzeitig die natürlichen Ressourcen zu sichern.

Ressourcen

Boden

Wir haben in Paris am Ende des vergangenen Jahres ein ambitioniertes Klimaabkommen beschlossen. Die Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius markiert einen Meilenstein der nachhaltigen Entwicklung! Gott sei Dank. Ein weiteres Kopenhagen hätten wir uns nicht mehr leisten können. Die Landwirtschaft als größter Flächennutzer der Welt kann entscheidend dazu beitragen, diese anspruchsvollen Klimaziele umzusetzen. Gemeinsam haben Klaus Töpfer, der ehemalige Exekutivdirektor des IASS, und ich dieses wichtige Thema in Paris verankert. Denn Klimawandel, Boden und Biomasse hängen eng zusammen. Nur ein gesunder Boden bringt gesunde Pflanzen und Lebensmittel hervor. Doch durch den Klimawandel mitverursachte Wetterextreme wie Dürren vernichten diesen kostbaren Lebensraum. Das ist eine verhängnisvolle Spirale, denn der Boden ist auch für das Klima entscheidend - und den Verlauf des Klimawandels. Er ist einer der größten Speicher für Kohlenstoff. Verlieren die Böden Kohlenstoff in Form von CO2 ist das nicht nur fatal für unser Klima, es geht gleichzeitig Bodenfruchtbarbeit verloren. Das wiederum ist eine Gefahr für die weltweite Ernährungssicherung. Durch verbesserte landwirtschaftliche Praktiken wollen wir erreichen, Bodenkohlenstoffvorräte zu erhalten und im besten Fall zu erhöhen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Wir müssen vorhandene Expertise bündeln und vielversprechende Ansätze weitertreiben. Dafür brauchen wir in erster Linie Forschung. Mehr Forschung insbesondere in der Anwendungsforschung. Wir brauchen eine globale Forschungsinitiativen, die theoretisches Wissen in die Praxis überführen. Ich will die Konferenz auch in diesem Sinne nutzen. Hier können wir auch auf die Initiative meines französischen Kollegen Stéphane Le Foll "4 per Mille"aufsatteln. Hier haben wir ein großes gemeinsames Stück Arbeit vor uns.

Wasser

Nicht nur der Boden, auch unser Wasserhaushalt wird vom Klimawandel bedroht. Dürren und ein Absenken des Grundwasserspiegels haben gefährliche Folgen für die Ernährungssicherung. Ich war vor wenigen Wochen im Iran. Das Land leidet unter erheblicher Wasserverknappung. In einigen Bereichen des Landes sinkt der Grundwasserspiegel um jährlich zwei Meter. Der iranische Landwirtschaftsminister hat betont: Sein Land ist darauf angewiesen, dass die Wasserreserven noch viel effizienter eingesetzt werden. Für mich hat diese Erfahrung einmal mehr die grundsätzliche Frage aufgeworfen, wie sich die Landwirtschaft an das jeweilige Land, die jeweiligen klimatischen und natürlichen Bedingungen optimal anpassen kann. So kann und sollte nicht jedes Erzeugnis an jedem Standort gewonnen werden. Milch und Käseproduktion zum Beispiel brauchen sehr, sehr viel Wasser. Wir müssen die Fragen der Arbeitsteilung und der Fragen der richtigen Produktion am richtigen Ort. Die Frage des effizienten Wassereinsatzes wird auch Thema der kommenden "Berliner Welternährungskonferenz" sein. Im Anschluss will ich im Rahmen meiner G20 –Agrarministerkollegen das Thema konkretisieren.

Agrarrohstoffe

Mit der Agenda 2030 verpflichten wir uns auch, unseren Energieverbrauch kritisch zu überprüfen und konsequent den Weg der Dekarbonisierung weiterzugehen. Sie wissen: Deutschland hat sich anspruchsvolle Energie- und Klimaziele gesetzt. Wenn wir diese Klimaziele umsetzen wollen, sind wir auf auch nachwachsende Rohstoffe als Alternative zu fossilen Rohstoffen angewiesen. Klar ist: Agrarrohstoffe dienen in allererster Linie unserer Ernährung. Ich bin der Umsetzung des Menschenrechtes auf Nahrung verpflichtet. Doch die Landwirtschaft ist – noch theoretisch wohlgemerkt - in der Lage, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren und Alternativen zu fossilen Rohstoffen bereitzustellen. Mit einem Anteil von rund 60 Prozent ist die Bioenergie die bedeutendste erneuerbare Energiequelle in Deutschland. Doch wir müssen gewährleisten, dass die zunehmend benötigten Agrarrohstoffe nachhaltig und verantwortlich produziert werden. Dann können Agrarrohstoffe eine enorme Chance für die Landwirtschaft und einen Weg aus der Armut der ländlichen Bevölkerung bedeuten. Um den Gedanken der Nachhaltigkeit konsequent umzusetzen, nutzen wir in Deutschland Mulitstakeholder-Initiaven. Mulitstakeholder-Initiaven, die auf dem Prinzip der freiwilligen Verbindlichkeit beruhen. Die Bundesregierung hat gemeinsam mit Privatwirtschaft und Nichtregierungsorganisationen die Initiative ergriffen, um den Anteil von verantwortungsvoll erzeugten und zertifizierten Agrarrohstoffen bei den Importrohstoffen zu steigern. Ein Beispiel für diese Arbeit ist das Forum Nachhaltiges Palmöl.

Wie wichtig die Arbeit des Forums ist, habe ich auch bei meinem Besuch in Indonesien vor sechs Wochen gesehen: Palmölwälder reihen sich dort an Palmölwälder. Doch viele dieser Wälder sind aufgrund von Brandrodungen entstanden. Quasi über Nacht wurde Indonesien im vergangenen Jahr durch die verheerenden Waldbrände zu einem der drei größten CO2-Emittenten weltweit. Wenn jemand den anthropogenen Faktor des Klimawandels spüren wollte, dann dort. Diesen Kreislauf müssen diesen Negativkreislauf wir durchbrechen. Mit einer Mitgliedschaft in unserem Forum Nachhaltigem Palmöl verpflichten sich die Unternehmen, zu 100 Prozent zertifiziertes Palmöl zu nutzen. Je mehr Unternehmen auf nachhaltiges Palmöl setzen, desto stärker werden sich auch die Produktionsbedingungen vor Ort verändern. Den Weg der verbindlichen Freiwilligkeit gehen wir auch bei einem anderen Agrarrohstoff: Kakao. Mit unserem Forum Nachhaltiger Kakao ist es gelungen, dass 39 Prozent des Kakaos bei Süßwaren bei uns in Deutschland aus nachhaltigem Anbau stammen. Bis 2020 will die Industrie mit Hilfe des Forums die 50-Prozent-Marke knacken. Deutschland ist der zweitgrößte Kakaoimporteur der Welt. Dies Zeit: Nachhaltigkeit über die gesamte vertikale Produktionskette ist möglich. Ziel des Forums ist insbesondere die Verbesserung der Lebenssituation der Kakaobauern. Denn das ist der Schlüssel zur Bekämpfung von Armut und der dort noch weit verbreiteten Kinderarbeit. Langfristig müssen wir dafür Sorge tragen, dass alle Agrarrohstoffe nachhaltig produziert werden. Schritt für Schritt, Rohstoff für Rohstoff, Leuchtturm für Leuchtturm: Sektorübergreifend und über die gesamte Produktionskette hinweg müssen wir auf Nachhaltigkeit setzen. Aus Interesse für unser Klima, genauso wie aus humanitären Gründen. Die Arbeit unser Nachhaltigkeitsforen kann dafür Pate stehen – weltweit.

Nachhaltigkeit des Einzelnen

Für eine konsequente und erfolgreiche Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele müssen wir unsere gesamte Art zu produzieren auf den Prüfstand stellen – national wie global. Deshalb entwickeln wir in Deutschland unsere Nationale Nachhaltigkeitsstrategie im Sinne der Agenda 2030 weiter und über die Grenzen unseres Landes hinaus. Einen ersten Bericht zur Umsetzung wird unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende des Monats vorstellen. Wir müssen auch unseren eigenen Konsum hinterfragen. Die Bundesregierung hat jüngst ein Programm zur Förderung des nachhaltigen Konsums auf den Weg gebracht. Wir tun gut daran, dies nicht mit dem Zeigefinger, sondern mit der Einladung zu einer nachhaltigen Produktion und einem nachhaltigen Konsum machen. Die Verbraucherinnen und Verbraucher können viel für eine nachhaltige Entwicklung tun – angefangen bei der tagtäglichen Ernährung. Jeder einzelne stimmt an der Ladenkasse mit darüber ab, welche Lebensmittel verkauft und wo und wie sie produziert werden. Das ist ein starker Hebel, um die Produktionsbedingungen weltweit zu verändern! Mit dem Programm für Nachhaltigen Konsum fördern wir nachhaltige Prozesse über die gesamte Lieferkette und machen sie für jeden und jede nachvollziehbar. Zu einem nachhaltigen Konsum gehört auch der sorgsame Umgang mit Lebensmitteln. Es darf nicht sein, das kostbare Nahrungsmittel bereits verloren gehen, bevor sie in den Lebensmittelhandel gelangen oder als gute Lebensmittel weggeworfen werden. Mit der Kampagne meines Ministeriums "Zu gut für die Tonne" soll die Anzahl der weggeworfenen Lebensmittel signifikant verringert werden, dies schließt auch Nachernteverluste mit ein. Denn vermeidbare Lebensmittelabfälle sind aus ethischer, ökonomischer und ökologischer Sicht nicht akzeptabel.

Meine Damen und Herren,

Es gibt viele Hebel, die wir für eine nachhaltige Entwicklung bewegen können. Doch eines ist klar: Nur im Miteinander von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft setzen wir die neuen globalen Entwicklungsziele tatsächlich nachhaltig um! Dabei gibt es keine Länder- und Sektorengrenzen. Mein Anspruch an diese Konferenz ist es, dass wir diesem Grundgedanken der Agenda 2030 gerecht werden. Ich freue mich auf die Diskussionen heute. Aber noch mehr freue mich auf unsere Ergebnisse, die - nachhaltig - über den Tag hinaus wirken. Das "Berlin Statement" wird mit Sicherheit unser aller Arbeit bereichern. In diesem Sinne erkläre ich die Konferenz für eröffnet.

Vielen Dank

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