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Rede zum Side-Event der 22. Konferenz der Parteien zur Rahmenkonvention der Vereinten Nationen zum Klimawandel (COP 22)

Datum:
12.11.16
Ort:
Marrakesch
Redner:
Bundesminister Christian Schmidt

Rede des Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft Christian Schmidt am 12. November 2016 auf der Veranstaltung von BMEL und FAO

Es gilt das gesprochene Wort

Anrede,

I. Einführung

Paris war ein Meilenstein der Klimapolitik und des Multilateralismus. Wir alle haben erst gebangt - bei aller Arbeit - und dann gefeiert. Jetzt sind wir in einer anderen Zeitrechnung. Paris war nicht das Ende, sondern der Anfang. Jetzt müssen wir beweisen, dass der Weltklimavertag weit mehr als ein Stück Papier ist. Wir müssen beweisen, dass es uns mit der Umsetzung ernst ist.

Ich freue mich, dass wir als Bundesregierung Einigung bei unserem Klimaschutzplan erzielen werden. Die finale Kabinettabstimmung wird zur Zeit und an diesem Wochenende durch ein Umlaufverfahren herbeigeführt, so dass Kollegin Hendricks aller Voraussicht nach bei ihrem Besuch hier in Marrakesch in den nächsten Tagen das Ergebnis präsentieren kann.

Doch es braucht alle gesellschaftlichen Akteure, um den Weg in eine erfolgreiche Zukunft einzuschlagen. Denn der Klimawandel macht nicht an Landesgrenzen oder Industriezweigen halt. Wir müssen als Nationen und als Staatengemeinschaft global und Sektor übergreifend die Herausforderung Klimaschutz angehen. Nur so erreichen wir das 2-Grad-, besser noch das 1,5-Grad-Ziel. Nur so werden wir ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts Treibhausgasneutral wirtschaften können. Die Land- und Forstwirtschaft ist bereit, ihren Teil der Verantwortung zu übernehmen. Schon aus eigenem Interesse: Kaum ein Wirtschaftszweig ist so stark vom Klimawandel betroffen. Dürre oder auch Regenfluten zerstören Ernten, vernichten ganze Lebensräume und gefährden so Ernährungssicherheit weltweit. Gleichzeitig spielt die Land- und Forstwirtschaft eine zentrale Rolle bei der Umsetzung des Weltklimavertrags. Denn sie ist bislang der einzige Sektor, der Treibhausgase überhaupt speichern kann. Und sie ist der einzige Sektor, der fossilen Energien etwas entgegensetzen kann.

Eine aktuelle Studie der Welternährungsorganisation FAO zeigt: 94 Prozent aller Länder beziehen bei ihren nationalen Klimaschutzzielen, den Intended Nationally Determined Contributions (INDCs), die Land- und Forstwirtschaft mit ein. Gerade für die sogenannten Entwicklungsländer ist sie der Wirtschaftszweig und Arbeitgeber und häufig Sprungbrett für wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand. Ich danke daher der marokkanischen COP 22-Präsidentschaft, dass sie der Landwirtschaft auf dieser Weltklimakonferenz einen prominenten Platz einräumt. Zum einen mit dem Thementag „Landwirtschaft und Ernährungssicherung“, zum anderen mit der Initiative "AAA-Afrika-Agriculture-Adaptation" als einem Themenschwerpunkt der Global Climate Action Agenda.

II. Sonderstellung der Landwirtschaft

Wenn wir über die Verantwortung der Landwirtschaft für unser Klima sprechen, müssen wir aber eines stets im Blick haben: Die Landwirtschaft ist kein Wirtschaftszweig wie jeder andere. Die Landwirtschaft ist der Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung verpflichtet. Das ist ihre vornehmste und vorrangige Aufgabe. Wir sind dem Menschenrecht auf Nahrung verpflichtet. Auch die Präambel des Pariser Klimaabkommens räumt der Nahrungssicherheit hohe Priorität ein. Wir dürfen nicht den Fehler begehen, Landwirtschaft und Klimaschutz gegeneinander auszuspielen. Denn bis 2050 müssen wir knapp 10 Milliarden Menschen weltweit ausreichend und ausgewogen ernähren. Bei begrenzten Ressourcen wie Wasser und Boden wird das nur mit einer Effizienzsteigerung der landwirtschaftlichen Produktion gelingen. Einer Produktion, die natürlich auch Emissionen verursacht. Lebensmittel sind nicht mit Nullemissionen zu erzeugen! Die Herausforderung ist daher, Klimaschutz und Ernährungssicherung in einem fairen Ausgleich zusammenzubringen. Dafür müssen wir alle an einem Strang ziehen – und zwar in dieselbe Richtung: Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und natürlich nicht zuletzt die Landwirte selbst.

III. Boden

Deutschland ist Vorreiter einer nachhaltigen Landwirtschaft. Und diese Rolle nehmen wir ernst. Der wissenschaftliche Beirat meines Ministeriums hat deshalb in meinem Auftrag ein Gutachten "Klimaschutz in Land- und Forstwirtschaft" erstellt, um Stellschrauben und Wege für mehr Klimaschutz in der Landwirtschaft aufzuzeigen. Ich freue mich, dass der Vorsitzende des Beirates, Professor Grethe, heute hier ist und wir gemeinsam diskutieren - auch wenn ich nicht alle Schlussfolgerungen des Gutachtens teile. Mein Ziel ist es, dass Land- und Forstwirtschaft noch stärker als Speicher von Treibhausgasen dienen– ohne die weltweite Ernährungssicherung zu gefährden. Ich unterstütze daher die Initiative meines französischen Kollegen „Vier für 1000“ auf ganzer Linie. Denn nur so kann ein hochindustrialisiertes Land wie Deutschland einen Beitrag zur Klimaneutralität 2050 leisten.

Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Ein Weg, bei dem wir vor allem noch viel mehr Forschung als bislang benötigen. Das deutsche Thünen-Institut, das zum Geschäftsbereich meines Ministeriums gehört, betreibt hierzu bereits heute Grundlagenforschung. Die Ergebnisse sind national, aber auch international von besonderem Interesse. Das Thünen-Institut hat vor wenigen Wochen einen Bericht als Beitrag zur Bewertung vorhandener und laufender Bodenkohlenstoff-Aktivitäten im Kontext der "4 für 1000"-Initiative geliefert. Darüber hinaus liegen seit Mai 2016 für Deutschland neue Ergebnisse der zweiten Bodenzustandserhebung Wald vor, die einen leichten Anstieg der Bodenkohlenstoffgehalte zeigen. Auch auf europäischer Ebene wollen wir die Rolle der Landwirtschaft in der Klima- und Energiepolitik voranbringen. Das Greening leistet durch den Erhalt des Dauergrünlands einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Diesen wollen wir bei der Weiterentwicklung der GAP nach 2020 noch stärker ausbauen. Das ist unsere Politik für eine nachhaltige Landwirtschaft!

IV. Agrarrohstoffe

Eine der prioritären Aufgaben, der wir uns gemeinsam stellen müssen, ist der Erhalt und der Schutz bestehender kohlenstoffreicher Böden. Denn sie sind die Grundvoraussetzung für jedwede landwirtschaftliche Produktion. Die leider im wahrsten Sinne des Wortes "Brandbilder" aus Indonesien und auch aus Brasilien sind hier deutliche Warnzeichen. Die Brände sind zu einem überwiegenden Teil auf die Rodung der Wälder für den Palmölanbau zurückzuführen.

Mein Ziel ist es, dass weltweit nur noch nachhaltig produzierte Agrarrohstoffe verkauft werden dürfen. Bei nachhaltigem Kakao und nachhaltigem Palmöl konnten wir bereits erste Erfolge erzielen. Wirtschaft, Politik und Nichtregierungsorganisationen haben hier verbindliche Ziele vereinbart, um Verbesserungen bei der Produktion von Agrarrohstoffen zu erwirken. Doch es war jahrelang ein Problem zu überprüfen, welche Nutzungsform der Boden vor dem Anbau von Agrarrohstoffen hatte. Deshalb hat mein Haus die Entwicklung des "Analyseinstruments zur Sichtbarmachung von Landnutzungsänderungen (GRAS-Global Risk Assessment Services)" gefördert. Mit dem GRAS-Tool können nun unter anderem Landnutzungsänderungen erfasst werden und so langfristig Raubbau an kostbaren Waldflächen verhindert werden.

V. Wasser

Nicht nur der Boden, auch unser Wasserhaushalt wird vom Klimawandel bedroht. Dürren und ein Absenken des Grundwasserspiegels haben gefährliche Folgen für die Ernährungssicherung. Ich war vor wenigen Monaten im Iran. Das Land leidet unter erheblicher Wasserverknappung. Der iranische Landwirtschaftsminister hat betont: Sein Land ist darauf angewiesen, dass die Wasserreserven noch viel effizienter eingesetzt werden. Für mich hat diese Erfahrung einmal mehr die grundsätzliche Frage aufgeworfen, wie sich die Landwirtschaft an das jeweilige Land, die jeweiligen klimatischen und natürlichen Bedingungen optimal anpassen kann. So kann und sollte nicht jedes Erzeugnis an jedem Standort gewonnen werden. Milch und Käseproduktion zum Beispiel brauchen sehr, sehr viel Wasser. Die Frage des effizienten Wassereinsatzes wird auch Thema der kommenden "Berliner Welternährungskonferenz" sein. Im Anschluss will ich im Rahmen meiner G20-Agrarministerkollegen das Thema konkretisieren.

VI. Wälder

Land- und Forstwirtschaft sind die einzigen Wirtschaftszweige, die Kohlenstoffe binden können. Das Pariser Klimaabkommen würdigt daher zu Recht die Klimaleistung der Wälder mit einem eigenen Artikel. National wie international fördert mein Ministerium Maßnahmen zur Anpassung der Wälder an den Klimawandel sowohl hinsichtlich Stabilität als auch Produktivität. Aber wir dürfen nicht vergessen: Es sind vor allem die nachhaltige Bewirtschaftung und Nutzung des Waldes, wie wir sie in Deutschland betreiben, und die Verwendung von Holzprodukten die einen größeren Beitrag zum Klimaschutz leisten als es die Vorratsanreicherung im Wald allein tun würde. (In Deutschland sind dies 69 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich je Jahr, plus 58 Millionen Tonnen CO2 jährlich, die im Wald gespeichert werden). Wir müssen daher auch in Zukunft die Produktivität unserer Wälder dauerhaft erhalten und daran arbeiten, den Klimaschutzbeitrag durch Verwendung von Holz aus nachhaltiger Bewirtschaftung noch zu steigern.

VII. Schluss

Quo Vadis – Landwirtschaft, Ernährungssicherung und Klimaschutz? Wir müssen jetzt die Weichen stellen, um in Zukunft unbeherrschbare Folgen des Klimawandels zu verhindern. Wir alle sind uns der Dringlichkeit des Handelns bewusst. Doch nicht im Gegeneinander, nicht durch Boykottaufrufe oder Schuldzuweisungen, sondern nur im Miteinander für einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen können wir echte Verbesserungen erzielen. Miteinander, das heißt mit Landwirten, Wissenschaftlern, Politik, Betroffenen und Zivilgesellschaft – und das national wie international.

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