Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993 und 2012

Die 2015 abgeschlossene Untersuchung ist Teil einer einzigartigen wissenschaftlichen Langzeitstudie, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in kleinbäuerlichen Dörfern in Westdeutschland begonnen wurde und sich für das Alltagsleben in diesen Dörfern, den Wandel der Lebensverhältnisse und der Arbeit interessierte. 2012 konnte die Studie ein viertes Mal in zehn Dörfern der alten Bundesländer und zum zweiten Mal in vier ostdeutschen Dörfern durchgeführt werden.

Schlagwörter

Dörfer als Wohnstandorte, Alltagsbewältigung, Kindheit, soziale Unterstützungsstrukturen, Neue Medien, Landwirtschaft sowie Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Dorf heute, Bedeutung von Kommunalreformen für dörfliche Entwicklung, Dorfentwicklung seit den 1950er Jahren, Infrastruktur, Engagement, Bevölkerungsentwicklung, Mobilität, Wirtschaft, Arbeit, Pendler, Agrarstrukturwandel, Landschaft

Projektlaufzeit

2011-2015

Wesentliche Ergebnisse

Das auffälligste Ergebnis der „14-Dörfer-Studie“ ist die Vielfalt dörflicher Entwicklungen – sowohl bezogen auf die letzte Erhebung 2012/2014 als auch im Zeitvergleich seit 1952 (möglich für die zehn westdeutschen Untersuchungsdörfer) bzw. seit 1993/95 (bezogen auf die vier ostdeutschen Dörfer). Die Entwicklungen verliefen nicht linear, und viele der aus den früheren Erhebungen abgeleiteten Zukunftsprojektionen sind nicht eingetreten. Nicht einzelne Faktoren, etwa die verkehrliche Lage oder regionale, wirtschaftliche und demografische Entwicklungen, waren dafür verantwortlich, sondern vor allem die Anstrengungen und das Engagement der Menschen vor Ort, vielfach unterstützt durch staatliche Programme.

Große Aufmerksamkeit kam seit Beginn der Untersuchungsfolge der Bevölkerungsentwicklung zu, sei es wegen Befürchtungen einer „Entleerung“ oder einer „Überbevölkerung“. Diese vereinfachenden Problemzuschreibungen entsprechen den realen Entwicklungen nicht. Die westdeutschen Dörfer waren vielmehr von einem Wechsel von Bevölkerungswachstum und -rückgang geprägt. Die Entwicklung der ostdeutschen Untersuchungsorte stand seit Anfang der 1990er Jahre demgegenüber ganz im Zeichen der tiefgreifenden Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. Das Wegbrechen regionaler industrieller Zentren, der Arbeitsplatzabbau im produzierenden Gewerbe und in der Landwirtschaft führten zu deutlichen Einwohnerverlusten. Verbesserte Möglichkeiten der individuellen (Arbeits-)Mobilität, die langsame Entwicklung regionaler Arbeitsmärkte und Suburbanisierungsprozesse leiteten in den 2000er Jahren eine Gegenentwicklung ein, ohne dass bislang eine durchgängige Stabilisierung der Einwohnerzahlen erreicht wurde.

Die Studie interessierte sich auch für Fragen der Entwicklung der regionalen Wirtschaft und der Arbeitsmärkte. Die Untersuchungsdörfer und die Gemeinden, denen sie administrativ zugeordnet sind, sind in großem, wenn auch örtlich unterschiedlichem, Umfang Standorte von Unternehmen und Arbeitsplätzen. Die Bandbreite reicht von international tätigen Großunternehmen über Hand-werksbetriebe bis zu neuen Formen des vernetzten, digitalisierten Handels in Kleinstunternehmen. In vielen Orten pendelt die Mehrzahl der örtlichen Arbeitskräfte ein, die große Mehrheit der vor Ort wohnenden Arbeitskräfte jedoch aus. 80 Prozent der befragten Pendler erreichen ihre Arbeitsplätze in weniger als 30 Minuten Fahrzeit.

Der Agrarstrukturwandel hat viele Dörfer nachhaltig verändert. Ehemalige landwirtschaftliche Bausubstanz ist oft ein letztes Zeichen der früheren Wirtschaftsstruktur. Die entstandenen größeren landwirtschaftlichen Betriebe, insbesondere mit Viehhaltung, sind zum großen Teil aus den Ortslagen ausgesiedelt. Ihre wirtschaftlichen Aktivitäten reichen oft weit über das Dorf hinaus. Unabhängig von der Anzahl der Betriebe und der Struktur beeinflusst die Landwirtschaft durch die an den betrieblichen Erfordernissen orientierte landwirtschaftliche Flächenbewirtschaftung das landschaftliche Umfeld der Orte. Potenzielle Konfliktfelder ergeben sich daraus, dass die Wohnbevölkerung der Orte ein sehr emotionales Verhältnis zum Landschaftserleben entwickelt hat – sie lehnt mehrheitlich Veränderungen der Landschaft ab.

Die Unterschiede hinsichtlich der infrastrukturellen Ausstattung der Untersuchungsorte sind groß, diese relativieren sich aber mit der Einbeziehung der zum Teil direkt anschließenden Nachbarorte deutlich. Die befragten Einwohner leben in ihrer weit überwiegenden Mehrheit gern in ihren Wohnorten. Zu dem positiven Tenor trägt auch die seit längerem anhaltende gute wirtschaftliche Konjunktur bei. Eine besondere Herausforderung stellt aktuell die Vereinbarkeit von Familienarbeit (Verantwortung für Kinder sowie Pflege von Angehörigen) und Erwerbstätigkeit dar.
Die Automobilität der Einwohner ist die zentrale Voraussetzung für die Bewältigung des alltäglichen Lebens in den Untersuchungsorten, auch wenn sie in einigen Dörfern (und im Vergleich zu 1993 zum Teil verstärkt) durch den ÖPNV ergänzt wird.

Gemeinschaftliches Engagement schließlich ist kein Automatismus dörflichen Wohnens, sondern eine individuelle Entscheidung, auch zur Gestaltung des eigenen Lebensumfeldes..

Untersuchungsgebiet

14 Dörfer bundesweit (Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt)

Methodik

Langzeitstudie (mit 4 Wellen 1952, 1972, 1993/95, 2012). Die Erhebung erfolgte über leitfadengestützte Interviews, standardisierte Einwohnerbefragung (n=3.177), Gruppendiskussionen mit Jugendlichen und Validierungsrunden.

Forschungseinrichtung

Thünen-Institut für Ländliche Räume, Braunschweig

Dr. Heinrich Becker

Erschienen am im Format Artikel

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