Der Wolf: Zwischen Schutz und Herausforderung

Der Wolf hat nach Deutschland zurückgefunden. Im Frühjahr 2000 wurden in Sachsen das erste Mal wieder freilebende Wolfswelpen geboren. Mittlerweile leben in Deutschland circa 105 Rudel und 30 Wolfspaare (Bundesamt für Naturschutz 02. Dezember 2019).

Nach derzeitigen Entwicklungen wird mit einem weiteren jährlichen Zuwachs von bis zu 30 Prozent gerechnet. Dieser herausragende Erfolg für den Artenschutz fordert insbesondere die Weidetierhalter, aber auch andere Bereiche, wie die Jagd oder den Tourismus heraus.

Wir brauchen ein effektives Wolfsmanagement.

Bundesministerin Klöckner

Die Rückkehr und Zunahme der Wölfe ist für die Menschen in den ländlichen Räumen ein immer intensiver diskutiertes Thema. Immer wieder greifen Wölfe Nutztierherden an und reißen vor allem Schafe und Ziegen. Die Zahl von Nutztierschäden (verwundete und getötete Tiere) stieg von 40 Tieren im Jahr 2006 auf rund 1.600 Tiere im Jahr 2017. Auch andere Gruppen, zum Beispiel Jäger, begegnen Schwierigkeiten. Wölfe ernähren sich vor allem von Wild. In Wolfsgebieten kann es deswegen zu vermehrter Rudelbildung von Schwarz- und Rotwild kommen. Dies kann wiederum zu erschwerter Bejagung sowie entsprechenden Schäden am Baumbestand führen.

Umfassend geschützt

Entsprechend der europäischen Richtlinien ist der Wolf besonders geschützt. Es ist verboten, geschützte Tiere zu fangen oder sie zu töten, denn wildlebende Tier- und Pflanzenarten sollen zugunsten der biologischen Vielfalt bewahrt oder wiederangesiedelt werden.

Dies regeln nachfolgende Regelwerke:

  • Berner Konvention,
  • Flora- Fauna- Habitat- Richtlinie,
  • Bundesnaturschutzgesetz.

Kabinettsbeschluss zur Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes

Am 22. Mai 2019 vereinbarte das Bundeskabinett eine Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG). Das Ziel ist, ein besserer Schutz der Weidetierhaltung und ein Beitrag zum Schutz der Bürgerinnen und Bürger in Regionen, in denen Wölfe sich in oder in der Nähe von Wohngebieten aufhalten.

Die Herabsetzung der Schadenschwelle zur Entnahme von Wölfen aus der Natur und die verbesserte Rechtsicherheit durch den möglichen Abschuss einzelner Wölfe eines Rudels, auch wenn unklar ist, welcher Wolf den Schaden verursacht hat, bis hin zur Entnahme des gesamten Rudels sind in der Sache ein Fortschritt. Allerdings sieht das BMEL dies nur als einen ersten Schritt in die richtige Richtung.

Auf Bundesebene ist es uns wichtig, einen Beitrag zum ausgewogeneren Umgang mit dem Wolf unter Berücksichtigung der Interessen der Weidetierhalter und der Jagd auf Augenhöhe zu erreichen. Unsere Ziele haben wir im Koalitionsvertrag als Fahrplan für diese Legislatur vereinbart.

Bundesministerin Klöckner

Stichwort: Koalitionsvertrag

Die Regierungsparteien haben sich in ihrem Koalitionsvertrag verständigt, die Weidetierhaltung aus ökologischen, kulturellen und sozialen Gründen sowie zum Erhalt der Artenvielfalt und Kulturlandschaft zu erhalten.

Weiter heißt es: "Im Umgang mit dem Wolf hat die Sicherheit der Menschen oberste Priorität. Wir werden die EU-Kommission auffordern, den Schutzstatus des Wolfs abhängig von seinem Erhaltungszustand zu überprüfen, um die notwendige Bestandsreduktion herbeiführen zu können. Unabhängig davon wird der Bund mit den Ländern einen geeigneten Kriterien- und Maßnahmenkatalog zur Entnahme von Wölfen entwickeln. Dazu erarbeiten wir mit der Wissenschaft geeignete Kriterien für die letale Entnahme. Wir wollen, dass Wölfe, die Weidezäune überwunden haben oder für den Menschen gefährlich werden, entnommen werden."

Am 22. Mai 2019 beschloss das Bundeskabinett vor diesem Hintergrund eine Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes:

Angesichts der rasch zunehmenden Wolfspopulation und der damit zunehmenden Nutztierrisse hält das BMEL eine weitergehende Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG) mit dem Ziel einer 1:1-Umsetzung des Artikels 16 Absatz 1 Buchstabe e der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie für dringend erforderlich.

Damit würde die Entnahme einer begrenzten und behördlich spezifizierten Anzahl von Wölfen unter strenger Kontrolle, selektiv und in beschränktem Ausmaß zugelassen und damit ein "gemäßigtes Bestandsmanagement" in Regionen, in denen die Wolfsdichte bereits heute überdurchschnittlich hoch ist und stetig weiter ansteigt, ermöglicht.

Schnell wachsende Wolfspopulation

Grundsätzlich ist die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland begrüßenswert. Entscheidend für den Anstieg der Wolfspopulation sind sowohl eine ausreichende Nahrungsgrundlage als auch ein Rückzugsgebiet zur Aufzucht seiner Jungen. Der hohe Schutzstatus der Art begünstigt den Anstieg der Wölfe.

Die nach Landesrecht zuständigen Behörden können von den Verboten des Bundesnaturschutzgesetzes im Einzelfall Ausnahmen zulassen. Auffällige Wölfe dürfen dennoch unter bestimmten Voraussetzungen der Natur entnommen bzw. getötet werden. Erforderlich dafür ist eine Situation der konkreten Gefahrenabwehr, z.B. im Interesse der öffentlichen Sicherheit oder, um erhebliche landwirtschaftliche Schäden abzuwenden. Aus Sicht des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) sollte der geltende rechtliche Rahmen zum Schutz vor Wolfsschäden ausgeschöpft und - falls notwendig - ausgebaut werden.

Weide- und Nutztierhaltung im Einklang mit dem Wolf

Mehr Wölfe und deren umfassender Schutz dürfen nicht zu weniger Nutztierhaltung im Freien führen. Denn Weidehaltung trägt zum Tierschutz und Erhalt von Grünland bei und ist insbesondere für ökologisch wirtschaftende Betriebe relevant.

Dafür sind Präventionsmaßnahmen notwendig. Im Umgang mit dem Wolf muss eine für alle Beteiligten sachgerechte Lösung gefunden werden, die ökologisch sinnvoll und gesellschaftlich akzeptiert ist. Das BMEL führt daher Gespräche mit Betroffenen und Vertretern der Weidetierhalter zur Erarbeitung von Lösungsansätzen zwischen Wolfsschutz und Nutztierhaltung. Auch auf europäischer Ebene setzt sich das BMEL aktiv für eine Entschärfung der Konfliktsituation und einen angemessenen Interessenausgleich zwischen der Weidetierhaltung und dem Artenschutz ein.

Die Länder sind in der Pflicht

Herdenschutz und Umsetzung der artenschutzrechtlichen Regelungen ist grundsätzlich Ländersache. Der Bund kann lediglich die Länder bei den Empfehlungen für Herdenschutzmaßnahmen unterstützen. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) hat 2016 eine Dokumentations- und Beratungsstelle für das Wolfsmanagement eingerichtet (www.dbb-wolf.de) eingerichtet für die

  • Beratung der Länder,
  • bundesweite Sammlung von Daten zur Ausbreitung des Wolfes (Wolfsmonitoring),
  • Zusammenstellung und Aktualisierung der Länderregelungen zur Schadensprävention und -kompensation.

Präventionsmaßnahmen

Es ist erforderlich, dass die Landwirte der ansteigenden Wolfspopulation mit geeigneten Herdenschutzmaßnahmen begegnen. Dafür eignen sich vor allem: Herdenschutzhunde, Elektrozäune, Wildgatterzaun, Behirtung.

Doch die Präventionsmaßnahmen sind kostenintensiv, zeitaufwändig und können nicht in allen Fällen umfassenden Schutz garantieren. So kostet die Anschaffung eines Herdenschutzhundes etwa 4.000 Euro und die artgerechte Haltung des Hundes weitere 1.000 Euro pro Jahr. Vor allem Halter von kleineren Viehbeständen können diese finanziellen Belastungen kaum leisten. Prinzipiell können Herdenschutzmaßnahmen wie der Bau von Zäunen gefördert werden - dies ist jedoch abhängig von den jeweiligen Regelungen der Länder zur Unterstützung von Präventionsleistungen.

Studie zu Kosten von Herdenschutzmaßnahmen

Bislang fehlten belastbare Zahlen zu den Kosten und der Wirtschaftlichkeit von Herdenschutzmaßnahmen. Daher hat das BMEL ein Forschungsprojekt der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände (VDL) und des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e.V. (KTBL) gefördert.
Nach ersten überschlägigen Schätzungen des KTBL würde sich bei einer deutschlandweiten Ausbreitung des Wolfes ein zusätzliche Materialbedarf für die Absicherung mit Herdenschutzzäunen von rund 26.500 km Zaun mit Investitionskosten von etwa 16,4 Millionen Euro deutschlandweit (nur Schafhaltung) ergeben.

Für eine deutschlandweite Absicherung würden rund 17.150 Herdenschutzhunde benötigt. Die Anschaffungskosten hierfür würden etwa 51,4 Millionen Euro betragen. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) wurden für Nutztiere, die von Wölfen getötet wurden, knapp 135.140 Euro Ausgleichszahlungen im Jahr 2016 geleistet. Die Aufwendungen für Präventionsmaßnahmen betrugen nach BfN für 2016 1.100.963 Euro.

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