Fragen und Antworten zu Lebensmittelabfällen in Deutschland - Baseline 2015

Die Ergebnisse der neuen Studie des Thünen-Instituts (TI) von 2019 sind für Deutschland maßgeblich. Sie unterscheiden sich von vorangegangen Studienergebnissen aufgrund des EU-weit vorgegebenen Methodendesigns. Die TI-Studie löst die vorhergehende Studie der Universität Stuttgart von 2012 ab, die nicht die gesamte Lebensmittelversorgungskette abbildet und daher nicht als Ausgangsbasis für die EU-Berichterstattung dienen kann.

Auf welcher Datenbasis wurde die BMEL-Baseline 2015 erstellt?

Für die vorliegende Untersuchung wurde die gesamte Lebensmittelversorgungskette von der Primärerzeugung über die Verarbeitung, den Groß- und Einzelhandel sowie die Außerhausverpflegung bis hin zum privaten Haushalt betrachtet. Die verwendeten Studien und Statistiken stammen aus dem Jahr 2015 oder sind von den zeitlich am nächsten liegenden Erhebungen anderer Jahre übertragen worden.

Verwendet wurden hierbei direkte Messungen, Massenbilanzen, Abfallanalysen, Befragungen, Koeffizienten, Statistiken, Zählungen und Aufzeichnungen. Wenn möglich, wurden diese Datengrundlagen miteinander kombiniert. Dabei handelt es sich jeweils um die besten zur Verfügung stehenden Daten zum Zeitpunkt der Untersuchung.

Lebensmittelabfälle im Blick: Was ist der Unterschied zur Stuttgarter Studie von 2012?

Die Baseline 2015 baut in der methodischen Vorgehensweise auf der Stuttgarter Studie aus dem Jahr 2012 auf. Die Unterschiede liegen hauptsächlich im Bilanzrahmen. So gehörten die Lebensmittelabfälle aus der Primärproduktion, d.h. Abfälle aus Nachernteprozessen und Transport in der Landwirtschaft, nicht zum Bilanzrahmen der Studie aus dem Jahr 2012 und sind erstmals in der Baseline 2015 berücksichtigt worden. Zudem wurden in der Stuttgarter Studie Getränkeverluste auf Verbraucherebene, die über den Ausguss entsorgt wurden, berücksichtigt. Flüssige Lebensmittelabfälle, die über die Kanalisation entsorgt werden, sind laut überarbeiteter Abfallgesetzgebung der Europäischen Union nicht berichtspflichtig. Eine weitere methodische Ergänzung besteht in der Kalkulation der Lebensmittelabfälle für private Haushalte. Eine deutlich umfangreichere Datenlage im Vergleich zur Studie aus 2012 ist in die neue Mengenermittlung eingeflossen. Alle weiteren Berechnungen, d.h. die Schätzung der Lebensmittelabfälle in der Verarbeitung, im Handel und in der Außer-Haus-Verpflegung sind in der Methode ähnlich, bzw. haben eine Aktualisierung der Datenlage erfahren.

Dies bedeutet, dass die zwei Studienergebnisse nicht vergleichbar sind und keine Zeitreihe oder ein genereller Trend aus den vorliegenden Zahlen ableitbar ist.

Lebensmittelabfälle - Was ist der Unterschied zur Erhebung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) von 2017 und wie wurden diese Daten einbezogen?

In der GfK-Studie wurden nur die privaten Haushalte in den Blick genommen und Tagebuch-aufzeichnungen ausgewertet. Verbraucherinnen und Verbraucher notieren dabei, welche Lebensmittel in welchen Mengen und aus welchen Gründen entsorgt werden. Auch wenn mit der Tagebuchmethode durch unmittelbares Protokollieren eine hohe Genauigkeit bezüglich der Entsorgungsvorgänge und der dabei entstehenden Mengen erreicht wird, sind dennoch Erfassungslücken zu erwarten, die z.B. auf Vergessens-Effekte oder auf mit der Methode nicht erreichbare Vorfälle zurückzuführen sind. Zudem liegt beim direkten Erfassen durch die Verbraucherinnen und Verbrauchern selbst, bereits eine Sensibilisierung hinsichtlich Lebensmittelabfällen vor, sodass es zu weniger Wegwerfvorfällen kommt.

Zudem wurde in der Tagebuchstudie der GfK erfasst, welcher Entsorgungsweg für die Lebensmittel gewählt wurde. Diese Ergebnisse sind in die BMEL-Baseline 2015 eingeflossen und ergänzen somit die Datenbasis aus dem kommunalen Sammelsystem inklusive Abfallanalysen des Restmülls und der Biotonne

Lebensmittelabfälle - In welchen Bereichen gibt es besonders große Datenlücken und warum?

Derzeit gibt es keine statistischen Erhebungen in denen Lebensmittelabfälle gesondert erfasst werden. Denn Lebensmittelabfälle werden nicht getrennt entsorgt, sondern über die Bio-Tonne, den Kompost, die Restmülltonne oder durch Verfütterung an Haustiere entsorgt. Die Hochrechnung der Abfallmengen und die Ausweisung vermeidbarer Anteile basiert dabei größtenteils auf nicht repräsentativen Stichproben aus der Literatur. Vor diesem Hintergrund stellen die ermittelten Mengen und deren Vermeidungspotenziale eine Abschätzung dar.

Die Abgrenzung der Sektoren bzw. die Benennung der Verursacher von Lebensmittelabfällen ist oft nicht eindeutig – ein Beispiel sind Retouren aus dem Handel, die zu Abfällen beim Erzeuger oder in der Lebensmittelverarbeitung führen. Ursächlich kann

  • (a) die minderwertige Qualität der gelieferten Ware sein - Verursacher: Primärproduktion oder Verarbeiter oder
  • (b) der Qualitätsstandard – Verursacher: zu hohe Ansprüche des Gesetzgebers, des Händlers/des Konsumenten.

Lebensmittelabfälle - Wie soll in Zukunft mit den Datenlücken umgegangen werden?

Um ein kontinuierliches Monitoring zu gewährleisten, eine valide Datenlage zu generieren und künftig Trends ableiten zu können ist eine koordinierte Zusammenarbeit mit Akteuren aus der Primärproduktion, der Lebensmittelverarbeitung, dem Groß- und Einzelhandel und der Gastronomie notwendig. In den sektorspezifischen Dialogforen, die im Rahmen der Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung stattfinden, sollen Messungen in der Praxis dazu dienen, die vorhandenen Daten besser einschätzen zu können und auf nationale Ebene hochzurechnen. Diese neuen Erkenntnisse liefern die Vorlage für eine langfristig notwendige Datenerhebung, um signifikante Änderungen dokumentieren zu können.

Lebensmittelabfälle - Wie genau sehen die Berichtspflichten auf EU-Ebene aus?

Laut Entwurf des delegierten Beschlusses zur Ergänzung der Richtlinie 2008/98/EG vom 03.05.2019 müssen die Mengen an Lebensmittelabfällen für die folgenden Stufen der Lebens-mittelversorgungskette separat ausgewiesen werden: Primärerzeugung; Verarbeitung und Herstellung; Einzelhandel und andere Formen des Vertriebs von Lebensmitteln; Gaststätten und Verpflegungsdienstleistungen; private Haushalte. Alle Mitgliedstaaten müssen ab 2020 jährlich berichten und mindestens alle vier Jahre das Aufkommen der Lebensmittelabfälle detailliert erfassen.

Gespendete Lebensmittel, die vom Handel an karitative Einrichtungen weitergegeben werden, sind definitionsgemäß keine Lebensmittelabfälle und deshalb nicht in den ausgewiesenen Lebensmittelabfallmengen enthalten.

Lebensmittelabfälle - Warum wurde das Jahr 2015 als Basisjahr für die Reduzierung gewählt?

Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung wurde im September 2015 auf einem Gipfel der Vereinten Nationen von allen Mitgliedstaaten verabschiedet. Mit den 17 Nachhaltigkeitszielen, den Sustainable Development Goals (SDGs), hat sich die Weltgemeinschaft erstmals auf einen universalen und alle drei Nachhaltigkeitsdimensionen einschließenden Katalog von festen Zeit-zielen geeinigt, der die internationale Zusammenarbeit in zentralen Politikbereichen in den nächsten Jahren maßgeblich prägen wird. Daher hat Deutschland das Jahr 2015 als Startpunkt für die Reduzierung der Lebensmittelabfälle festgelegt.

Können aus den bisherigen Studien Trends in der Entwicklung der Menge an Lebensmittelabfällen abgeleitet werden?

Aufgrund der unterschiedlichen Methodik in bisherigen Studien und der derzeit verfügbaren Datenlange kann man die Ergebnisse nicht vergleichen und keine Trends ableiten. In die Stuttgarter Studie von 2012 wurde beispielsweise die Primärproduktion nicht einbezogen und für die Ermittlung der Lebensmittelabfälle teilweise andere Erhebungen verwendet. Die Status quo – Analyse für die Baseline 2015 als Ausgangspunkt der Reduzierung der Lebensmittelabfälle wurde nicht mit dem Ziel, einen Trend auszuweisen, durchgeführt. Die bestmögliche Datenlage und zum Teil andere Bilanzrahmen wurden zugrunde gelegt, die einen Ausgangspunkt, aber keinen Trend ermöglichen.

Im Rahmen der Umsetzung der Strategie sollen die Lebensmittelabfallmengen aus der vorliegenden Baseline mit zusätzlichen Informationen ergänzt und fortgeschrieben werden, um dadurch Datenlücken zu schließen und Detailberechnungen im Zeitverlauf zu ermöglichen. Langfristiges Ziel ist es, Trends aufzuzeigen.

Können mit diesen neuen Daten auch Schlussfolgerungen der Auswirkung von Lebensmittelabfällen auf das Klima gezogen werden?

Die hier berechnete absolute Menge der Lebensmittelabfälle macht noch keine Aussage über deren negative Wirkung auf die Umwelt noch über monetäre Verluste. Hierfür sind vertiefte Kennt¬nisse über die Zusammensetzung der Lebensmittelabfälle notwendig. Die Umweltwirkung von Lebensmitteln hängt von sehr vielen Faktoren ab: tierischen oder pflanzlichen Ursprungs, kon¬ventionelle oder ökologische Erzeugung, regionale Herkunft oder importiert; Transportwege, Vermarktung u.v.m. Diese Differenzierung ist mit der vorhandenen Datenlage nicht möglich.

Wie ist der Begriff „Lebensmittelabfall“ definiert und was ist der Unterschied zwischen vermeidbaren und unvermeidbaren Lebensmittelabfällen?

Die Definition des Abfallbegriffes ist in Regelwerken und Gesetzen festgelegt (EU-Abfallrahmenrichtlinie und Kreislaufwirtschaftsgesetz). Die Definition von "Lebensmittel" im Sinne der Verordnung (EG) Nr. 178/20022 versteht Lebensmittel als Ganzes, entlang der gesamten Lebensmittelversorgungskette von der Erzeugung bis zum Verbrauch. Lebensmittel beinhalten auch nichtessbare Bestandteile, wenn diese bei der Erzeugung des Lebensmittels nicht von den essbaren Bestandteilen getrennt wurden, z. B. Knochen, die dem zum menschlichen Verzehr bestimmten Fleisch anhaften. Lebensmittelabfälle sind nach Definition der Abfallrahmenrichtlinie (2008/98/EG) alle Lebensmittel die zu Abfall werden. Daher können Lebensmittelabfälle auch Stücke umfassen, die nicht zum Verzehr geeignet oder gedacht sind, wie Schalen oder Knochen.

Die zusätzliche Bewertung von Lebensmittelabfällen hinsichtlich ihrer Vermeidbarkeit erfolgt in Anlehnung an bereits durchgeführte nationale Datenerhebungen. Demnach umfasst der Begriff "vermeidbare Lebensmittelabfälle" jene Lebensmittel, die zum Zeitpunkt ihrer Entsorgung noch uneingeschränkt genießbar sind oder die bei rechtzeitigem Verzehr genießbar gewesen wären. Der Begriff "nicht vermeidbare Lebensmittelabfälle" umfasst jene Lebensmittelabfälle, die üblicherweise im Zuge der Speisenzubereitung entfernt werden. Dies beinhaltet im Wesentlichen nicht essbare Bestandteile (z. B. Knochen oder Schalen), aber auch Essbares (z. B. Kartoffelschalen).

Lebensmittelabfälle - Unterschied der Baseline 2015 zur REFOWAS-Veröffentlichung Stuttgart (Mai 2019)

Mit Blick auf die in den Haushalten anfallenden Lebensmittelabfälle werden von Seiten der EU-Berichtspflichten die über den Abwasserkanal entsorgten Abfälle explizit von der Berichtspflicht ausgeschlossen. Die Universität Stuttgart hat diese in ihrer aktuellen Studie mit einbezogen.

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