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"Der Klimawandel wird die Bauern weiter herausfordern"

Datum:
14.08.15

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt spricht mit Focus Online über das Erntejahr 2015 angesichts der extremen Trockenheit in manchen Regionen.

Frage: Wie bewerten Sie die Lage der Landwirte angesichts der Trockenheit? Welche Regionen und Produktbereiche sind Ihrer Erkenntnis nach am stärksten betroffen?

Christian Schmidt: Ein gutes Erntejahr wird 2015 nicht werden. Ich erwarte durchwachsene Erträge. Das Wetter war auch regional sehr unterschiedlich. Extremer Trockenheit in manchen Regionen wie beispielsweise in Unterfranken stehen große Niederschlagsmengen im Frühjahr wie beispielsweise im Südschwarzwald gegenüber. Für eine abschließende Bewertung der diesjährigen Ernte ist es auch noch zu früh; manche Frucht steht ja noch auf den Feldern. Derzeit laufen erste Ergebnisse aus den Bundesländern zu Getreide und Raps im Rahmen der "Besonderen Ernte- und Qualitätsermittlung" in meinem Haus ein. Sobald ausreichend Datenmaterial vorliegt, werden wir detaillierte Bilanz ziehen.

Frage: Sie können aber doch sicher eine Tendenz erkennen…

Christian Schmidt: Beim Getreide ist die Ertragslage sehr heterogen. Insgesamt rechnen wir aber für Deutschland bei Getreide und Raps mit einer Ernte, die in etwa dem langjährigen Durchschnitt entspricht. Wie sich die Ernte bei den Produkten entwickelt, die im Spätsommer beziehungsweise Herbst geerntet werden – das sind zum Beispiel Zuckerrüben, Mais und Kartoffeln –, müssen wir abwarten. Regional und bei einzelnen Betrieben können die Ausfälle weit über den jahrestypischen Schwankungen liegen. Um die Not bei Futtererträgen zu lindern, habe ich bereits im Juli mit einer Eilverordnung die ausnahmsweise Nutzung von brachliegenden ökologischen Flächen, die eigentlich nicht landwirtschaftlich genutzt werden dürfen, zur Fütterung erlaubt.

Frage: Die Sorge um Ernteausfälle ist groß. Welche Möglichkeiten gibt es, die Landwirtschaft zu unterstützen?

Christian Schmidt: Unsere Gesellschaft ist daran gewöhnt, zu jeder Zeit an jedem Ort alle Nahrungsmittel verfügbar zu haben und zwar zu niedrigen Preisen. Von der Landwirtschaft kann man lernen, dass eine gute Ernte nicht vom Himmel fällt und die Natur nicht planbar ist. Das Wetter und vor allem extreme Wetterlagen bestimmen Erträge und Einkommen der Landwirte. Schlechte Jahre und gute Jahre lösen sich ab. Eins aber ist neu: Die Extreme werden durch den Klimawandel weiter zunehmen und damit auch die Herausforderungen für die Landwirtschaft. Das unterscheidet diese neuen Fragen der Zukunft von einer bloßen jährlichen Betrachtung sowie der Erfahrung, dass sich mittel- und langfristig die Erträge – und damit auch die Erlöse – ausgleichen. Bisher gibt es eingespielte Mechanismen, bei denen EU, Bund und Länder zusammenarbeiten. Staatliche Unterstützung beschränkt sich aber auf sehr außergewöhnliche Notlagen. Für mich ist noch wichtiger, dass wir den Klimawandel und dessen Folgen begrenzen können.

Frage: Wie soll das gelingen?

Christian Schmidt: Auch in der Landwirtschaft wird der Umgang mit extremen Wetterlagen zukünftig eine große Herausforderung sein. Deswegen hat das bei mir Vorrang. Gerade haben wir in einer aktuellen Studie unter Federführung unseres Thünen-Instituts aufgezeigt, mit welchen Wetterbedingungen Land- und Forstwirte in Zukunft wohl rechnen müssen. Dadurch können wir besser einschätzen, was auf die Landwirtschaft zukommt und die entsprechenden Strategien entwickeln. Das betrifft Themen wie Bewässerung, klimaverträgliche Pflanzen, Anpassung der Anbaumethoden oder auch Schutz gegen Pflanzenschädlinge, die aus anderen Teilen der Welt bei uns nun auftauchen, wie auch Fragen der Tiergesundheit.

Frage: Kann man schon erste Schlussfolgerungen daraus ziehen?

Christian Schmidt: Ich werde noch im Herbst die Erforschung für Zukunftsperspektiven mit einem Arbeitsstab "Klimafolgen" in meinem Hause koordinieren und mehrere Arbeitsaufträge erteilen. Dazu gehört, unsere Erfahrungen und Erkenntnisse im Inland und mit anderen Ländern abzugleichen und gemeinsam zu verbessern. Beispielsweise werde ich die gute Zusammenarbeit mit den Israelis weiter intensivieren. Die haben ja in einer Dürreregion grünes Land entstehen lassen und haben dabei viele Erfahrungen gesammelt. Wir sind wiederum bei der Pflanzenforschung führend. Die Bundesregierung wird in den nächsten Monaten einen Fortschrittsbericht zum Aktionsplan der Deutschen Anpassungsstrategie Klimawandel vorlegen, der zeigt, was wir schon erreicht haben und was noch erreicht werden muss.

Frage: Ist es notfalls möglich, auf europäische Mittel zuzugreifen, um aktuelle Ernteausfälle auszugleichen?

Christian Schmidt: Die Reformen der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik der letzten 20 Jahre waren auf eine stärkere Marktorientierung der Landwirtschaft ausgerichtet. Das bedeutet auch, dass es vorrangig auf die Landwirte zukommt, eine geeignete Risikovorsorge zu treffen. Wir lassen die Landwirte aber nicht alleine: am Risikomanagement beteiligen sich Versicherungen gegen Ernteausfälle durch Naturkatastrophen und widrige Witterungsverhältnisse wie etwa die bewährte Hagelversicherung und – wie bereits erwähnt – in besonders schweren Fällen der Staat. Auch die Direktzahlungen aus der ersten Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik haben eine wichtige Funktion als Instrument der Einkommensstabilisierung und des Risikoausgleichs. Aus dem Solidaritätsfonds der Europäischen Union können außerdem Mittel in Anspruch genommen werden, wenn bei regionalen „Katastrophen“ der entstandene Schaden 1,5 Prozent des regionalen Bruttoinlandsprodukts überschreitet. Für mich ist klar vorhersehbar, dass diese Themen an Bedeutung gewinnen werden. Deshalb werde ich dieses Thema auf europäischer Ebene zur Sprache bringen.

Quelle: Focus Online, 13.08.2015

Fragen von:
Martina Fietz

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