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"Mir liegt der Erhalt der deutschen Ferkelerzeugung am Herzen"

Datum:
13.12.17

Bundesminister Christian Schmidt spricht im Interview mit "agrarheute" über Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration

Frage: Herr Schmidt, Sie haben sich für die lokale Betäubung als weitere Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration ausgesprochen. Was hat Sie dazu bewogen?

Christian Schmidt: Mir liegt der Erhalt der deutschen Ferkelerzeugung am Herzen. Daher unterstütze ich nicht nur eine Alternative, sondern ich halte alle Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration gleichermaßen für einen gangbaren Weg. Ich habe immer wieder klargestellt: Soweit im weiteren Verlauf im Zusammenhang mit dem verstärkten Einsatz der Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration Fragen aufkommen oder andere Methoden vorgeschlagen werden, wird die Bundesregierung Hilfestellung leisten. Das erfolgt zum Beispiel im Rahmen von Forschungsprojekten, die solche Fragen bearbeiten und den Umstellungsprozess unterstützen.

Frage: Wie unterstützt das Bundeslandwirtschaftsministerium diesen sogenannten vierten Weg konkret?

Christian Schmidt: In der Diskussion um die Schaffung einer Möglichkeit, dass der Landwirt die Ferkelkastration unter Lokalanästhesie selbst durchführt, besteht leider viel Verwirrung. Deshalb mussten zunächst die tierschutz- und arzneimittelrechtlichen Voraussetzungen geprüft und klargestellt werden. Dazu haben wir gemeinsam mit den Beteiligten aus Landwirtschaft, Politik, Pharmaindustrie, Wissenschaft und Zulassungsbehörden mehrere Fachgespräche geführt. Das wesentliche Problem besteht darin, dass derzeit kein Arzneimittel zugelassen ist, das die tierschutz- und arzneimittelrechtlichen Anforderungen erfüllt. Da eine Zulassung nur von einem Pharmaunternehmen beantragt werden kann, wurden entsprechend Gespräche mit der Industrie und der Zulassungsbehörde geführt. Es hat sich herausgestellt, dass die bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen nicht die wirksame Schmerzausschaltung nachweisen, die Voraussetzung sowohl für die Rechtskonformität des Verfahrens als auch für die Zulassung als Tierarzneimittel ist. Eine Zulassung auf Basis des bisherigen Kenntnisstands ist also nicht möglich. Ich habe entschieden, dass mein Haus Studien veranlassen und finanzieren wird, um diese Frage zu klären.

Frage: Wie sollen diese Studien zum Einsatz der Arzneimitte Procain oder Lidocain ablaufen und wann ist mit ersten Ergebnissen zu rechnen?

Christian Schmidt: Diese Studien sollen nicht nur Procain und Lidocain, sondern auch den Wirkstoff Bupivacain berücksichtigen. Damit die Ergebnisse letztendlich nutzbar sein können, müssen bei den Untersuchungen entsprechende wissenschaftliche Mindest- und Qualitätsstandards berücksichtigt werden, wie sie bei Arzneimittelzulassungsverfahren international festgelegt sind. Dazu gehören in diesem Fall vor allem belastbare Labor- und Felduntersuchungen, in denen beispielsweise die entsprechenden Blutparameter und standardisierte Verhaltensparameter berücksichtigt werden. Da es sich hier um eine sehr anspruchsvolle Zielsetzung handelt, lässt sich derzeit nicht abschätzen, wann die ersten Ergebnisse vorliegen werden.

Frage: Sie wollen diese Studien pharmazeutischen Unternehmen für die notwendige Zulassungserweiterung dieser Mittel – damit sie auch vom Landwirt verabreicht werden können – zur Verfügung stellen. Gibt es schon Interesse?

Christian Schmidt: Die Ergebnisse sollen veröffentlicht werden und stehen somit allen zur Verfügung. Das heißt, es stünde jedem pharmazeutischen Unternehmen frei, sie für ein Arzneimittelzulassungsverfahren zu verwenden. Ob dann ein Pharmaunternehmen davon Gebrauch machen wird, bleibt abzuwarten. Aber ich bin diesbezüglich zuversichtlich.

Frage: Wie wollen Sie die Tierärztekammer, die im Gegensatz zu den praktischen Tierärzten eine Lokalanästhesie durch den Landwirt vehement ablehnt, von Ihrem Vorhaben überzeugen?

Christian Schmidt: Meine Politik steht nicht allein für die Ferkelkastration unter Lokalanästhesie, sondern, wie gesagt, für eine breite Palette an Alternativen. Die Herausforderung des Verzichts auf die betäubungslose Ferkelkastration lässt sich nur bewältigen, wenn alle Alternativen, also die Ebermast, die Impfung und die chirurgische Ferkelkastration unter Betäubung genutzt werden. Letztendlich ist es bei der Wahl der Alternative wichtig, dass auf eine Methode zurückgegriffen wird, die aus der Sicht des Tierschutzes, der Arzneimittelsicherheit und des Verbraucherschutzes geeignet ist. Wenn diese Punkte erfüllt werden, ist auch mit einer Verbraucherakzeptanz zu rechnen.

Frage: Ab wann könnte der vierte Weg letztlich in der Praxis umsetzbar sein?

Christian Schmidt: Zunächst müssen wir die Ergebnisse der Studien abwarten.

Quelle: agrarheute. Landwirtschaft auf den Punkt gebracht, Ausgabe Dezember 2017

Fragen von:
Uwe Braeunig

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