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Es braucht neben der Wertschätzung für die Produkte auch ein besseres Bewusstsein für gute Ernährung.

Datum:
07.04.18

Bundesministerin Julia Klöckner spricht im Interview mit dem "Focus" über Wertschätzung von Lebensmitteln, Ernährung, EU-Agrarpolitik und Integration

Frage: Frau Klöckner, wie haben Sie erfahren, dass Sie Bundesministerin werden?

Julia Klöckner: Die Kanzlerin hat mich angerufen.

Frage: Brauchten Sie Bedenkzeit?

Julia Klöckner: Die Themen waren mir ja vertraut, da ich bereits während der Jamaika-Sondierungen und auch bei den Koalitionsverhandlungen zur GroKo den Bereich Landwirtschaft verhandelt habe.

Frage: Was sind für Sie die wichtigsten Themen?

Julia Klöckner: Mein Haus ist das Lebensministerium schlechthin. Bei uns geht es um Essen, Trinken, um - also die Mittel zum Leben. Genau dafür brauchen wir mehr Wertschätzung. Und auch für diejenigen, die die Lebensmittel herstellen und produzieren. Sie sorgen schließlich dafür, dass wir Tag für Tag etwas auf dem Teller haben. Tierwohl, Zukunft der grünen Berufe, Wettbewerbsfähigkeit einer nachhaltigen Landwirtschaft, die klimarelevante Wald- und Forstwirtschaft und die Stärkung der ländlichen Räume sind weitere Schwerpunkte meiner Arbeit. Ich will auch das Thema Ernährungsbildung voranbringen.

Frage: Das ist doch eigentlich selbstverständlich...

Julia Klöckner: Eigentlich. Aber sind wir ehrlich, es braucht neben der Wertschätzung für die Produkte auch ein besseres Bewusstsein für gute Ernährung. Außerdem möchte ich dazu beitragen, Landwirtschaft und Naturschutz wieder zu versöhnen. Raus aus den ideologischen Gräben und Gegensätzen.

Frage: Sie sind zuständig für Landwirtschaft und Ernährung, Ihre Kabinettskollegin Katarina Barley von der SPD hingegen kümmert sich um den Verbraucherschutz. Ist da nicht ein Konflikt zwischen zwei Ministerinnen gegeneinander programmiert? Die eine ist für die Bauern da, die andere für die Kunden?

Julia Klöckner: Alles rund um das Thema gesunde Ernährung, Verbraucherinformation und Ernährungsbildung fällt in meinen Bereich. Kollegin Barley ist für den rechtlichen Verbraucherschutz - Facebook und Ähnliches - zuständig. Diese Aufteilung gab es bereits in der vergangenen Legislaturperiode. In meiner Amtszeit möchte ich einen stärkeren Fokus auf den gesundheitlichen Verbraucherschutz legen.

Frage: Sie sprechen von gesunder Ernährung und den Interessen der Verbraucher. Für die meisten Menschen müssen Lebensmittel aber vor allem preiswert sein. Widerspricht sich das nicht?

Julia Klöckner: Ausgewogene Ernährung und bezahlbare Preise schließen sich nicht aus. Das ist auch das Ergebnis der modernen Landwirtschaft. Kuhställe sind heute immer öfter mit Hightech ausgestattet - auch im Sinne des Tierwohls, der Hygiene und der Lebensmittelqualität. Klar, ohne Kuh, Milch und Landwirt geht es zum Glück nicht. Dazu kommt heute aber noch der Laptop. Mit Präzisionstechnik und Sensoren kann man auch auf dem Feld günstiger produzieren und dabei gleichzeitig zielgenauer und dadurch weniger Pflanzenschutzmittel einsetzen.

Frage: Und die Kosten?

Julia Klöckner: Unsere Lebensmittel sind so günstig wie nie zuvor. Vor 50 Jahren haben wir etwa die Hälfte unseres Haushaltseinkommens für Lebensmittel ausgegeben, heute sind es rund elf Prozent.

Frage: Und das sind immer noch gute Lebensmittel?

Julia Klöckner: Sie sind sogar immer besser geworden.

Frage: Nach den Hartz-IV-Regelsätzen erhält ein Kind drei Euro pro Tag für die Ernährung. Kann man sich davon gesund ernähren?

Julia Klöckner: Wer Hartz IV und damit eine Grundsicherung bekommt, der muss knapsen. Das Wissen um Rohstoffe und wie man sie zubereiten kann, erleichtert das Haushalten. So bin ich selbst auf dem Hof zu Hause groß geworden, kaum ein Lebensmittel wurde weggeworfen oder blieb ungenutzt. Ich unterstütze ehrenamtlich die Arbeit einer Tafel. Dort haben mir viele erzählt, wie hilfreich es ist, dass es Kochkurse und Erläuterungen zu Gemüse gibt, das viele noch nie zubereitet haben.

Frage: Gehen die Leute nicht zur Tafel, weil sie mit Hartz IV nicht auskommen?

Julia Klöckner: Diejenigen, die bisher offen mit mir über ihren Tafelbesuch geredet haben, sagen, dass sie das Angebot gerne annehmen, um dann mehr Geld für etwas anderes übrig zu haben. Wichtig ist mir auch der Umgang mit Lebensmitteln. Wenn ich mal zurückblicke auf die Zeit meiner Großeltern, damals wurde Haushaltsführung in der Schule gelehrt. Wenn montags Kartoffeln gekocht wurden, dann gab es die oft mehrere Tage in verschiedener Form. Von Bratkartoffeln über Püree bis zur Suppe, bis sie verbraucht waren. Das waren natürlich ganz andere Zeiten, ein Stück weit sollten wir aber zu dieser Wertschätzung zurückfinden.

Frage: Nochmal: Kann man sich von HartzIV gesund ernähren?

Julia Klöckner: Jeder lebt und ernährt sich anders. Hartz IV ist ein knapp bemessenes Budget. Aber es gibt einen gewaltigen Preisunterschied zwischen den Lebensmittel-Rohstoffen, die man selbst zu einem guten Essen zubereitet, und Fertigprodukten. Darum ist mir Ernährungsbildung so wichtig: das Wissen, wie man sich kostengünstig und gleichzeitig gesund und ausgewogen ernährt.

Frage: Beim Kauf von Lebensmitteln plädieren Sie für "Wahrheit und Klarheit", damit die Verbraucher keinen Täuschungen aufsitzen. Andererseits sind Sie gegen eine Lebensmittelampel zur Kennzeichnung. Wie passt das zusammen?

Julia Klöckner: Eine Ampel klingt so einfach. Denn zum Beispiel Olivenöl hätte einen roten Punkt. Wichtig ist, dass die Gesamtkalorienzahl reduziert wird, es Produkte in einer Sparte mit weniger von allem gibt. Innovationen in dieser Richtung sollten wir fördern. Wir müssen den Verbraucheralltag im Blick haben. Es geht ja auch nicht darum, ganz auf die Butter auf dem Brot oder den Zucker im Kaffee zu verzichten, es kommt auf das Maß an. Wir brauchen eine Gesamtstrategie zur Reduzierung des Kalorienumsatzes.

Frage: Das heißt, Sie wollen ganz auf die Kennzeichnung verzichten?

Julia Klöckner: Nein, natürlich nicht. Nährwertangaben müssen verpflichtend auf der Verpackung stehen. Dafür haben wir gesorgt das ist verlässlich. Fehl- und Überernährung nehmen zu. Da müssen wir an die Ursachen ran. Alleine Produkten oder einzelnen Rohstoffen die Schuld dafür zu geben wäre zu kurz gesprungen. Dort, wo aber bewusst verwirrende und verbrauchertäuschende Kennzeichnungen angewandt werden, will ich Verbesserungen erreichen. Wahrheit und Klarheit sind mir wichtig - und Alltagstauglichkeit.

Frage: Stimmen die Infos auf den Packungen?

Julia Klöckner: Nicht nur ich habe den Eindruck, dass so manche Angabe zu Portions- und Verzehrgrößen wenig mit der Lebensrealität zu tun hat. Und: Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird häufig als Verfalls- oder Verbrauchsdatum missverstanden. Noch immer werden zu viele Lebensmittel weggeworfen - über 80 Kilogramm pro Kopf und Jahr.

Frage: Gehen Sie mit diesem Ziel auf die Industrie zu? Wie wird Ihr Verhältnis zur Lebensmittelindustriesein?

Julia Klöckner: Im Sinne der Verbraucher werde ich mit den Lebensmittelherstellern sprechen, auch über die Kennzeichnung. Wichtig ist für mich, dass wir die Reduzierung von Zucker, Salz und Fett wissenschaftlich unterlegen. Und es muss praktikabel für Verbraucher und Branche sein. Mir fällt zudem die große Label-Flut auf, die für die Verbraucher eher unübersichtlich ist.

Frage: Der Anteil der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft sinkt immer weiter, die Gesamtsumme aller Subventionen für die Landwirte steigt dagegen. Wie lange lässt sich das rechtfertigen?

Julia Klöckner: Das stimmt nicht, die Direktzahlungen sinken ...

Frage: ... aber es gibt zahlreiche andere Vergünstigungen...

Julia Klöckner: ... ja, für den Erhalt der biologischen Vielfalt zum Beispiel. Aber auch für den Bienenschutz oder die Landschaftspflege. Und genau das wird honoriert, weil es gesamtgesellschaftliche Anforderungen sind, die erst einmal nichts mit dem Wirtschaftsbetrieb zu tun haben. Müssten Gartenbaubetriebe die Landschaftspflege übernehmen oder Blühstreifen für Bienen nach staatlichen Vorgaben anlegen, müssten wir dafür ja auch zahlen.

Frage: Es gibt Länder, in denen die Landwirte überhaupt keine Subventionen erhalten.

Julia Klöckner: Die gemeinsame EU-Agrarpolitik ist eine wichtige Säule der europäischen Einigung und Integration, auch für die Entwicklung der ländlichen Regionen. Natürlich brauchen wir immer wieder eine Neujustierung dieser Politik, die gesellschaftlichen Erwartungen an die Mittelvergabe haben sich verändert. Die Auflagen in Sachen Umwelt- und Naturschutz sind entsprechend hoch. Mir ist wichtig, dass das Geld bei den Landwirten und nicht bei Hedgefonds und Spekulanten ankommt.

Frage: Das geht nicht ohne Subventionen?

Julia Klöckner: Es ist richtig, dass es außerhalb Europas Regionen gibt, in denen ohne Subventionen zu Weltmarktpreisen produziert wird. Dort sind aber auch die Bedingungen anders. Nehmen Sie zum Beispiel Getreideanbau auf Schwarzerdeböden der Ukraine oder Milcherzeugung in Neuseeland: Die Maßstäbe sind nicht mit der Situation der deutschen Landwirtschaft vergleichbar.

Frage: Kochen Sie eigentlich selbst, und welches ist Ihr Lieblingsgericht?

Julia Klöckner: Ja, ich koche gerne, wenn ich Zeit habe, und bin begeisterte Thermomixerin (lacht). Es gibt sicher auch andere gute Geräte, die das Kochen erleichtern, ich will ja keine Werbung machen. Ich hatte in einem Interview mal erzählt, dass ich Eintöpfe liebe. Was meinen Sie, was ich monatelang danach bei all meinen Terminen aufgetischt bekam (lacht) ...

Frage: Wie viel Euro muss man ausgeben, um eine Flasche trinkbaren deutschen Wein zu kaufen

Julia Klöckner: Alle Weine, die auf den Markt bei uns kommen, müssen trinkbar sein. Ob sie einem auch schmecken, hängt vom An Spruch an die Qualität ab. Aber generell gilt, dass der Wein in Deutschland sehr preiswert ist und man schon für wenig Geld sehr gute Alltagsweine bekommt. Gerade im Einstiegsbereich ist der Wein aber oft mehr wert, als er tatsächlich kostet.

Frage: Wann haben Sie das letzte Mal einen Wein für weniger als zwei Euro getrunken?

Julia Klöckner: Bei einer Blindverkostung.

Frage: Hat es Sie geschüttelt

Julia Klöckner: Das nicht. Aber ich habe gemerkt, dass es keine Premiumklasse sein kann.

Frage: Schmecken Sie den Unterschied zwischen einem 20-Euro-Wein und einem für 200 Euro

Julia Klöckner: Nicht automatisch. 200-Euro-Weine können auch enttäuschen. Bei deutschen Weinen schmecke ich in der Regel schon die Rebsorte, manchmal auch die Qualitätsstufe heraus, am Säurespiel können Sie oft auch den Boden, auf dem die Reben gewachsen sind, herausfinden. Mit etwas Übung schmecken Sie, ob es sich um einen sortentypischen Wein handelt und ob er im Keller gut ausgebaut wurde. Aber bei den ganz hochpreisigen Weinen geht es neben dem Geschmack oft auch um die Frage, ob es sich um eine Rarität oder um einen Wein aus einer speziellen Lage handelt.

Frage: Kaufen Sie Ihr Fleisch im Supermarkt oder im Fachgeschäft?

Julia Klöckner: Wenn ich zu Hause bin, dann gibt es meistens das Fleisch aus der Region. Gleiches gilt für die Eier, mein Vater bringt für mich direkt vom Bauern immer eine Schachtel mit. Oder ich gehe auf den Markt. Wenn die Zeit dafür nicht reicht, dann kaufe ich auch an der Fleischtheke im Supermarkt.

Frage: Also kein abgepacktes Fleisch?

Julia Klöckner: Ich achte vor allem darauf, woher die Produkte kommen. Das ist mir nicht nur bei Fleisch oder Wurst wichtig, sondern bei allen Nahrungsmitteln, ob abgepackt oder nicht. Manchmal muss es einfach schnell gehen. Wenn am Samstag die Warteschlange an der Theke zu lang ist, schaue ich mich auch im Kühlregal um.

Frage: Wir würde Sie gern als CDU-Politikerin fragen, ob Sie auf der Seite von Horst Seehofer stehen oder auf der von Angela Merkel...

Julia Klöckner: ...ich ahne, worauf Sie hinauswollen ...

Frage: Also: Gehört der Islam zu Deutschland oder nicht?

Julia Klöckner: Gegenfrage: Was ist "der Islam"?

Frage: Die Religion der hier lebenden 4,4 Millionen Menschen mit muslimischem Glauben.

Julia Klöckner: Beim Islam gibt es verschiedenste Ausformungen, und insofern ist dieser Satz in seiner Absolutheit weder falsch noch richtig. Religion ist ja auch nicht die Grundlage, auf der die deutsche Staatsbürgerschaft zuerkannt wird. Für mich heißt das, dass zu unserem Land Bürger gehören und nicht primär Religionsangehörige.

Frage: Dann liegt Horst Seehofer also falsch?

Julia Klöckner: Es gehören Bürger zu Deutschland, die einen christlichen, jüdischen, muslimischen oder einen anderen Glauben haben oder die Atheisten oder Agnostiker sind. Das heißt aber nicht, dass jede Interpretation von Religion zu uns gehört und bei uns geduldet werden darf. Keine Religion steht über unserem Grundgesetz. Wessen Glauben ihm oder ihr sagt, unsere jetzige demokratische Gesellschaftsordnung müsse bekämpft werden, der darf hier nicht auf Verständnis hoffen. Es ist auch nicht akzeptabel, wenn einige aus ihrem Glauben den Schluss ziehen, dass Frauen weniger wert seien als Männer.

Frage: Lösen diese Debatten irgendein wichtiges Problem, dem sich die neue Regierung zuwenden möchte?

Julia Klöckner: Es geht dabei um ein wichtiges gesellschaftliches Thema, weil es um Integration geht. Das beschäftigt die Bürger. Ich bin überzeugt davon, dass wir uns stärker den Frauen zuwenden sollten. Eine erfolgreiche Integration steht und fällt mit der Rolle der Frau.

Frage: Wir wollen Sie zum Schluss des Gesprächs um spontane Satzergänzungen bitten.

Julia Klöckner: Legen Sie los.

Frage: Also: Die AfD versteht es besser als alle anderen Parteien...

Julia Klöckner: ... die Gesellschaft zu polarisieren und aufzuwiegeln.

Frage: Christian Lindner schuldet der Union noch...

Julia Klöckner: ... (lacht) eine gute Erklärung.

Frage: Jamaika ist für mich...

Julia Klöckner: ... ein Ort, wo es gerade wärmer ist als hier. Und ansonsten würde ich noch sagen: schade!

Frage: Meine Traumkoalition im Bund wäre...

Julia Klöckner: ... ich träume nicht, sondern gehe mit der Realität um. Wer ins Gelingen verliebt ist, macht eine gute Arbeit in der großen Koalition.

Frage: Wenn Angela Merkel in vier Jahren nicht mehr als Bundeskanzlerin antreten sollte, wer de ich...

Julia Klöckner: ... vier Jahre älter sein.

Quelle: Focus vom 07. April 2018

Fragen von:
Daniel Goffart und Markus Hurek

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