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"Mein Ziel ist, dass für den Verbraucher die gesunde Wahl zur leichten Wahl wird"

Bundesministerin Julia Klöckner im Interview mit dem "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"

Datum:
27.07.18

Frage: Frau Ministerin, in Deutschland ist mittlerweile mehr als jeder Zweite übergewichtig. Trotzdem lehnen Sie die Einführung einer "Lebensmittelampel" ab. Warum?

Julia Klöckner: Ich befürworte eine besser verständliche und realistische Kennzeichnung bei Lebensmitteln. Mein Ziel ist, dass für den Verbraucher die gesunde Wahl zur leichten Wahl wird, damit wir uns ausgewogener und besser ernähren. Das alles gewährleistet eine simplifizierende Ampelkennzeichnung nicht. Sie klingt erst mal gut und sieht auf den ersten Blick wie eine einfache Lösung aus. Aber schauen wir es uns genauer an: Olivenöl wird immer einen roten Punkt haben, klar, es ist Fett. Der frisch gepresste Orangensaft hätte wegen des Fruchtzuckers immer einen roten Punkt. Sie sehen, die Herausforderung, die dahinter steht, ist sehr viel komplexer. Aus meiner Sicht reicht es nicht, den Inhaltsstoffen von Lebensmitteln eine von drei Farben zuzuordnen.

Frage: Was schlagen Sie stattdessen vor?

Julia Klöckner: Worauf es wirklich ankommt, ist eine insgesamt ausgewogene Ernährung. Die Zusammenstellung und die Nährstoffe in der Gesamtheit der Ernährung sind da entscheidend. Ich halte es deshalb für sinnvoller und vor allem nachhaltiger, auf Ernährungsbildung und Transparenz hinsichtlich der Lebensmittelinhaltsstoffe zu achten. Sie müssen aber verständlicher werden, als das jetzt der Fall ist. Die Verbraucher müssen erkennen können, was sie da eigentlich essen, ich will ihnen das nicht vorschreiben. Am Ende muss auch jeder Erwachsene seinen eigenen Kopf und seine eigene Verantwortung einsetzen - wenn er die nötigen Infos und die Kompetenz dazu hat.

Frage: Inwiefern könnten denn rote Kennzeichnungen auf Süßigkeiten und Chips irreführend sein?

Julia Klöckner: Es geht nicht um plakative Beispiele wie Kartoffelchips, sondern um Zucker, Fett und Salz in allen möglichen verarbeiteten Lebensmitteln. Eine pauschale Aussage wie "Das ist gut, also grün, das andere schlecht, also rot" funktioniert hier nicht. Zudem setze ich auf klare Fakten und Zahlen. Die sagen bei dieser Frage ganz eindeutig, dass es keine wissenschaftliche Evidenz dafür gibt, welche Bezugsgrößen für eine grüne, gelbe oder rote Kennzeichnung heranzuziehen sind. Die Spannen der Nährwertgehalte für die einzelnen Inhaltsstoffe sind einfach zu groß. Vereinfacht gesagt: Wo fängt eine grüne, gelbe oder rote Farbkennzeichnung an, und wo hört sie auf?

Frage: Auch einer Zuckersteuer, wie sie in anderen Ländern mit Erfolg praktiziert wird, stehen Sie skeptisch gegenüber. Was sind dafür die Gründe?

Julia Klöckner: Eine Steuer ist ja kein Selbstzweck - sie mag zwar toll daherkommen und mich politisch als Macher darstellen -, aber das Ziel ist doch ein anderes: Wir wollen, dass die Bürger sich ausgewogener ernähren. Wenn eine Steuer das gewährleisten würde, schön. Aber Erfahrungen bestätigen diese Erkenntnis nicht. Dänemark beispielsweise hatte bereits eine Fettsteuer eingeführt. Die wurde wieder abgeschafft, weil die Zusammensetzung der Lebensmittel dadurch nicht besser wurde. Die große Frage ist doch: Können durch eine Zuckersteuer tatsächlich Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes reduziert werden? Wo sind denn die Belege dafür, dass in Ländern mit einer Zuckersteuer die Diabetesrate gesunken ist oder die Menschen schlanker sind? Im Übrigen: Das sogenannte Substitutionsverhalten, also das Ersetzen mit anderen Süßungsmitteln oder der Mehrverzehr, muss auch beachtet werden. Und selbst wenn ein Joghurt mit 0,1 Prozent Fett groß beworben wird, aber im kleinen Becher 30 Gramm Zucker drin sind, damit es noch nach etwas schmeckt, dann hat man nichts in der Gesamtbilanz erreicht. Deshalb brauchen wir keine symbolischen Steuererhöhungen.

Frage: In Brasilien, wo die Probleme mit Fettleibigkeit besonders groß sind, hat eine Zuckersteuer dazu geführt, dass zuckerhaltige Limonaden deutlich weniger gekauft werden. Warum sollte das hier nicht funktionieren?

Julia Klöckner: Hat die Zuckersteuer auch dazu geführt, dass die Fettleibigkeit zurückging? Das ist doch das Ziel. Eine Zuckersteuer sagt nichts über die möglichen langfristigen Effekte aus.

Frage: Sie haben angekündigt, gegen die steigende Fettleibigkeit ein ganzheitliches Konzept vorzulegen. Wie könnte das aussehen?

Julia Klöckner: Mein Ministerium ist derzeit im Austausch mit Verbraucherverbänden, der Lebensmittelindustrie, dem Handel und Wissenschaftlern. Gemeinsam erarbeiten wir eine Gesamtstrategie zur Reduzierung von Zucker, Fetten und Salz in Fertignahrungsmitteln. Ende des Jahres wollen wir das Konzept für eine Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie vorlegen. Was wir auch brauchen, sind realistische Portionsangaben auf den Etiketten. Sie müssen alltagstauglich sein und auch vergleichbar

Frage: Was sind weitere wichtige Stellschrauben, an denen gedreht werden muss, um das Problem in den Griff zu bekommen?

Julia Klöckner: Wenn die Verbraucher ausreichend über Lebensmittel Bescheid wissen und wir weniger Zucker, Fette und Salz über Fertignahrungsmittel aufnehmen, ist schon viel erreicht. Davon bin ich überzeugt. Wenn dann auch noch klare, verständliche Angaben auf den Verpackungen stehen, Ernährungskompetenzen bereits in der Kita und der Schule vermittelt werden und DGE-Standards bei der Gemeinschaftsverpflegung in Kantinen beachtet werden, dann fällt es leichter, sich ausgewogen zu ernähren. Aber ich warne davor zu glauben, dass es dann keine ernährungsbedingten Krankheiten mehr gibt. Jeder entscheidet natürlich selbst, es gibt zum Glück keine Essenspolizei. Der eine bewegt sich mehr, der andere weniger. Der eine ist verantwortungsbewusster in dem, was er seinem Körper Gutes tut, der andere weniger.

Frage: Der Anteil extrem adipöser Menschen hat sich in Deutschland zwischen 1999 und 2013 mehr als verdoppelt, auf 1,4 Millionen. Bisherige Strategien wirken also nicht oder nicht genug. Muss nicht viel stärker umgedacht werden?

Julia Klöckner: Natürlich - Umdenken müssen alle Beteiligten, auch viele Betroffene. Ziel muss sein, dass wir Adipositas vermeiden und entsprechend vorbeugen. Und da beginnt man am besten ganz früh, denn das Ernährungsverhalten wird bereits in der Kindheit geprägt - auch und gerade von den Eltern. Deshalb setzen wir eben auf Unterstützung und Vermittlung von Ernährungskompetenz in Kita und Schule. So landet das Wissen häufig auch bei den jungen Eltern. Für die Erwachsenen fördern wir ein gesünderes Angebot in Betriebsrestaurants, Krankenhäusern, Reha-Kliniken, beim Essen auf Rädern oder in Senioreneinrichtungen. Allerdings: Verhaltensänderungen auf breiter Basis brauchen Zeit. Immerhin deuten neuere Studien darauf hin, dass der Trend zu immer mehr Übergewicht sich nicht fortsetzt.

Frage: Wie erklären Sie sich, dass ein Teil der Menschen in Deutschland immer größeren Wert auf gesunde Ernährung legt, ein anderer offenbar immer weniger?

Julia Klöckner: Umfragen zeigen, dass den Verbrauchern insgesamt - viel mehr als noch vor einigen Jahren - eine gesunde und nachhaltige Ernährung wichtig ist. Das freut mich sehr.

Frage: Vielfach sind es Menschen aus weniger gebildeten Schichten, die unter Übergewicht und Fettleibigkeit leiden. Wie könnte man die Bildung dieser Menschen gezielt verbessern? Welche Maßnahmen sind denkbar oder sogar schon konkret geplant?

Julia Klöckner: Mein Ministerium hat in der Ernährungsbildung in den vergangenen Jahren viel getan: Das Bundeszentrum für Ernährung bündelt beispielsweise die Aktivitäten in der Ernährungsinformation und -kommunikation. Das ist die Ansprechstelle für Fragen rund um Ernährung. Außerdem haben wir gemeinsam mit den Landfrauen speziell für Grundschüler den Ernährungsführerschein verbreitet. Das ist ein großer Erfolg. Etwa eine Million Kinder deutschlandweit haben inzwischen einen Ernährungsführerschein. Die Kinder lernen gemeinsam, kleine Gerichte zuzubereiten. Im Mittelpunkt steht das Selbermachen und Ausprobieren. Sie sollen Spaß am Kochen haben. Das ist auch eine Investition in die Zukunft: Die Schüler machen zu Hause weiter - gemeinsam mit der Familie. Dann lernen alle etwas.

Frage: Erlauben Sie mir bitte eine persönliche Frage: Wie haben Sie selbst es geschafft, so schlank zu werden?

Julia Klöckner: Stellen Sie meinen männlichen Kollegen auch solche Fragen? Schlank ist relativ. Aber gut: Ich esse wirklich gerne, vor allem in Gesellschaft. Es ist wie ein gemeinsames Lagerfeuer, Genießen ist wie Wellness und auch Belohnung für stressige Tage. Durch meinen Politikerberuf hatte ich zu Beginn zugenommen - unregelmäßiges, schnelles und ungesundes Essen. Seitdem ich bewusst darauf achte, sehr viel mehr Obst und Gemüse zu essen, gegen den Heißhunger Nüsse und einen Apfel in der Tasche habe statt Schokoriegel, seitdem fühle ich mich auch wohler. In Berlin benutze ich im Regierungsviertel das Fahrrad statt den Dienstwagen, ich fahre auch gerne Rennrad. Aber ich habe auch so meine Schwächen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung

Fragen von:
Susanne Kusick

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