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Bauern müssen sich auf Klimawandel und regionale Wetterextreme noch stärker vorbereiten

Bundesministerin Julia Klöckner im Interview mit dem "Stern"

Datum:
05.09.18

Julia Klöckner: Wollen Sie auch Kekse?

Frage: Gern.

Julia Klöckner: Und schon kommen die Wespen …

Frage: Wenn man sie mit Wasser besprüht, fliegen sie weg.

Julia Klöckner: Echt, das hab ich noch nicht gehört. Probiere ich aus. Das ist Tierwohl ...

Frage: Lassen Sie uns später zum Tierwohl kommen. Erst mal zu Ihnen. Ihre Arbeit wird gerade oft gelobt. Sie retten die Bauern vor der Dürre und die Bienen vor Insektengift. Genießen Sie den Erfolg?

Julia Klöckner: Nicht übertreiben. Wo Lob ist, ist meist auch Kritik. Ich bleib auf dem Boden, kenne Höhen und Tiefen. Am besten, man trifft Entscheidungen faktenbasiert.

Frage: Es heißt in Berlin: "Klöckner kann Kuhstall und Parkett."

Julia Klöckner: (lacht) Gummistiefel und Pumps – ja, ich trage beides.

Frage: Wir haben uns kürzlich bei einem Milchbauern im Hunsrück getroffen. Der Kuhduft hängt lange in den Klamotten. Ziehen Sie sich nach Stallbesuchen um?

Julia Klöckner: Kommt darauf an, wo es danach hingeht. Ich steige schon mal vom Acker in den Flieger, wechsle nur die Schuhe.

Frage: Gab es Lob von Frau Merkel für die Lösung mit den Bauern?

Julia Klöckner: Die Kanzlerin und meine Kabinettskollegen waren damit einverstanden, wie ich die Sache gehandhabt habe.

Frage: Die Steuerzahler retten mit 340 Millionen Euro rund 10 000 Höfe, macht im Durchschnitt 34 000 Euro pro Hof. Wenn die Wetterextreme zunehmen, wie Klimaexperten voraussagen, kann es gut sein, dass Sie demnächst schon wieder Geld lockermachen müssen. Sagen Sie den Landwirten, das war jetzt das letzte Mal, dass ihr gerettet werdet?

Julia Klöckner: Ich sage den Bauern, dass sie sich auf den Klimawandel und regionale Wetterextreme noch stärker vorbereiten müssen.

Frage: Wie?

Julia Klöckner: Zum Beispiel mit Beregnungsanlagen, mit finanzieller Vorsorge, mit dürrefesterem Saatgut, mit einer größeren Vielfalt an Feldfrüchten.

Frage: Also weg von den Monokulturen?

Julia Klöckner: Ja.

Frage: Ein Landwirt in Niedersachsen erzählte mir: Er hat vor Jahren viel Geld in Bewässerungsanlagen gesteckt, sein Mais steht satt und grün. Er bekommt keine Dürrehilfe. Sein Nachbar hat nicht investiert und kassiert nun zigtausend Euro Steuergeld. Der Landwirt sagt: Retten ist nicht fair! Hat er recht?

Julia Klöckner: Ich geh nicht mit der Gießkanne rum. Der Nachbar muss nachweisen, dass er 30 Prozent weniger erntet als im Vorjahr, und der Betrieb muss in seiner Existenz gefährdet sein. Er muss seine Bücher offenlegen.

Frage: Der Bauer im Hunsrück, bei dem Sie im Kuhstall waren, hat 160 Kühe und 200 Hektar Wiesen und Äcker. Auch er erntet weniger Futter, aber der Milchpreis steigt von 28 Cent im Mai auf jetzt 32 Cent pro Liter. Er produziert weniger, aber er verdient mehr. Haben Sie dann doch zu früh den Geldhahn aufgedreht?

Julia Klöckner: Nein, die Preise werden bei der Prüfung von Hilfen berücksichtigt.

Frage: Die Bauern hängen seit Jahr und Tag am Subventionstropf. Eine vierköpfige Familie zahlt für die gemeinsame Agrarpolitik der EU rund 460 Euro im Jahr. Keine andere Branche wird so gehätschelt.

Julia Klöckner: Sehr pauschale These. Wir müssen achtgeben, dass wir nicht einfache Stimmungen bedienen. Wir wollen doch alle Nahrungsmittel aus heimischer Produktion und Bauern, die unsere Landschaft pflegen. Landwirte arbeiten heute gut und effizient. Ich stelle mich gerne vor diese Berufsgruppe. Sie produzieren unser Essen.

Frage: Die Art des Wirtschaftens führt laut Zahlen Ihrer Regierung dazu, dass nur noch 0,1 Prozent unserer Flüsse als ökologisch "sehr gut" bewertet werden. 99,9 Prozent sind überdüngt und mit Pestizidrückständen verdreckt. Die Agrochemie und die Bauern haben Gewässer, Feld und Flur kaputt gemacht. Stimmt’s?

Julia Klöckner: Okay, Sie wollen mich jetzt provozieren. Sie sind aber klug genug, um zu wissen, dass dies in der Verallgemeinerung nicht richtig ist.

Frage: Es gibt Regionen in Deutschland, da wird mit hohem Aufwand Nitrat und Spritzmittel aus dem Wasser gefiltert, der Preis für Trinkwasser steigt. In Hohenthann in Niederbayern zum Beispiel zahlt eine Familie 134 Euro pro Jahr mehr.

Julia Klöckner: Ich beteilige mich nicht an diesem Bauern-Bashing. Beim Düngen und Gülleausbringen müssen sich die Bauern an die strikten Regelungen der neuen Düngeverordnung halten.

Frage: 2017 mussten rund 20 000 Unternehmen in Deutschland Konkurs anmelden. Warum lässt man die Bauern nicht auch pleitegehen?

Julia Klöckner: Höfe gehen auch pleite. Oder Inhaber geben auf, weil kein Nachfolger da ist. Warum blicken Sie so negativ auf Landwirte, schauen Sie, was diese leisten. Sie haben andere Arbeitszeiten als wir zwei.

Frage: Ich glaube nicht, dass Bauern andere Arbeitszeiten haben als Sie.

Julia Klöckner: Ich weiß, was es heißt, in der Landwirtschaft zu arbeiten, rund um die Uhr, abhängig vom Wetter zu sein. Sagen Sie doch mal, welche Landwirtschaft wollen Sie?

Frage: Ganz einfach: eine, die gut mit Tieren und mit dem Boden umgeht. Finden Sie es nicht auch entsetzlich, wenn Sie sehen, wie Tiere in Massen gequält werden?

Julia Klöckner: Wir haben in Deutschland ein Tierschutzgesetz, das die Standards festlegt.

Frage: Aber Frau Klöckner …

Julia Klöckner: ... wollen Sie nun meine Antwort wissen oder nicht?

Frage: Sicher! Mich interessiert, was Sie fühlen, wenn Sie in einen Schweinestall kommen, in dem die Tiere auf 0,75 Quadratmeter stehen und in der eigenen Scheiße liegen, bis sie zu Billigfleisch werden. Das Kilo für vier Euro.

Julia Klöckner: Es gibt sehr unterschiedliche Ställe. Ich betrachte die Landwirtschaft differenziert. Es gibt auch Ökobetriebe mit über 10 000 Tieren – beim Geflügel zum Beispiel. Es geht also nicht pauschal um die Quantität, sondern um die Art der Tierhaltung. Und wenn die Zahl der Tiere nicht mehr in Relation zur Fläche steht, dann haben wir Unwuchten, die sich besonders beim Umweltschutz bemerkbar machen.

Frage: Das heißt: wenn die Bauern mehr Tiere haben, als sie mit der eigenen Ernte satt bekommen, und sie Futter, zum Beispiel Soja aus den USA, dazukaufen müssen.

Julia Klöckner: Groß ist nicht gleich böse. Es gibt ganz kleine Betriebe, die ihre Tiere nicht artgerecht halten. Oder große, die sehr viel fürs Tierwohl tun. Beispielsweise bei Kuhställen. Dort laufen Kühe frei herum, gehen selbstständig zum Melkroboter, ihr Gesundheitszustand wird ständig durch digitale Halsbänder überwacht. Deshalb sollten wir differenzieren.

Frage: Kaufen Sie Schweinefleisch aus Massentierhaltung?

Julia Klöckner: Meine Familie bezieht das Fleisch von einem Hof bei uns in der Region. Ich kann es aber auch keinem verübeln, wenn einer als Alleinverdiener bei Michelin am Band steht, drei Kinder hat und sagt: Leute, ihr habt gut reden, ich kann mir das teure Fleisch nicht leisten. Wollt ihr mir jetzt sagen, was ich essen darf?

Frage: Könnte man der Familie nicht sagen: "Auch ihr könnt gutes Fleisch essen, aber dann eben ein Drittel weniger?"

Julia Klöckner: Wer bin ich denn, einer Familie den Essensplan vorzuschreiben und womöglich noch zu kontrollieren?

Frage: In deutschen Ställen werden jedes Jahr 20 Millionen männlichen Ferkeln ohne Betäubung die Hoden abgeschnitten.

Julia Klöckner: Ich führe dazu gerade Verhandlungen mit den Ländern und Verbänden.

Frage: Aber wie finden Sie das? Zack, Hoden ab, ohne Betäubung.

Julia Klöckner: Die Verbraucher möchten kein Fleisch mit Ebergeruch. Und andererseits: Der Tierschutz verlangt es, Schmerzen zu vermeiden, und das ist richtig.

Frage: In Wahrheit sind Sie eingeknickt. Eigentlich sollte das Kastrieren ohne Betäubung ab 2019 verboten sein. Die Bauern hatten fünf Jahre Zeit, sich auf die neuen Vorschriften einzustellen. Aber die haben die Sache einfach ausgesessen. Jetzt soll das Tierschutzgesetz geändert werden, damit weiter ohne Betäubung geschnitten werden kann.

Julia Klöckner: Ich bin erst seit einigen Monaten in dem Amt, und es hilft jetzt niemandem, über davor vergossene Milch zu jammern. Ich bin ganz bei Ihnen: Die jetzige Praxis sollte so nicht weitergehen. Aber wenn Ferkelproduktion künftig im Ausland unter Bedingungen stattfindet, die wir nicht tolerieren, und wir dennoch das Fleisch importieren, ist dem Tierschutz auch nicht gedient. Wenn der Bundesrat und der Bundestag die Frist verschieben, bis eine Lösung gefunden ist, muss diese Zeit im Sinne des Tierschutzes genutzt werden. Wenn dann danach die betäubungslose Ferkelkastration in Deutschland Geschichte ist, haben wir doch etwas erreicht für den Tierschutz.

Frage: Die Herren vom Bauernverband sagen: Wenn ihr Verbraucher wollt, dass Ferkel betäubt werden, kostet das Schweinefleisch doppelt so viel. Das ist blanke Erpressung!

Julia Klöckner: Mir hat noch keiner gesagt, dass die Kosten sich verdoppeln.

Frage: Pro Ferkel kostet die Narkose fünf Euro.

Julia Klöckner: Ich mag Ihre Art, mich rauslocken zu wollen. Aber gehen wir mal sachlich ran: Nicht nur der Landwirt ist gefragt, sondern auch der Verbraucher. Wir geben durchschnittlich nur elf Prozent unseres Haushaltseinkommens für Nahrungsmittel aus. Vor 50 Jahren waren es 50 Prozent. Wir geben gern viel für Kücheneinrichtungen aus. Küchen sind Statussymbol bei uns. Wir haben mehr Handys als Einwohner. Wir sind Reiseweltmeister. Es ist eine Frage der Prioritäten und Wertschätzung. Ich finde es unerträglich, wenn Fleisch in Supermärkten als Lockangebot verramscht wird. Als Politikerin frage ich mich natürlich, woran liegt das: am Verbraucher, dem es am Ende doch egal ist, woher das Fleisch kommt? An mangelnder Aufklärung und Transparenz über die Haltung und Herkunft? Oder am Handel, der es sich zu einfach macht?

Frage: Was halten Sie von Fotos auf der Fleischverpackung, wie bei Zigaretten. Da stünde: Das Schwein hat nie Tageslicht gesehen, es hatte Bissverletzungen und wurde präventiv mit Antibiotika behandelt.

Julia Klöckner: Ach kommen Sie, Sie können das doch besser – Sie mögen es gern populistisch.

Frage: Nein. Realistisch.

Julia Klöckner: An den Folgen des Rauchens sterben in Deutschland jährlich über 100 000 Menschen. Der Vergleich ist also kein Vergleich.

Frage: Warum nicht?

Julia Klöckner: Sie unterstellen, dass Tierhaltung in größeren Ställen immer gleich auch Tierquälerei ist. Wer in Deutschland Tiere quält und erwischt wird, wird bestraft.

Frage: Ich habe Zahlen aus Rheinland-Pfalz, Ihrem Heimatland. 2014 wurden 1206 Höfe kontrolliert, bei 301 wurden Verstöße gegen den Tierschutz festgestellt. Das sind 25 Prozent. 2015 waren es 18 Prozent. Das ist doch einfach zu viel!

Julia Klöckner: Aber Sie können doch wohl unterscheiden zwischen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz, die nicht Tierquälerei sind. Etwa wenn Kontrolleure feststellen, dass es zu wenig Licht im Stall gibt oder dass Tierarzneimittel abgelaufen sind. Und Punkt zwei, ja – Tierkontrollen sind absolut notwendig. Dafür sind die Länder zuständig. Mein Staatssekretär hat den Ländern nachdrücklich geschrieben, dass wir erwarten, dass alle Kontrollen durchgeführt werden.

Frage: Im Klartext: Es gibt zu wenig Kontrollen?

Julia Klöckner: Die Situation ist sehr unterschiedlich von Ländern im Süden mit sehr vielen kleinen Betrieben zu Ländern im Osten mit deutlich weniger, dafür teilweise sehr großen Betrieben. Das bringt unterschiedliche Herausforderungen mit sich. Der bloße Blick auf Statistiken kann da schnell in die Irre führen. Aber ich erwarte, dass die Landesregierungen ihren Auftrag ernst nehmen bei den Tierschutzkontrollen.

Frage: Sie haben im Koalitionsvertrag versprochen, bis 2030 werde es 20 Prozent Ökolandbau in Deutschland geben. Schaffen Sie das?

Julia Klöckner: Ich arbeite daran. Es hängt aber nicht von mir allein ab.

Frage: Sie sind zu zögerlich, sagen Experten.

Julia Klöckner: Fakt ist, die Zahl der Ökobetriebe wächst. Außerdem haben wir sehr viele konventionelle Höfe, die sind bei Nachhaltigkeit schon so gut, ihnen fehlt gar nicht mehr viel bis zum zertifizierten Ökobetrieb.

Frage: In Brüssel wird darüber verhandelt, wie die Agrar-Subventionen in Höhe von rund 60 Milliarden Euro jährlich ab 2021 verteilt werden. Warum sagen Sie nicht: Wer nachhaltig wirtschaftet, wird stärker als bisher belohnt.

Julia Klöckner: Ich will eine Agrar-Entwicklung, bei der möglichst alle mitkommen. Ich will die Einkommen der Landwirte stabilisieren, auch bei den kleinen Höfen im Allgäu. Aber es wird kein Geld mehr geben, das nicht an Bedingungen geknüpft ist.

Frage: Also nicht mehr: 300 Euro Fördergeld pro Hektar, egal, was auf dem Acker passiert?

Julia Klöckner: Schon heute bekommt keiner Geld, der nicht eine Mindestzahl an Umwelt- und Naturschutzstandards einhält. Und nur, wer mindestens fünf Prozent ökologische Vorrangflächen nachweisen kann, erhält mehr.

Frage: Heißt das, künftig müssen alle mehr Öko sein?

Julia Klöckner: Ich bin der festen Überzeugung, dass sich die konventionelle und die ökologische Landwirtschaft immer mehr annähern. Die einen sind nachhaltig und werden produktiver, die anderen sind produktiv und werden nachhaltiger. Beide werde ich dabei unterstützen.

Frage: Eines Ihrer wichtigsten Vorhaben ist die Einführung des neuen Tierwohl-Labels. Können Sie am Beispiel eines Mastschweins sagen, was sich konkret verbessern wird?

Julia Klöckner: Die Verhandlungen laufen noch. Aber dem Schwein wird es besser gehen, es wird zum Beispiel mehr Platz und mehr Beschäftigung haben.

Frage: Einige Discounter waren schneller als Sie. Die bieten schon Fleisch mit einem Tierwohl-Etikett.

Julia Klöckner: Und mit dem sind Sie zufrieden?

Frage: Nein, weil nicht klar ist, woher genau das Fleisch kommt, wie das Tier gehalten wurde.

Julia Klöckner: Das will ich mit dem staatlichen Tierwohl-Kennzeichen ändern.

Frage: Sie versprechen, der Verbraucher kann klar und deutlich erkennen, wie das Tier gehalten wurde?

Julia Klöckner: Die Anforderungen werden transparent gemacht. Und der Verbraucher kann dann zeigen, was ihm mehr Tierwohl wert ist.

Frage: Wie ernähren Sie sich?

Julia Klöckner: Mal so, mal so. Grundsätzlich versuche ich den Tag mit Obst und Müsli zu beginnen. Und in der Tasche habe ich immer einen Apfel und Nüsse – und Gummibärchen (lacht). Wegen meines Tageskalenders komme ich selten zum Mittagessen.

Frage: In Ihrem neuen Buch schreiben Sie: "Wären wir in den 50er Jahren, würden Frauen wie ich als nicht heiratsfähig gelten. Weil zu wenig Hausfrau und zu viel eigene Meinung …"

Julia Klöckner: Ja, in den Fünfzigern würde ich so hier als Ministerin nicht sitzen, weil ich weder verheiratet bin noch Kinder habe. Die Rolle der Frauen hat sich bei uns gottlob geändert. Das lassen wir uns auch nicht mehr wegnehmen.

Frage: Man sieht Sie jetzt häufiger mit Ihrem neuen Lebensgefährten. Bislang hielten Sie Privates und Politik scharf getrennt. Ist das der Preis für den Aufstieg in die erste Politikerinnen-Liga?

Julia Klöckner: Ich halte es wie eh und je. Mein Partner an meiner Seite kann selbst entscheiden, ob er mit mir in der Öffentlichkeit stehen will. Wir halten beide nichts von Homestorys und privaten Inszenierungen.

Quelle: Stern vom 5. September 2018

Fragen von:
Norbert Höfler

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