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Wir sollten nicht so tun, als ob der Klimawandel allein von der Landwirtschaft abhängt.

Datum:
12.01.20

Bundesministerin Julia Klöckner im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung"

Frage: Frau Klöckner, beim Thema Ernährung sind viele Leute komplett verunsichert. Was darf ich überhaupt noch zu mir nehmen?

Julia Klöckner: Nun machen Sie mal langsam! Es wird schon noch jeden Tag gegessen. Als Ministerin mache ich keine Vorschriften für private Einkaufslisten, wir geben Empfehlungen auf Grundlage der Wissenschaft. Wichtig sind Maß und Mitte. Es geht nicht um irgendeine ästhetische Perfektion, sondern um Gesundheit. Immer mehr Kinder sind übergewichtig, manche haben schon Altersdiabetes. Das hat mit unserem Lebensstil zu tun: weniger Bewegung, kein ausgewogenes Essen. Wir greifen auch stärker als früher zu Fertiggerichten. Vor fünfzig Jahren hat man die Kartoffeln noch aus dem eigenen Garten geholt.

Frage: Fertiggerichte sind schlecht?

Julia Klöckner: Nein, das kann man so pauschal nicht sagen. Aber bleiben wir realistisch: Nicht jeder kann sein eigenes Gemüse anbauen oder alles selbst zubereiten. Heute müssen wir Beruf und Familie anders vereinbaren. Das ist nicht verwerflich, sondern Lebensrealität. Umso mehr kommt es auf Orientierung an. Verbraucher müssen sich darauf verlassen können, was auf der Verpackung steht: Wo kommt das Produkt her, was ist da drin?

Frage: Habe ich überhaupt die Wahl? Fertigpizzas oder Pasta-Soßen ohne Zucker werden zum Beispiel in den meisten Supermärkten gar nicht angeboten.

Julia Klöckner: Schon jetzt ist vorgeschrieben, dass es auf der Rückseite der Verpackung eine Tabelle mit den Nährwerten geben muss. Aber das ist für den Alltag zu kompliziert. Deshalb wird es demnächst auf der Vorderseite eine Kennzeichnung geben, die schneller zu erfassen ist: den Nutri-Score. Er wird die Unternehmen zu veränderten Rezepturen motivieren, damit sie eine bessere Bewertung bekommen.

Frage: Der Trend geht in die andere Richtung: Das Regal mit den gezuckerten Knuspermüslis wird immer größer, nach ungezuckerten Sorten muss man sich bücken.

Julia Klöckner: Wo kaufen Sie denn ein? Ich finde immer auch Alternativen im Regal. Noch nie war die Auswahl so groß. Es gibt sogar Läden, da können Sie sich jegliche Mischung zusammenstellen, auch im Internet. Der Verbraucher hat durch seine Nachfrage eine große Macht darüber, was auf Dauer angeboten wird.

Frage: Trotzdem fühlen sich viele damit überfordert.

Julia Klöckner: Deshalb ist es wichtig, schon in der Schule aufzuklären. Ich staune immer, wie intensiv sich manche mit dem Kauf eines neuen Smartphones beschäftigen. Wenn ich mir für etwas Zeit nehme, dann drückt das Wertschätzung aus. Das Gleiche gilt für die Relation der Preise. Für ein ordentliches Motorenöl zahlen Autofahrer bereitwillig 40 Euro pro Liter, beim Salatöl sind zwei Euro schon zu viel. Da stimmt doch etwas nicht. Wir Verbraucher sind ambivalente Wesen. Wenn es darum geht, unsere Erwartungen an die Landwirte zu formulieren, da sind wir anspruchsvoll: keine Pflanzenschutzmittel, mehr Tierwohl, keine Düngung. Beim Einkaufen ist das oft wieder vergessen, da zählt dann der Preis.

Frage: Hilft es, wenn wir für unsere Lebensmittel einfach nur mehr zahlen?

Julia Klöckner: Für Billigstpreise bekommen Sie keine höchsten Standards. Tierwohl kostet Geld, das kann nicht die Bauernfamilie allein stemmen. Schauen Sie, welchen Anteil am Einkommen wir in Deutschland für Lebensmittel ausgeben. Da liegen wir mit weniger als zehn Prozent am unteren Ende der Europäischen Union. Auch darin drückt sich eine Schwerpunktsetzung aus, die aber nicht zu den Debatten passt, die wir über Ernährung und Landwirtschaft gerade führen.

Frage: Nochmals: Teurer heißt doch nicht automatisch besser?

Julia Klöckner: Richtig. Es ist umgekehrt: Besser heißt in aller Regel teurer. Wenn ich für eine artgerechte Tierhaltung die Ställe umbauen muss, wenn ich durch Verzicht auf Pflanzenschutz einen geringeren Ertrag habe: dann schlägt sich das in den Preisen nieder. Deshalb brauchen wir verlässliche Kennzeichen, zum Beispiel für ein Mehr an Tierwohl.

Frage: Besonders in Verruf geraten ist das Fleisch. Sollen die Leute weniger davon essen - der Gesundheit und dem Klimaschutz zuliebe?

Julia Klöckner: "Die" Leute gibt es nicht. Es geht um eine ausgewogene Ernährung. Wenn man Fleisch isst, dann ist es durchaus ratsam, auf die Qualität zu achten und dafür mehr Geld auszugeben. Aber wir sollten nicht so tun, als ob der Klimawandel allein von der Landwirtschaft abhängt. Sie ist selbst Leidtragende von Dürresommern. Komplett frei von Emission wird die Produktion von Lebensmitteln allerdings nie sein.

Frage: Wie passt das zu Ihrem Ziel als Regierung, dass Deutschland bis 2050 komplett klimaneutral sein soll?

Julia Klöckner: Der Agrarsektor macht nur sieben Prozent der deutschen Klima-Emissionen aus, damit allein werden Sie die Erderwärmung nicht stoppen. Das ist eine Gemeinschaftsaufgabe aller Branchen. Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftszweigen bindet die Landwirtschaft aber große Mengen CO2. Das müssen wir intensivieren - durch Aufforstung zum Beispiel oder durch Humusaufbau in den Böden. Es gibt auch gute Forschungsergebnisse zu verändertem Futter, das den Methanausstoß der Tiere reduziert.

Frage: Deutschland ist einer der größten Exporteure von Billigfleisch und einer der größten Importeure von Qualitätsfleisch. Ist das einer entwickelten Industrienation angemessen?

Julia Klöckner: Das hängt davon ab, wie Sie Billigfleisch definieren. Wir exportieren zum Beispiel Schweineohren oder Hühnerfüße, die hierzulande wertlos sind, nach China, wo sie als Delikatesse gelten. Das ist ein nachhaltiger Ansatz, weil das gesamte Tier genutzt wird. Oder nehmen Sie das Rindfleisch. Es mag ja sein, dass das Vieh in Südamerika länger auf der Weide steht. Aber wenn dafür der Urwald gerodet wurde, dann ist das für mich keine hochwertige Tierhaltung. Unanständig finde ich es allerdings, wenn der Handel die Kunden mit Dumpingpreisen für Fleisch in den Laden lockt, damit sie dort andere Produkte kaufen. Das verdirbt alle Maßstäbe: Wenn der Verbraucher einmal Hähnchenflügel für zwei Euro pro Kilo gekauft hat, dann hält er das für normal.

Frage: Dann lieber Kampfpreise für Waschmittel?

Julia Klöckner: Das hat etwas mit Anspruch und Wirklichkeit zu tun. Ich finde es gut, dass sich die Bürger heute mehr als früher dafür interessieren, wie Tiere gehalten werden. Dann müssen sie aber auch wissen, dass das mehr kostet - und sagen: Ich esse vielleicht nicht mehr jeden Tag Fleisch, dafür aber besseres. Damit Tierhalter auch weiterhin in Deutschland produzieren können. Importe aus Ländern mit niedrigeren Standards bringen uns beim Tierschutz auch nicht weiter.

Frage: Im Fischstäbchen oder im Hamburger ist das Tier gar nicht mehr zu erkennen. Das ist der Prozess der Zivilisation. Haben wir uns von dem Gedanken entfremdet, dass Tiere für unser Essen geschlachtet werden?

Julia Klöckner: Da ist was dran. Stadt und Land, Produktion und Konsum haben sich voneinander entfernt. Sogar auf dem Land sind die Bauern heute nur noch eine kleine Minderheit, während sich die Nachbarn oft ein Bullerbü wünschen. Dabei fahren sie selbst natürlich nicht mehr mit der Kutsche, sondern demnächst mit dem Elektroauto. Und trotz aller Technisierung in der Landwirtschaft haben die meisten Bauern einen engen Bezug zu ihren Tieren, schon weil sie sich rund um die Uhr kümmern müssen. Da ist die Familienfeier halt um 18 Uhr mal unterbrochen, weil man noch in den Stall muss. Mit Work-Life-Balance hat das nicht viel zu tun - auch wenn der Bauer heute auf seinem Smartphone ablesen kann, wie es der Kuh Elsa gerade geht.

Frage: Bei der jüngsten Bauerndemo in Berlin waren zwischen Landwirten und Stadtbevölkerung regelrechte Hassgefühle zu spüren. Woher kommt das?

Julia Klöckner: Ich habe auch große Sympathien für die Bauern und Interesse an ihrer Arbeit erlebt. Die Wirklichkeit ist ambivalent: Viele schätzen den einzelnen Landwirt, beschweren sich aber über die Landwirtschaft. Diese Gedankenlosigkeit hat auch damit zu tun, dass die Regale heute immer voll sind. Deshalb beschäftigen sich viele nicht mehr mit der Herkunft ihrer Lebensmittel, sondern mit dem Konsum, also mit sich selbst. Heute kann ich für eine größere Runde ja gar nicht mehr kochen, ohne vorher zu fragen: Ist ein Vegetarier oder Veganer dabei, hat jemand Gluten-Intoleranz, wer hat welche Allergien oder macht gerade Intervallfasten? Das meine ich überhaupt nicht negativ. Aber dadurch verlagert sich die Aufmerksamkeit. Deshalb beschäftigen sich viele kaum noch mit der Perspektive der Bauern.

Frage: Wird der Klimawandel irgendwann dazu führen, dass die Regale nicht mehr voll sind?

Julia Klöckner: Wer weiß. Deshalb sieht sich die Landwirtschaft nicht nur in der Verantwortung, zum Klimaschutz beizutragen. Sie muss sich auch an den Klimawandel anpassen, zum Beispiel beim Wassermanagement, bei der Auswahl der Ackerfrüchte. Wir werden auch neue Züchtungen brauchen, die mit dem veränderten Klima zurechtkommen. Wir können es uns nicht erlauben, auf innovative, präzise Züchtungstechniken wie die Gen-Schere zu verzichten.

Frage: Sie glauben allen Ernstes, dass Sie die deutschen Verbraucher für Gentechnik begeistern können?

Julia Klöckner: Es geht nicht um die Grüne Gentechnik. Ich rede von neuen Züchtungsverfahren. Die klassische Pflanzenzucht hat schon immer das Erbgut von Nutzpflanzen angepasst. Mit den neuen Techniken kann zielgenauer und schneller gearbeitet werden. Wer weniger Pflanzenschutzmittel will und Ernten sichern möchte, auch mit Blick auf die wachsende Weltbevölkerung, der muss Antworten geben und nicht nur sagen, was er nicht will.

Frage: Mit Bullerbü, wie Sie sagen, kann man die Menschheit nicht ernähren?

Julia Klöckner: Für die wachsende Weltbevölkerung brauchen wir eine vielfältige Landwirtschaft, die zugleich nachhaltig und ertragssichernd ist. Beide Wirtschaftsweisen haben sich verändert, die ökologische wie die klassische. Sie nähern sich an. Die ökologische Landwirtschaft ist nachhaltig, aber nicht so effizient. Sie braucht für den gleichen Ertrag mehr Ressourcen. Die klassische Landwirtschaft ist effizient, aber sie wird schonender werden müssen. Historisch betrachtet, war die Düngung die Grundlage für den Sieg über den Hunger. Dass Menschen genug zu essen haben, ist auch eine Grundlage für Frieden. Ein hungriger Magen findet keine Ruhe.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 12. Januar 2020

Fragen von:
Ralph Bollmann

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