"Die großen Herausforderungen unserer Zeit meistern wir nicht ohne unsere Landwirtschaft"

Interview von Bundesminister Cem Özdemir mit "Bild der Frau"

Frage von Silke Timmermann: Herr Minister, Sie wollen an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel verbieten. Aber greift deshalb ein Kind mehr zum Apfel? Warum setzen Sie nicht auf Präventionsarbeit in Schulen und Kitas?

Cem Özdemir: Die Werberegulierung ist ja nur eine Maßnahme unserer Ernährungsstrategie. Natürlich brauchen wir auch mehr Bewegungsangebote, eine gute und gesunde Ernährung ab Kita und Schule und Wissensvermittlung. Das eine tun, das andere nicht lassen – darum geht es. Kinder
sind sehr beeinflussbar durch Werbung. Und gerade Kinder aus ärmeren Familien, bildungsfernen Haushalten sind besonders betroffen etwa von Übergewicht oder Adipositas. Das ist zutiefst ungerecht, denn diese ernährungsbedingten Krankheiten bleiben oft ein Leben lang und entscheiden über Chancen mit. Man kann sagen, das sei Privatsache der Eltern. Wir sollten alles dafür tun, dass alle Kinder die bestmöglichen Chancen haben, um gesund aufzuwachsen.

Frage von Silke Timmermann: Warum gibt’s dann kaum gute Schulkantinen?

Cem Özdemir: Gute, gesunde und nachhaltige Gerichte scheitern oft am mangelnden Know-how in der Küche. Da heißt es schnell, saisonale wie regionale Zutaten und mehr Bio seien zu teuer, aber das ist Unsinn. Als Bund fördern wir mit Beratungsangeboten. Letztlich liegt die Schulverpflegung in der Zuständigkeit der Länder. Ich selbst war in einer Vormittagsschule ohne Mensa, meine Eltern waren beide berufstätig. Ich habe mir dann von 1,60 Mark, die ich von daheim mitbekam, Currywurst und Pommes gekauft … gesund war das sicher nicht. Wir müssen es schaffen, für jedes Kind und jeden Erwachsenen einmal am Tag in der Außer-Haus-Verpflegung gesundes Essen nach den Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung auf den Tisch zu bringen – das betrifft über 17 Millionen Menschen in Schulen, Kliniken,Pflegeheimen, Unis, Firmen und so weiter.

Frage von Silke Timmermann: Warum ist "Ernährung" kein Schulfach?

Cem Özdemir: Man muss kein Extrafach daraus machen – ich wäre schon froh, wenn "Ernährung" sich als Querschnittsthema durchzieht. Bestenfalls haben Kinder die Möglichkeit, in der Schule beim Kochen mitzuhelfen, in der Praxis lernt man am besten. Und ich fände gut, wenn jedes Schulkind ein Praktikum auf einem Bauernhof machen würde, um zu verstehen, wo unser Essen herkommt und dass unsere Landwirtinnen und Landwirte hart dafür arbeiten. Das würde auch dazu führen, dass man später als Erwachsener bewusster einkauft: saisonal und regional – und nicht etwa Erdbeeren aus Spanien im tiefsten Winter.

Frage von Silke Timmermann: Bewusstes Einkaufen wird dem Verbraucher aber nicht leicht gemacht: Die Zutatenliste auf Produktverpackungen ist nur mit der Lupe lesbar, der Nutri-Score kompliziert …

Cem Özdemir: Wir entwickeln den Nutri-Score gerade weiter. Die Niederlande führen den Nutri- Score bald ein – und sicherlich nicht, weil der nichts bringt. Unser Ziel ist, dass Verbraucherinnen und Verbraucher das Wichtigste auf einen Blick erkennen. Aktuell arbeiten wir auch an der Einführung eines staatlichen, verpflichtenden Tierhaltungskennzeichens für Fleischprodukte. Unser Ziel: Jeder soll beim Fleischer, an der Supermarkttheke oder im Restaurant anhand von fünf Haltungsformen erkennen, wie das Tier gehalten wurde – und sich so aktiv für mehr Tier- und Klimaschutz entscheiden können. Wir beginnen mit unverarbeitetem Schweinefleisch und weiten es danach auf andere Verarbeitungsformen, Vertriebswege und Tierarten aus.

Frage von Vanessa Homann: Diese Siegel sind doch Verbrauchertäuschung! Selbst gesetzliche Mindeststufen, die mit Tierqual verbunden sind, kriegen ein Label. Und nun wollen Sie uns 0,2 Quadratmeter mehr Platz für ein Schwein als Tierschutz- Fortschritt verkaufen?

Cem Özdemir: Unser Kennzeichen ist zunächst einmal eine Verbraucherinformation. Wir setzen auch auf eine kluge Förderung, damit Landwirtinnen und Landwirte ihre Ställe tiergerecht umbauen– mit deutlich mehr Platz, Frischluft, Auslauf und Beschäftigung für die Tiere. Dafür habe ich zunächst eine Milliarde Euro gesichert. Weniger Tiere besser halten, darum geht’s. Für Tierfutter nutzen wir rund 60 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland, und global werden dafür Regenwälder abgeholzt. Mehr Platz für weniger Tiere ist darum ein Beitrag zum Tier- und zum Klimaschutz. Das Tierhaltungskennzeichen gibt Verbraucherinnen und Verbrauchern die Macht, das mit ihrem Kaufverhalten zu unterstützen. Natürlich müssen wir Bäuerinnen und Bauern beim Umbau helfen.

Frage von Mona Schrobenhauser: Genau! Wir haben vor vier Jahren einen großen Laufstall gebaut und jetzt noch mal eine immens hohe Summe in eine weitere Modernisierung gesteckt: Ein spezieller Roboter erspart den Tieren viel Stress beim Melken. Bei diesem zweiten Schritt wurde gar nichts gefördert – stattdessen müssen wir einen Teil der Hilfe für den ersten zurückzahlen. Nennen Sie das Investitionssicherheit?

Cem Özdemir: Ich kenne Ihren Fall nicht genau, aber Sie haben recht: Die vielen Höfe, die zum Wandel bereit sind, brauchen Planungssicherheit – die Politik muss also verlässliche Rahmenbedingungen schaffen. Darum helfen wir beim Umbau, nicht nur finanziell mit einer Laufzeit von bis zu zehn Jahren, sondern räumen gerade Hürden im Baurecht und Immissionsschutz beiseite. Das ist ein politischer Kraftakt, weil es sehr widerstreitende Interessen gibt. Aber ich lasse da nicht locker.

Frage von Mona Schrobenhauser: Bis 2030 sollen 30 % aller Höfe biologisch geführt werden: Wie sollen die alle über die Runden kommen, wo die Leute an Bio-Lebensmitteln sparen? Gleichzeitig steigen die Kosten für uns Biobauern – allein die fürs Kraftfutter haben sich in sechs Monaten verdoppelt!

Cem Özdemir: Der Bio-Boom bröckelt nicht, die Nachfrage ist weiter hoch. Was wir sehen, ist aber eine Verlagerung vom klassischen Bio-Laden hin zu den Eigenmarken der Supermärkte und Discounter. Um den Ökolandbau zu stärken, müssen wir an vielen Schrauben drehen. Ich will den Bio-Anteil in der Außer-Haus-Verpflegung erhöhen, wir investieren in die Öko-Forschung und vieles mehr. Was die Verbraucherpreise angeht: Ich glaube, dass die sich annähern. Neulich war ich in Berlin einkaufen, da waren Bio-Gurken sogar günstiger. Das liegt auch daran, dass Bio deutlich krisenfester ist als konventionelle Produkte, weil in Kreisläufen gearbeitet wird – ohne teuren mineralischen Dünger und ohne Pestizide.

Frage von Vanessa Homann: Was ist mit den grausamen Schlachtviehtransporten, die immer noch quer durch Europa und so auch Deutschland rollen – warum ist international kein Verbot durchsetzbar?

Cem Özdemir: Tiertransporte in Länder außerhalb der EU habe ich bereits deutlich eingeschränkt. Damit deutsche Regelungen nicht umgangen werden, müssen wir dringend ans EU-Recht ran. Das entscheidet aber der deutsche Landwirtschaftsminister nicht allein. Es ist keinem Tier geholfen, wenn es zunächst in einen anderen Mitgliedsstaat gebracht wird, um von dort aus in ein Drittland exportiert zu werden.

Frage von Vanessa Homann: Sie sind auch zuständig für die überlasteten Tierheime, viele stehen vorm Ruin. Wie helfen Sie?

Cem Özdemir: Für die Tierheime sind ja eigentlich die Bundesländer zuständig, dennoch hat mein Ministerium unbürokratisch finanziell unterstützt, als viele Geflüchtete aus der Ukraine ihre Tiere mitgebracht haben. Derzeit arbeiten wir an einer sogenannten Verbrauchsstiftung, deren Vermögen den Tierheimen zugutekommen soll. Aber das löst das Grundproblem nicht: Leider überlegen sich zu viele Leute erst nach der Anschaffung, ob sie auch in der Lage sind, ein Tier gut zu halten. Eine solche Entscheidung sollte man nicht aus einer Laune heraus treffen!

Frage von Vanessa Homann: Warum gibt es dann nicht generell eine Art Haustierführerschein? Einen Sachkunde-Nachweis, den jeder, der sich ein Tier anschaffen will, vorzeigen muss? Damit man sich ein Meerschweinchen nicht mehr wie einen Müsli-Riegel kaufen kann …

Cem Özdemir: Dafür haben wir als Grüne in der Koalition leider keine Mehrheit gehabt. Aber ich bin unbedingt dafür, machen Sie gern mit mir Druck!

Frage von Silke Timmermann: Apropos Druck machen– ginge es nach Ihnen, würde die Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse fallen?

Cem Özdemir: Aus meiner Sicht hat es nur Vorteile: Es wäre eine soziale Entlastung, schafft einen Anreiz für gesunde Lebensmittel und würde unsere Landwirtschaft unterstützen.

Frage von Mona Schrobenhauser: Wir Landwirte arbeite jeden Tag hart und viel, die Tiere gehören für uns zur Familie – aber wertgeschätzt fühlen wir uns nicht mehr. Was tun Sie für unser Image?

Cem Özdemir: Ich bin landauf und landab auf vielen Höfen unterwegs – konventionell und bio – und kenne die Sorgen. Aber ich erlebe immer auch viel Mut und Unternehmergeist, Veränderungsbereitschaft und Kreativität, davon kann sich so mancher eine Scheibe abschneiden. Ich glaube, dass wir diesen Macher-Geist als Landwirtschaft und Politik gemeinsam stärker nach vorn stellen müssen. Wenn ich zum Beispiel an die Bekämpfung der Klimakrise oder den Schutz der Bio-Diversität denke: Die großen Herausforderungen unserer Zeit meistern wir nicht ohne unsere Landwirtschaft.

Quelle: Bild der Frau vom 19. Mai 2023

Fragen von Silke Timmermann, Mona Schrobenhauser, Vanessa Homann

Erschienen am im Format Interview

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