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Mehr als nur ein Dorfladen – vom Gutshof zum Mehrfunktionshaus

Miteinander.Deersheim!

Post, Friseur, Café, Einkaufsladen - wenn all das in einem Dorf fehlt, gestaltet sich der Alltag deutlich komplizierter und vermeintliche Kleinigkeiten nehmen plötzlich viel Zeit in Anspruch. Also beschloss eine über die Jahre gewachsene Gruppe von Menschen in Deersheim, Zeit, Arbeitskraft, Geld und ganz viel Engagement in die Waagschale zu werfen, um ein historisches Gebäude in ein modernes Mehrfunktionshaus zu verwandeln.

Im äußersten Westen Sachsen-Anhalts, nahe der Grenze zu Niedersachsen, liegt Deersheim, ein Ortsteil der Stadt Osterwieck im Landkreis Harz. Rund 820 Menschen leben in Deersheim. Nach der Schließung der örtlichen Kaufhalle Ende 2012 gab es im Dorf keine Einkaufsgelegenheit mehr. Und auch sonst war das Angebot nicht eben breit gefächert. Lediglich einen Friseursalon gab es noch, doch auch der schloss 2014. Zwar liegen die nächsten Einkaufsmöglichkeiten nur rund sieben Kilometer entfernt, doch gerade junge Menschen und Senioren, die kein Auto besitzen, waren wegen des sehr eingeschränkten Nahverkehrsangebots oft auf fremde Hilfe angewiesen.

Eine Lenkungsgruppe übernimmt das Steuer

Statt sich mit der Situation abzufinden, haben die Deersheimer in Eigenregie Abhilfe geschaffen. Ausgangspunkt für die Pläne zur Wiederbelebung des Dorfs war das Projekt "ZukunftsWerkStadt - Vision 20plus - Gemeinsam mehr bewegen" des Landkreises Harz, in dem erste Ideen konkretisiert und vor allem eine Lenkungsgruppe gegründet wurde, die bis heute in fast identischer Zusammensetzung besteht. Sie ist das Herzstück des Projekts "Miteinander.Deersheim!", das inzwischen aus diesen ersten Bemühungen erwachsen ist.

Ziel war es von Beginn an, den seit geraumer Zeit leerstehenden Gebäudekomplex des Edelhofs zu revitalisieren und das denkmalgeschützte Gebäude neu zu nutzen. Zu diesem Zweck entwickelten die Deersheimer ein Nutzungs- und Gestaltungskonzept, das sie in den letzten Jahren Schritt für Schritt umsetzten. Zwischen Juli 2010 und Juni 2013 flossen LEADER-Fördermittel in Höhe von insgesamt 240.000 Euro in die Sanierung des Edelhofs. Die Deersheimer wollten aber nicht nur historische Bausubstanz bewahren und den Ortskern verschönern, sondern den Edelhof auch mit neuem Leben füllen.

Das ist gelungen. Längst stellt der Edelhof wieder eine wichtige Begegnungsstätte dar. Ein Kindergarten hat hier ebenso ein Zuhause gefunden wie der Sport- und der Seniorenverein; und auch in der Veranstaltungshalle ist regelmäßig etwas los. Gleiches gilt für die Markthalle, in der zum Beispiel saisonale Märkte oder Oldtimertreffen stattfinden.

Ein Dorfladen nach Kundenwunsch

Im Fokus der Planung hatte aber von Beginn an der Aufbau eines neuen Dorfladens gestanden. Treibende Kraft in diesem Prozess war die Lenkungsgruppe. Bürgerbeteiligung wurde von Beginn an großgeschrieben. Schließlich sollte der Dorfladen auf die Bedürfnisse seiner zukünftigen Kunden zugeschnitten sein. Eine Befragung zeigte, dass die Bewohner nicht nur die Notwendigkeit eines Dorfladens sahen, sondern auch bereit waren, sich mit Geld und Arbeitskraft zu beteiligen.

Interesse und Begeisterung waren geweckt. So konnten weitere Entscheidungen auf breiter Basis getroffen werden, zum Beispiel, den Dorfladen als Genossenschaft zu betreiben. Am 4. November 2014 wurde die Dorfladen Deersheim eG offiziell gegründet, die bereits zu diesem frühen Zeitpunkt 89 Mitglieder hatte.

Eine für Aufbau und Betrieb des Dorfladens sinnvolle Entscheidung, die an anderer Stelle ungeahnte Probleme mit sich brachte. Denn eine Förderung des Innenausbaus durch das Land war für Genossenschaften nicht möglich.

Die inzwischen über 100 Genossenschaftsmitglieder fanden neue Wege: mit seinen Modell-und Demonstrationsvorhaben "Regionalität und Mehrfunktionshäuser" unterstützte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) unter anderem Projekte zur Einrichtung, Weiterentwicklung und zum erfolgreichen Management multifunktionaler Häuser in ländlichen Räumen. Das passte gut zu den Plänen der Deersheimer, die statt eines reinen Dorfladens mittlerweile eine Multifunktionslösung mit Café, Friseur, Post, etc. im Kopf hatten.

Die gemeinsame Arbeit am Antrag zahlte sich aus. Die Dorfladen-Genossenschaft erhielt die beantragten Mittel aus dem Bundesprogramm Ländliche Entwicklung (BULE) des BMEL. Zusätzlich zeichnete das Ministerium das Vorhaben als Leuchtturm-Projekt aus. Statt der erhofften 100.000 Euro erhielten die Deersheimer so 150.000 Euro für den Ausbau ihres Projektes.

Im Dezember 2015 wurde die Deersheimer Markthalle eröffnet und der Dorfladen-Genossenschaft durch die Stadt Osterwieck zur Nutzung übertragen. Doch zum Verschnaufen gab es keine Zeit! Das im Januar 2016 gestartete Projekt "Miteinander.Deersheim!" hatte bald die nächste Hürde zu überwinden.

Miteinander wird in Deersheim großgeschrieben

Blick in eine leere, sanierungsbedürftige Halle. Dorfladen Deersheim
Es gibt viel zu tun... - der Dorfladen im Urzustand © Dorfladen Deersheim eG

Da die Gemeinde das Gebäude aufgrund von finanziellen Engpässen mit einem fast komplett unsanierten Innenraum übergeben musste, wartete noch mehr Arbeit auf die Deersheimer als zunächst gedacht. Positiv betrachtet, gab dieser Rückschlag aber auch Gelegenheit, unter Beweis zu stellen, dass das "Miteinander" in Deersheim großgeschrieben wird und nicht nur Teil des Projektnamens ist.

"Wir waren tatsächlich kurz davor aufzugeben", räumt Elke Selke vom Agenda 21-Büro des Landkreises Harz ein, die von Beginn an Mitglied der Lenkungsgruppe war. "Aber die Deersheimer haben gesagt 'Dann packen wir halt noch mehr an!' und es sind auch Leute, die vorher nicht zu den Vorreitern zählten, entschlossen in die Bresche gesprungen und haben mit ihrem tatkräftigen Einsatz dafür gesorgt, dass wir auch diese Hürde genommen haben."

Ohnehin ist "Miteinander.Deersheim!" längst mehr als ein Dorfladen- oder Mehrfunktionshaus-Projekt. "Das große Engagement der Bürger ist schon eine Besonderheit an diesem Projekt" so Selke. "Das muss man wecken und auch etwas koordinieren, man muss ihm aber auch Raum lassen. Letztlich bringt sich jeder auf seine ganz eigene Weise ein und leistet den Beitrag, der ihm möglich ist."

So hat sich etwa eine Gruppe von 25 Leuten gebildet, die kürzlich einen ersten großen Flohmarkt in der Markthalle veranstaltet hat. Er war nicht nur sehr gut besucht, sondern hat dem Projekt durch Standmieten und Kaffee-Verkauf auch eine erfreuliche Summe Geld eingebracht. Viele im Dorf bringen sich ehrenamtlich ein, etwa die ältere Dame, der Selke vorgeschlagen hatte, über einen Mini-Job im Dorfladen ihre knappe Rente aufzubessern. Ihre Antwort: "Ich brauche kein Geld, ich brauche eine Aufgabe!"

Der Lohn der Mühen – Eröffnung des Dorfladens

Diese Philosophie des Anpackens nährt den Optimismus der Deersheimer noch 2016 ihren Dorfladen eröffnen zu können. Idealerweise am 18. November, wenn Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff dem Dorf einen Besuch abstatten wird. Bislang liegt das Projekt gut im Zeitplan. Kompetentes Personal für den Dorfladen samt integriertem Postschalter und Dorfcafé konnte gefunden werden. Und auch bei den weiteren Komponenten des Mehrfunktionshauses – Friseursalon, Apotheke und Reinigung – sieht es gut aus. Dabei soll es jedoch nicht bleiben. Ein Raum für verschiedene Nutzungen - von Energie- bis Ernährungsberatung – steht bereit.

Das vielfältige Angebot rund um den Dorfladen ist nicht nur ein Mehrwert für die Bewohner von Deersheim, es ist auch eine Voraussetzung dafür, den Dorfladen überhaupt kostendeckend betreiben zu können. "Unsere Haupteinnahmequelle wird sicherlich das Café sein", vermutet Elke Selke. "Hinzu kommen Mieteinnahmen, die wir durch die Vermietung des Friseursalons oder der Markthalle erzielen. Und dann haben wir noch den großen Vorteil, dass wir selbst für den Dorfladen keine Miete, sondern nur die Nebenkosten zahlen müssen."

Die Voraussetzungen, den Dorfladen langfristig kostendeckend betreiben zu können, sind also gegeben. Trotzdem bleibt es ein schwieriger Spagat, einerseits dem eigenen Anspruch gerecht zu werden, einen möglichst großen Anteil regionaler Produkte anzubieten und andererseits möglichst preisgünstig zu sein. Was bei Fleisch- und Wurstwaren sowie Brot und Backwaren, die von regionalen Lieferanten bezogen werden, geklappt hat, erwies sich etwa beim Drogeriebedarf als unmöglich. "Solche Dinge müssen wir beim Großhändler beziehen. Allerdings sind für uns da schon die Einkaufspreise teilweise höher als andernorts die Verkaufspreise."

Kein leichtes Unterfangen also für den Dorfladen, auch preisbewusste Kunden langfristig an sich zu binden. Aber auch hier fahnden die Deersheimer bereits nach lokalen Lösungen. Etwa in Form einer Einkaufsgemeinschaft mit weiteren Dorfläden aus der Region.

Erschienen am im Format Good Practice

Adresse

Deersheim
38835 Deersheim, Sachsen-Anhalt

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