Schule online lässt Inseln und Festland zusammenrücken

School of Distance Learning Niedersachsen

Dank Videokonferenztechnik können Schülerinnen und Schüler der ostfriesischen Inseln übers Wattenmeer hinweg online dem Unterricht am Festland folgen. Selbst für den Elternabend müssen die Eltern nicht mehr auf die Fähre.

Esens ist eine ostfriesische Kleinstadt im Landkreis Wittmund mit rund 7.000 Einwohnern. Sie liegt vier Kilometer vom niedersächsischen Wattenmeer entfernt und damit in unmittelbarer Nähe zu den ostfriesischen Inseln. Nach Langeoog besteht eine direkte Fährverbindung.

Um den Schülerinnen und Schülern der sieben ostfriesischen Inseln (Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog, Wangerooge) den Erwerb des Abiturs zu ermöglichen, wurde 1966 das Niedersächsische Internatsgymnasium Esens (NIGE) gegründet. Es wird aktuell von etwa 1.000 Schülerinnen und Schülern besucht und bietet 118 Internatsplätze.

In der Regel wechselten die Inselschüler für die Oberstufe und das Abitur ans NIGE. In den letzten Jahren wurden die Kinder jedoch immer früher dort angemeldet. Da das NIGE für eine wachsende Zahl jüngerer Inselschüler keine optimale Betreuung gewährleisten kann und die Schülerzahlen auf den Inseln - in Folge des demografischen Wandels - ohnehin gesunken sind und weiter sinken werden, war der Verbleib der Schüler auf der Inselschule bis zum Erreichen des Abschlusses gemeinsamer Wunsch aller beteiligten Schulen.

Verbessertes Unterrichtsangebot in Mangelfächern

Vor diesem Hintergrund startete 2012 das Projekt "School of Distance Learning" (SDLN). Ziel ist, den Schülerinnen und Schülern durch ein verbessertes Unterrichtsangebot, gerade auch in Mangelfächern, einen längeren Verbleib an den Inselschulen und damit in ihrem gewohnten Lebensumfeld zu ermöglichen. Die "virtuelle Schule" soll dazu beitragen, auch im ländlichen Raum und in vom demografischen Wandel besonders betroffenen Regionen ein hochwertiges Bildungsangebot sicherzustellen.

Die Kooperation zwischen dem NIGE und den Inselschulen hatte bereits lange Tradition. Seit 2008 waren erste Gehversuche in Richtung "e-learning" gestartet worden. Das Modellprojekt "Distance Learning" hob diese Zusammenarbeit auf eine andere Ebene und ermöglichte erstmals eine tatsächliche virtuelle Zusammenarbeit, Online-Unterricht und gemeinsame schulübergreifende Projekte.

Die technische Grundlage dafür bildet ein modernes Videokonferenz- und Onlinesystem. Die Videokonferenz-Technologie wurde an die Bedürfnisse der miteinander vernetzten Schulen angepasst. So wurden ein vernetztes synchrones und asynchrones Lehren und Lernen und videogestützter Unterricht möglich.

Land Niedersachsen leistete Anschubfinanzierung

Die Schaffung der finanziellen Voraussetzungen übernahm das niedersächsische Kultusministerium in Form einer Anschubfinanzierung des Projektes in Höhe von 200.000 Euro. Die weitere Umsetzung erfolgte mit Unterstützung durch Sponsorengelder des Vereins n-21, dem als Mitglieder neben dem Land Niedersachsen auch die kommunalen Spitzenverbände, zahlreiche Wirtschaftsunternehmen und gesellschaftliche Gruppen angehören. Der Verein war während der Ende Juni 2015 ausgelaufenen Projektphase auch für Vorbereitung, Durchführung und Koordination des Distance Learning-Projekts zuständig.

Zum Schuljahr 2015/16 wurde das erfolgreiche Modellprojekt in den Regelbetrieb überführt. Seitdem erfolgt die Finanzierung über das niedersächsische Kultusministerium.

Wie funktioniert das virtuelle Klassenzimmer?

Für die Lehrerinnen und Lehrer am NIGE ist Online-Unterricht auf den ersten Blick ein ungewöhnlich einsames Unterfangen. Sie stehen allein im Klassenraum und unterrichten eine Klasse auf einer der sieben Inseln. Im Klassenraum steht ein großer Bildschirm, auf den eine Kamera montiert ist, die der Lehrer per Fernbedienung steuern und so verschiedene Kameraeinstellungen nutzen kann, um etwa im Chemieunterricht den Versuchsaufbau heranzoomen zu können. Die Tonübertragung erfolgt per Lautsprecher mit nur minimaler Verzögerung. Gesteuert wird alles von der Videokonferenzsoftware, die sämtliche Daten verschlüsselt über eine sichere Verbindung überträgt.

Doch so einsam ist es letztlich im leeren Klassenraum gar nicht. "Anfangs mussten wir bei den Kolleginnen und Kollegen schon Überzeugungsarbeit leisten. Ihnen war es natürlich wichtig, ein enges Verhältnis zu den Schülern aufzubauen und sie waren skeptisch, ob das auch über die Distanz möglich ist. Es hat dann aber sehr gut funktioniert, auch über den virtuellen Unterricht eine persönliche Beziehung herzustellen", erläutert die pädagogische Leiterin der SDLN, Barbara Glittenberg. "Und die Schüler finden das ohnehin positiv", ergänzt NIGE-Schulleiterin Anja Renken-Abken. "Bei ihnen löste das Medium Begeisterung und Interesse aus und hat daher auch einen Motivationseffekt."

Auch die Sorge der Inselschulen vor Stellenstreichungen infolge des Online-Unterrichts hat sich nicht bewahrheitet. Nach wie vor werden virtuell nur die Fächer unterrichtet, für die an den Inselschulen kein Lehrpersonal gefunden werden konnte. Bedarf besteht hier vor allem in Mangelfächern wie Chemie, Physik oder Fremdsprachen. Das bedeutet aber auch, dass Online-Unterricht nach wie vor die Ausnahme ist und nur einen Bruchteil des gesamten Unterrichts ausmacht.

Neben dem Regelunterricht kommt das Videokonferenzsystem auch im Rahmen von Projekten zum Einsatz. Hier können mehrere Klassen zusammengeschaltet werden und so etwa die Schüler am NIGE gemeinsam mit denen einer Inselschule lernen und sich austauschen. Das funktioniert nicht nur über’s Wattenmeer, sondern auch über den Ozean. So haben die Schülerinnen und Schüler des NIGE und der Inselschulen bereits Kontakte in die USA, Frankreich, Großbritannien oder Ghana geknüpft und dabei nicht nur ihre Sprachkenntnisse im Dialog mit Muttersprachlern ausprobieren, sondern auch neue Einblicke in andere Kulturen und Schulsysteme gewinnen können.

Erleichterungen in der Elternarbeit

Zusätzlich zu diesen spannenden didaktischen Möglichkeiten, bietet das System auch ganz praktische Vorteile. Die kommen vor allem in der Elternarbeit und der Kooperation der Lehrerinnen und Lehrer der verschiedenen Schulen zum Tragen. Denn was sich manch Festlandbewohner nicht klarmacht: der Weg zu jedem Elternabend und Elternsprechtag und mancher Lehrerkonferenz führt übers Meer. Die Anreise ist nicht nur zeitaufwändig, sondern auch tideabhängig und damit je nach Wasserstand vielfach gar nicht möglich.

Entsprechend groß sind die Erleichterungen, die das Videokonferenzsystem mit sich bringt – für Lehrer wie Eltern. "Das hatten wir in dem Ausmaß nicht erwartet", räumt Schulleiterin Renken-Abken ein. "Die neuen Möglichkeiten in der Zusammenarbeit mit den Eltern sind wirklich enorm. Die Einführung des Systems hat sich hier sehr ausgezahlt. Der Kontakt zu den Eltern ist viel intensiver geworden."

Angesichts dieser positiven Erfahrungen ist es nicht verwunderlich, dass das Projekt deutschlandweit auf großes Interesse gestoßen ist und potenzielle Nachahmer auf den Plan gerufen hat, die sich nach den am NIGE gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnissen erkundigen.

Geld, Technik und Engagement als Voraussetzung

Was sind die wesentlichen Voraussetzungen, um ein solches Projekt auf die Beine stellen zu können? "Zunächst einmal braucht man natürlich die notwendigen finanziellen Mittel", unterstreicht Barbara Glittenberg. "Dann ist eine gute Internet-Verbindung erforderlich und ganz wichtig ist ein verlässlicher technischer Partner, der einen reibungslosen Ablauf gewährleistet."

Nicht zu vergessen, das Engagement der Beteiligten. Denn allen Erleichterungen zum Trotz, bringt ein solches System an manchen Stellen natürlich auch Mehraufwand mit sich. Das betrifft etwa den zusätzlichen organisatorischen Aufwand für die Vorbereitung von Elternabenden und Elternsprechtagen. Um ein Gespräch übers Wasser hinweg z. B. zwischen Eltern und Lehrern zu ermöglichen, muss zudem in den Inselschulen immer jemand vor Ort sein, der die Verbindung herstellt.

Erschienen am im Format Good Practice

Adresse

Esens
26427 Esens, Niedersachsen

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