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Flexibles Bussystem erhöht die Lebensqualität auf dem Land

FLEXIBUS - Mobilität für Jung und Alt im ländlichen Raum

Wer auf dem Land lebt und schnellstmöglich von A nach B kommen möchte, ist häufig auf das Auto angewiesen. Busse fahren nur selten. Der FLEXIBUS bietet eine attraktive Alternative und richtet sich dabei ganz nach den Bedürfnissen der Menschen vor Ort.

Der bayerische Landkreis Günzburg, am nördlichen Rand des schwäbischen Alpenvorlandes zwischen Stuttgart und München gelegen, umfasst 34 Gemeinden mit rund 120.000 Einwohnern. Die Region ist überwiegend ländlich geprägt. Es gibt zahlreiche kleinere Orte, aber die Bevölkerungsdichte ist relativ gering. Wie in vielen vergleichbaren Gebieten in ganz Deutschland, müssen auch hier die Menschen häufig mit einem stark eingeschränkten Nahverkehrsangebot leben, da sich aus Sicht der örtlichen Verkehrsunternehmen ein flächendeckendes, dicht getaktetes Busliniennetz kaum wirtschaftlich betreiben lässt. So gibt es oft nur morgens, mittags und abends sowie an Schultagen auch nachmittags, nach Ende des Unterrichts, ein Linienangebot; an den Wochenenden und in den Ferien fahren die Busse noch seltener. Wer kann, nutzt das Auto, um flexibel und zu jeder Zeit mobil zu sein. Wer selbst kein Auto oder einen Führerschein besitzt, ist häufig auf die Hilfe der eigenen Familie oder der Nachbarn angewiesen. Insbesondere für ältere Menschen, aber auch für Kinder und Jugendliche bedeutet dies Abhängigkeit und Einschränkung der Lebensqualität - eine selbstbestimmte Mobilität ist nur sehr begrenzt möglich.

Josef Brandner, Geschäftsführer von Brandner Bus Schwaben mit Sitz in Krumbach, sah sich und sein Verkehrsunternehmen in der Verantwortung, den Menschen in der Region wieder eine unabhängige Mobilität zu ermöglichen. Sein Ziel: auch den weniger und immer älter werdenden Menschen ein flächendeckendes, maßgeschneidertes und attraktives Angebot im ländlichen Raum zu bieten. Seine Lösung: Der FLEXIBUS – ein flexibles und bedarfsorientiertes Personenbeförderungssystem.

FLEXIBUS - 365 Tage im Jahr mobil

Die Idee: Der FLEXIBUS fährt nicht nach einem vorgegebenen Fahrplan, sondern innerhalb eines festgelegten Gebietes; nach Bedarf ganztägig an 365 Tagen im Jahr. In der Zeit von 5 bis 21 Uhr (freitags und samstags bis 24 Uhr) ergänzt er das vorhandene Angebot des Linienverkehrs. Er hält an einer Vielzahl von Bedarfshaltestellen, die in der Regel nicht weiter als 100 Meter von der Haustür entfernt liegen. Jede Fahrt kann individuell und bis spätestens 30 Minuten vor Fahrtantritt mit Angabe von Start- und Zielhaltestelle über eine Telefonzentrale gebucht werden.

Für regelmäßig wiederkehrende Fahrten kann ein "Dauerauftrag" eingerichtet werden. Mitarbeiter des Call-Centers sind täglich von 7 bis 18 Uhr erreichbar. Anhand aller eingegangenen Fahrtwünsche wird die optimale Route zusammengestellt und direkt an die Fahrer übermittelt. Zum Einsatz kommen Kleinbusse mit acht bis neun Sitzplätzen und einer für den öffentlichen Personennahverkehr erforderlichen Ausstattung (Stehhöhe, breite Einstiegstüren, elektrische Türöffnung sowie der Möglichkeit zur Mitnahme von Kinderwägen, Rollatoren und Rollstühlen). Der Tarif für eine Fahrt liegt etwas höher als der des sonstigen ÖPNV-Tarifs, da der der zusätzliche Service auch höhere Aufwendungen mit sich bringt. Der Fahrpreis richtet sich nach den durchfahrenen Zonen und beträgt für Erwachsene zwischen 1,95 und 6,70 Euro.

FLEXIBUS - schnell in aller Munde

2009 war es soweit, der erste FLEXIBUS wurde in der 12.000-Einwohner-Stadt Krumbach und den sechs umliegenden Gemeinden eingesetzt. In Krumbach gab es zwar zuvor bereits einen Stadtbus, dieser wurde jedoch nicht angenommen. "Der Bus drehte nur noch einsam seine Runden durch das Stadtgebiet", erzählt Josef Brandner. "Es war höchste Zeit, einen Ausweg aus dieser Situation zu finden und eine Lösung für die unzureichende Versorgung der Stadt und seiner umliegenden Ortschaften herbeizuführen." Das neue Konzept ersetzte den bisherigen Stadtbus und erweiterte dessen Angebot um zusätzliche Fahrten. In den ersten zwei Jahren stellte der Landkreis die Mittel zur Verfügung, die bisher für den Stadtbus aufgebracht worden waren. Den größeren Anteil steuerten die Stadt Krumbach und die beteiligten Gemeinden bei.

Das neue flexible, bedarfsorientierte Mobilitätsangebot wurde von der örtlichen Bevölkerung schnell angenommen. Bereits im ersten Jahr nach der Ablösung des Stadtbusses durch das neue Angebot in Krumbach und Umgebung konnten die Fahrgastzahlen von zuletzt 2.500 um mehr als das Zehnfache auf 30.000 im Jahr 2010 gesteigert werden – heute werden im Krumbacher Flexibusgebiet mehr als 65.000 Fahrgäste pro Jahr befördert.

Anita Müller vom Landkreis Günzburg, verantwortlich für den Bereich Verkehrsmanagement, erinnert sich: "Die Bürger waren vom FLEXIBUS begeistert und sehr schnell verbreitete sich die Idee durch Mundpropaganda im gesamten Landkreis. Die einhellige Meinung war: So etwas wollen wir auch haben."
Bereits zwei Jahre später nahm der Bus auch in Burgau, einer Stadt mit knapp 10.000 Einwohnern, im Norden des Landkreises, seine Fahrt auf. Der weiter stetige Erfolg führte schließlich dazu, dass das innovative Konzept ab 2012 als flächendeckendes Pilotprojekt des Freistaates Bayerns schrittweise im gesamten Landkreis Günzburg eingeführt wurde. Heute gibt es mit Krumbach, Burgau, Günzburg, Ichenhausen und Thanhausen fünf FLEXIBUS-Gebiete. Die Busse bedienen ein Netz von mehr als 2.200 Haltestellen im ganzen Landkreis und befördern rund 150.000 Fahrgäste im Jahr.

Eine gute und wirtschaftlichere Alternative

Die Erfahrungen aus mittlerweile knapp sieben Jahren haben gezeigt, dass dieses innovative Angebot für den ländlichen Raum wirtschaftlicher ist als ein festes Linienangebot. Das Modell ist grundsätzlich auf andere Städte und Landkreise übertragbar, muss dann aber an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst werden. Das Einsatzgebiet sollte für einen erfolgreichen Betrieb nicht zu klein sein und mindestens 10.000 bis 15.000 Einwohner umfassen. Besonders geeignet ist das Modell für Kleinzentren mit enger Verflechtung zu ihren Nachbarorten. Aber auch als reines Stadtbussystem ist eine erfolgreiche Umsetzung denkbar.

Auch wenn steigende Fahrgastzahlen eine deutliche Sprache sprechen, entsteht durch den Betrieb nach wie vor ein Defizit von rund 6 Euro pro Einwohner und Jahr. Neben Fahrgeldern sind deshalb Zuschüsse der öffentlichen Hand zur Deckung des Fehlbetrags erforderlich. Während des Pilotbetriebs übernahm der Freistaat Bayern dieses Defizit zu 70 Prozent, den verbleibenden Betrag leisteten der Landkreis Günzburg und die am FLEXIBUS beteiligten Gemeinden je zur Hälfte. Heute werden noch 60 Prozent vom Freistaat Bayern getragen, finanziert aus Zuweisungen des Bundes an die Länder zur Sicherung des öffentlichen Personalverkehrs (sog. Regionalisierungsmitteln). Die restlichen 40 Prozent trägt der Landkreis, die Gemeinden werden pauschal über die Kreisumlage beteiligt.

"Auch, wenn zur Sicherstellung des Angebotes des öffentlichen Nahverkehrs im ländlichen Raum nach wie vor erhebliche Gelder investiert werden müssen, so steht Günzburg im Vergleich zu anderen Landkreisen sehr gut da. Diese haben, so Anita Müller, "häufig noch vielfach höhere Ausgaben ohne den Einsatz des FLEXIBUS". Zurzeit ist davon auszugehen, dass die Fördergelder auch 2017 und 2018 fließen werden. "Sollten die öffentlichen Zuschüsse zurückgehen, müssen Mittel und Wege gefunden werden, um den Bus zu erhalten", ist Anita Müller überzeugt. "Die Menschen vor Ort sehen den FLEXIBUS mittlerweile als selbstverständlich an und würden es nicht verstehen, wenn dieser auf einmal nicht mehr fahren würde."

Unentbehrliche Flexibilität für die ganze Region

Seit 2009 hat sich für die Menschen in der Region vieles verbessert. "Insbesondere für Senioren bietet", so Anita Müller, "der Bus wieder eine selbstbestimmte Möglichkeit der Mobilität. Wenn sie zum Arzt, zur Massage, zum Frisör oder zum Einkaufen möchten, sind sie nicht mehr auf die Hilfe anderer angewiesen. Sie genießen diese neu gewonnene Selbstständigkeit. Auch für Familien stellt er eine große Bereicherung dar. So können die Kinder, wenn sie zum Musikunterricht oder zur Nachhilfe ins Nachbardorf müssen, nun auch mit dem Bus fahren und müssen nicht mehr mit dem Auto gebracht oder abgeholt werden. Dies bedeutet eine große Entlastung und Zeitersparnis für die Eltern."

Eine wachsende Bedeutung hat der FLEXIBUS auch für den Zubringerverkehr in der Region. So haben die Hin- und Rückfahrten zu den Bahnhöfen stetig zugenommen. Rund zehn Prozent aller Fahrgäste nutzen den Service als Zubringer oder Abholer zum Schienenverkehr oder zu weiterführenden Buslinien. Der Bus trägt somit erheblich zur Mobilität der Bürgerinnen und Bürger im gesamten Landkreis Günzburg bei.

Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig und so individuell wie die Bedürfnisse der Menschen vor Ort. Neben der Sicherstellung der Finanzierung wird es auch darauf ankommen, das System stetig weiter zu entwickeln und für die Bevölkerung attraktiv zu gestalten, damit auch in Zukunft die Mobilität in der Region gesichert werden kann.

Josef Brandners Fazit: "Durch die Einführung des FLEXIBUS ist es gelungen, den ländlichen Raum zu 100 Prozent zu erschließen und das an 365 Tagen im Jahr. Der Bus hat zu einer erheblichen Steigerung der Lebensqualität in der Region beigetragen. Auch für Menschen, die nicht unbedingt auf ein alternatives Mobilitätsangebot angewiesen sind, gilt: Wenn mal kein Auto zur Verfügung steht, dann gibt es ja immer noch den FLEXIBUS."

Erschienen am im Format Good Practice

Adresse

Günzburg
89312 Günzburg, Bayern

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