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Bildungsinitiative lässt kein Kind allein

"Der Rote Faden"

Kinder und Jugendliche, die in schwierigen familiären oder sozialen Verhältnissen aufwachsen, sind überdurchschnittlich von Bildungsarmut betroffen und haben demzufolge schlechtere berufliche Perspektiven. Die Bildungsinitiative "Roter Faden" unterstützt sie und ihre Familien auf ihrem Weg vom Vorschulalter bis ins Berufsleben und sorgt so dafür, dass sich ihre Chancen verbessern.

Schulische Defizite beschränken berufliche Perspektiven

Ausgangspunkt der ehrenamtlichen Initiative war 2008 Kernen im Remstal, eine württembergische Gemeinde mit rund 15.000 Einwohnern im Rems-Murr-Kreis, östlich an Stuttgart angrenzend. Auch wenn die soziale Lage und Bildungssituation in den beiden Ortsteilen von Kernen, verglichen mit der einer Großstadt, weniger dramatisch ist, besteht auch hier Handlungsbedarf. So benötigen rund ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen gezielte Förderung und individuelle Unterstützung, sei es bei der Hausaufgabenbetreuung oder beim Rechnen und Schreiben. "Bereits bevor die ersten Ideen des "Roten Fadens" umgesetzt wurden", berichtet Volker Reissig, der das Projekt vor acht Jahren mit auf den Weg brachte und noch heute betreut, "waren in den Schulen Azubipaten im Einsatz, um Jugendliche besser auf ihr Berufsleben vorzubereiten und sie bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz zu unterstützen." Es zeigte sich jedoch, dass es schwierig war gezielte Hilfen anzubieten, da bei Vielen grundlegende Voraussetzungen fehlten.

"Aus der Erkenntnis heraus, dass man viel früher ansetzen muss, um nachhaltig helfen zu können, entstand die Idee der Bildungsinitiative", so Volker Reissig. Damit die Kinder und Jugendlichen später bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, müssen sie von Anfang an unterstützt werden. So ist eine der wesentlichen Ursachen für die späteren Defizite in einer mangelnden Förderung im Vorschulalter zu sehen. Was im familiären Umfeld in den ersten Lebensjahren versäumt wird, kann die Schule allein kaum aufholen. Die Idee einer kontinuierlichen Begleitung und Förderung der Kinder und Jugendlichen, die sich wie der sprichwörtliche rote Faden durch ihr ganzes Leben zieht, war geboren.

Gute Voraussetzungen für das Ehrenamt

Die Rahmenbedingungen für ehrenamtliche Projekte, wie dem "Roten Faden", wurden von der Gemeinde 2006 mit dem Leitbild "Kernen aktiv mitgestalten" geschaffen. Seither können sich engagierte Menschen verstärkt mit ihren Ideen und Fähigkeiten für das Wohl und die Entwicklung der Gemeinde einbringen – und werden dabei gezielt gefördert und unterstützt. Bereits frühzeitig entstanden so das Bürgernetz und die Bürgerstiftung Kernen. Das Bürgernetz dient als Anlauf- und Vermittlungsstelle für Menschen der Gemeinde, die ehrenamtlich tätig werden wollen, und begleitet Projekte von der Idee bis zur Umsetzung. Die Bürgerstiftung Kernen unterstützt ausgewählte ehrenamtliche Projekte in finanzieller Hinsicht. Mittlerweile besteht zudem eine enge Kooperation zur Initiative des "Roten Fadens". So werden unter anderem jährlich Gelder zur Finanzierung von Projekten zur Verfügung gestellt. 2008 wurde die Unterstützung für den "Roten Faden vom Gemeinderat beschlossen.

Durchgehende Förderung als Erfolgsstrategie

Die Aktivitäten der Bildungsinitiative sind sehr vielfältig und setzen bereits an, bevor ein Kind in Kernen das Licht der Welt erblickt. So stehen ehrenamtliche Helferinnen beim Projekt "Mütter helfen Müttern" mit Rat und Tat zur Seite, wenn es um Fragen rund um die Geburt und die Zeit danach geht. Speziell ausgebildete Fachkräfte der Gemeinde besuchen die Familien neugeborener Kinder, informieren über Hilfsangebote und vermitteln bei Bedarf entsprechende Kontakte zu den jeweiligen Einrichtungen der Gemeinde. Später besuchen Lese- und Sprachpaten die Familien, sprechen, lesen und spielen mit den Kindern und leisten so einen Beitrag zu ihrer Sprachentwicklung. Während ihres weiteren schulischen Werdegangs werden Kinder mit besonderem Förderbedarf von Lernbegleitern unterstützt und Azubipaten helfen bei der Berufsorientierung, wenn es auf den Schulabschluss zugeht. Um den Jugendlichen den Einstieg in die Berufswelt zu erleichtern, hat der "Rote Faden" in den letzten Jahren ein Kooperationsnetzwerk zu rund 60 regionalen Betrieben aufgebaut, stellt den Lehrern und Schülern eine Datenbank mit allen verfügbaren Praktikums- und Ausbildungsplätzen zur Verfügung und vermittelt Kontakte zu den Firmen.

Von 2008 bis heute wurden rund 400 Familien von der Geburt der Kinder bis zum Übergang der Jugendlichen in den Beruf betreut. Unterstützt wurden sie von zeitweise bis zu 60 Ehrenamtlichen. "Aktuell sind", laut Volker Reissig, "42 Ehrenamtliche aktiv, davon zwölf Sprachpaten und 17 Lernbegleiter. Dieses liegt aber keinesfalls an einem Rückgang der Interessenten, sondern vor allem daran, dass es momentan einen geringeren Bedarf an Azubipaten gibt. Ursächlich dafür ist vor allem die Auflösung der früheren Werkrealschule. Bis zu diesem Zeitpunkt waren regelmäßig zwischen 13 und 15 Azubipaten tätig. Für die berufsvorbereitende Unterstützung an einer Realschule gibt es andere Rahmenbedingungen. Gemeinsam mit der Schulleitung und dem Kollegium werden maßgeschneiderte Unterstützungsprogramme entwickelt. Ab November dieses Jahres wird die Förderung aber wieder schrittweise ausgebaut, dann werden zunächst sechs Paten im Einsatz sein".

Grenzen des Ehrenamtes und Kooperationen

Die Bildungsinitiative sieht ihre ehrenamtlichen Aktivitäten in erster Linie als sinnvolle Ergänzung der Arbeit der verschiedenen Institutionen der kommunalen Bildungslandschaft und sucht gezielt den Kontakt und Austausch. Auf diese Weise ist es in den letzten acht Jahren gelungen, in Kernen ein umfassendes Fördernetzwerk aus Ehren- und Hauptamtlichen aufzubauen. Der "Rote Faden" fungiert aber auch als Ideengeber, gibt Impulse und stößt Projekte an. So sind neben den kontinuierlichen Aufgaben eine Reihe weiterer Projekte initiiert worden. Da der "Rote Faden" kein eingetragener Verein ist, ist er bei der Umsetzung seiner Ideen oft auf die Unterstützung gemeinnütziger Träger angewiesen, die neben der Finanzierung auch hauptamtliches Personal bereitstellen. Beispiele für derartige Kooperationen sind die Projekte "Schüler helfen Schülern" und "Fit für die Berufswahl" die an der Rumold-Realschule durchgeführt wurden.

Das Projekt "Schüler helfen Schülern", bei dem ältere Schüler als Lerncoach ausgebildet werden, um dann die jüngeren Jahrgänge zu unterstützen, startete auf Initiative des "Roten Fadens" 2011 und wurde für die Dauer von zwei Jahren vom Kreisjugendring Rems-Murr e.V. und dem Verein Herzenssache e.V. finanziert. Für das Programm "Fit für die Berufswahl", das von September 2011 bis Februar 2012 Schüler gezielt auf den Übergang in die Berufswelt vorbereitete, konnte für die Durchführung das Berufsbildungswerk Waiblingen gewonnen werden. Die Finanzierung übernahm mit einem Beitrag von 3.500 Euro die Bürgerstiftung Kernen und die Waiblinger Kreissparkasse. In Anbetracht des Erfolges unterstützt die Gemeinde Kernen seitdem das Projekt.

Ein aktuelles Projekt des "Roten Faden" ist das wöchentliche Angebot einer Fahrradwerkstatt für Kinder und Jugendliche, das in Partnerschaft mit der Diakonie Stetten und der Bürgerstiftung Kernen e.V. ins Leben gerufen wurde. In einem eigens für das Projekt angeschafften Werkstattcontainer machen ehrenamtliche Helfer ältere Fahrräder wieder flott und unterstützen Jugendliche bei anstehenden Reparaturen.

Kommune schafft Bindeglied zwischen Haupt- und Ehrenamt

Eine Finanzierung des "Roten Fadens" seitens der Gemeinde erfolgt grundsätzlich nicht, es wurde jedoch ein Haushaltstitel für kleinere Ausgaben eingerichtet. Die Gemeinde bezahlt das jährliche Dankeschön-Essen für die Ehrenamtlichen und übernimmt die Kosten für die Versicherung ihrer Tätigkeit. Zudem gibt es seit 2009 in der Verwaltung eine Verbindungsstelle mit einem Personalanteil von 25 Prozent für die Aufgaben der Koordination der verschiedenen Projekte und als Bindeglied zwischen Haupt- und Ehrenamt. Inzwischen wurde die Koordinierungsstelle auf eine halbe Stelle aufgestockt.

"Wir haben in den letzten acht Jahren viel erreicht!", ist Volker Reissig überzeugt. "Das Bewusstsein hat sich verändert. So ist es heute bei Bedarf schnell möglich, Ehrenamtliche gezielt anzusprechen. Beispielweise waren nur zwei Aufrufe im Mitteilungsblatt der Gemeinde erforderlich, um vier Freiwillige für die Kinderbetreuung des multikulturellen Frauentreffpunktes "Café International" zu gewinnen. Auch die Finanzierung von Projekten ist heute um einiges leichter, der "Rote Faden" hat sich einen Namen gemacht und hat etwas vorzuweisen!" Damit der "Rote Faden" nachhaltig wirksam werden kann, wird es neben der stetigen Gewinnung von Ehrenamtlichen aber auch auf die hauptamtliche Unterstützung in den Institutionen ankommen, sei es bei fachlicher Beratung oder qualifizierten Schulungen. Hier sieht Volker Reissig noch einiges Potential: "Die Hauptamtlichen verfügen oft nur über begrenzte Ressourcen, so dass sich viele Projekte nicht so schnell umsetzen lassen, wie es der Bedarf der Kinder und Jugendlichen erfordert." Alleine vom Ehrenamt können viele Projekte nicht getragen werden.

Das Projekt des "Roten Fadens" zählt zu den vorbildlichen Projekten aus der Praxis und wurde unter anderem vom Landesportal Ehrenamt Baden-Württemberg, von der Bertelsmann-Stiftung oder als Preisträger im Wettbewerb "Ideen für die Bildungsrepublik" ausgezeichnet. Gründe für den Erfolg sind vor allem im ehrenamtlichen Engagement der Bürgerinnen und Bürger zu sehen. Entscheidend für den Erfolg ist nicht zuletzt eine verlässliche Zusammenarbeit mit den Bildungseinrichtungen und der Gemeinde. Inspiriert von der Idee des "Roten Fadens" wurde beispielsweise 2011 in der Nachbargemeinde Remshalden eine vergleichbare Initiative gestartet.

Auch wenn die berufsorientierende Förderung an der Realschule erst wieder aufgebaut wird, so hat sich die nachhaltige Wirkung der Azubipaten des "Roten Fadens" bei den Schülern der Werkrealschule schon lange bewiesen. Zusammen mit den Erfolgen in den Kindergärten und Schulen ist die vielfältige Unterstützung für Kinder und Familien der Gemeinde eine wertvolle Hilfe und viele Kinder und Jugendliche haben es schon heute leichter in der Schule.

Erschienen am im Format Good Practice

Adresse

Kernen im Remstal
71394 Kernen, Baden-Württemberg

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