"Rendite in Lebensqualität" – Ein Dorfladen mit Vorbildcharakter

Dorfentwicklung in Otersen

Mit einem Dorfladen von Bürgern für Bürger beschritt Otersen 2001 neue Wege und setzte ein wichtiges Signal für die Wiederbelebung des Dorfkerns. Doch war der Dorfladen nur eine von mehreren Säulen eines Dorfentwicklungsprozesses, der von den Bürgern selbst initiiert und mit viel Engagement und Tatkraft vorangetrieben wurde.

In den 1980er Jahren stand es nicht gut um Otersen. Die Einwohnerzahl des Dorfes, das im Herzen Niedersachsens an der Aller liegt und zur Gemeinde Kirchlinteln (Landkreis Verden) gehört, war von 500 auf 420 gesunken. Durch den Strukturwandel schrumpfte die Zahl der Vollerwerbsbetriebe im Dorf und es gingen viele Arbeitsplätze in Landwirtschaft und Handwerk verloren. "Otersen war auf dem Weg zum sterbenden Dorf", erinnert sich Günter Lühning, Vorsitzender des Heimat- und Fährvereins Otersen e.V.

Dass es so weit nicht kam und der Ort die Wende zum Positiven schaffte, lag nicht zuletzt an der Initiative des Ortes und daran, dass Otersen 1989 ins Niedersächsische Dorferneuerungsprogramm aufgenommen wurde. Innerhalb von zehn Jahren wurden private und öffentliche Maßnahmen zur Dorferneuerung mit Zuschüssen in Höhe von insgesamt rund 900.000 D-Mark gefördert. Unter anderem wurde die Fährverbindung über die Aller wiederbelebt und das alte Schulhaus saniert und so ausgebaut, dass dort eine Kindertagesstätte und ein Sport- und Gymnastikraum Platz fanden. Zudem erwarb die Gemeinde ein über 6.000 Quadratmeter großes Grundstück und entwickelte es zum Dorfplatz.

"Der größte Gewinn aus der Dorferneuerung war aber, dass wir Einwohner gelernt haben, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen", ist Günter Lühning überzeugt. Gelegenheit, das unter Beweis zu stellen, hatten die Otersener schon recht bald. Als die Inhaberin des einzigen Lebensmittelgeschäfts im Jahr 2000 aus Altersgründen die Schließung ankündigte und es nicht gelang, einen Nachfolger zu finden, beschlossen die Bürgerinnen und Bürger, selbst aktiv zu werden.

Ein Dorfladen von Bürgern für Bürger

Zwei Verkäuferinnen bedienen in einem kleinen Dorfladen zwei Kunden. Otersen - Dorfladen
Einkaufen mit persönlicher Note - im Otersener Dorfladen kennt man sich © Günter Lühning

Dass es den Otersenern ernst war, beweist allein schon die angesichts der Einwohnerzahl beeindruckende Summe von 103.000 D-Mark, die sie an Eigenkapital aufbrachten, um ihren Traum vom Dorfladen wahr werden zu lassen und Umbau, Inventar und Waren zu finanzieren. Über 60 Gesellschafter hatten Anteile an der neu gegründeten Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) erworben. Hinzu kamen je 25.000 D-Mark aus LEADER-Fördermitteln sowie als Zuschuss der Gemeinde Kirchlinteln. Und natürlich eine gehörige Portion Engagement und Eigenleistung. So gelang es, einen nahtlosen Übergang zu gewährleisten und zum 1. April 2001, zeitgleich mit der Schließung des alten Lebensmittelgeschäfts, den neuen Dorfladen zu eröffnen.

"Damals waren wir noch absolute Vorreiter in Niedersachsen und das Interesse war groß", erinnert sich Günter Lühning. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Dorfläden und nicht wenige Macher haben auch in Otersen vorbeigeschaut, um sich Tipps und Anregungen zu holen. Auch der Dorfladen GbR selbst war es wichtig, die eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse mit potenziellen Nachahmern zu teilen. So wurde zunächst 2004 ein Dorfladen-Netzwerk gegründet und vier Jahre später auch ein umfassendes Dorfladen-Handbuch veröffentlicht. Seit 2011 gibt es eine Wissenstransferstelle im Ort, an die Interessenten sich wenden können und die in Zukunft noch weiter ausgebaut werden soll.

Auch die Otersener entwickelten schon bald aus ihren eigenen Erfahrungen weitere Ideen. Nach einigen Jahren erfolgreichen Betriebs entschied sich die Dorfladen GbR, ihr Projekt auf eine neue Stufe zu heben. Geplant wurde unter anderem die Erweiterung des bestehenden Dorfladens um ein Café. Da es nicht gelang, Einigung mit der Eigentümerin zu erzielen, entschied man sich dafür, mit dem Dorfladen in eine eigene Immobilie umzuziehen. Aus der Dorfladen GbR wurde ein wirtschaftlicher Verein (w.V.) und dieser kaufte ein leerstehendes altes Fachwerkhaus im Dorfkern und baute es so um, dass neben Dorfladen und Café auch eine 135 Quadratmeter große Wohnung im Obergeschoss Platz fand, die seitdem vermietet wird.

Gesamtinvestitionen in Höhe von 500.000 Euro waren dafür von Nöten. 100.000 Euro LEADER-Mittel erhielt der Dorfladen w.V. ebenso wie 63.000 Euro von der Gemeinde. Hinzu kamen weitere 50.000 Euro Eigenkapital und die stolze Summe von 5.000 Stunde Eigenleistung. Nichtsdestotrotz ließ sich die Gesamtsumme nur durch die Aufnahme eines Darlehens stemmen. So zahlt der Dorfladen seit 2011 nicht mehr die bis dahin fällige jährliche Miete von 7.000 Euro, sondern Zins und Tilgung. "In 20 Jahren wollen wir schuldenfrei sein", berichtet Günter Lühning. Mehr als ein Fünftel der Darlehenssumme hat der inzwischen auf 150 Mitglieder angewachsene Dorfladen-Verein bereits getilgt. "Eine Dividende haben wir noch nie gezahlt", so Lühning. "Bei uns gibt’s die Rendite in Lebensqualität!"

Café und Fähre versüßen die Radtour

Ein wichtiger Faktor ist dabei das ehrenamtlich betriebene "AllerCafé", das direkt am Aller-Radweg 40 Gästen Platz bietet und über zwei gemütliche Sonnenterrassen verfügt, die weitere knapp 50 Gäste zum Verweilen einladen. Hier treffen sich nicht nur die Otersener zu Kaffee und Kuchen. Auch bei den zahlreichen Fahrradtouristen – rund 10.000 Radwanderer kommen jährlich durch Otersen – ist das Café eine äußerst beliebte Anlaufstelle.

Noch näher als bei einer Fahrradtour kommt man der Aller bei der Überquerung mit der Fähre. Bereits 1997 hatten die Otersener die traditionsreiche Fähre nach dreißigjähriger Unterbrechung als Teil des Dorferneuerungsprogramms wiederaufleben lassen – ganz modern mit Sonnenenergie und Elektromotor betrieben. Da die alte Fähre schon etwas in die Jahre gekommen und durch die zunehmende Zahl an E-Bikes der Platzbedarf an Bord gewachsen war, schafften die Otersener 2016 ein neues, etwas breiteres Modell mit Aluminium-Rumpf an. Gut 20 Menschen mitsamt ihren Fahrrädern finden hier Platz und können zum Preis von 1,50 Euro gemütlich über die Aller schippern. Ein Vergnügen, das sich rund 5.000 Passagiere pro Jahr gönnen.

Aber die wollen auch sicher ans andere Ufer gesteuert werden. Da ist einmal mehr das Engagement der Bürgerinnen und Bürger gefragt. Rund 70 ehrenamtliche Fährleute, darunter 25 ausgebildete Fährschiffer, investieren jährlich rund 1.500 Stunden, um den Betrieb am Laufen zu halten.

Neues Leben in alten Baudenkmälern

Ein vierter wesentlicher Baustein des Dorfentwicklungsprogramms, das die Otersener zwischen 2005 und 2007, mit intensiver Bürgerbeteiligung in Form von Versammlungen, Befragungen und Foren, erstellt haben, ist die Umnutzung alter Gebäude. Angesichts von 34 eingetragenen Baudenkmälern auf 15 Höfen ein ebenso reizvolles wie anspruchsvolles Unterfangen. Aus alten Ställen, Scheunen und Häuslingshäusern wurden Wohnhäuser, Fitnessräume und der Dorfladen samt Café. Die alte Schule wurde zur Kita und manches alte Wohnhaus von Grund auf saniert und mit neuem Leben gefüllt.

Inzwischen leben in Otersen wieder wie früher rund 500 Menschen. Neue Mitbürger sind hinzugekommen sind und schnell heimisch geworden. Für Günter Lühning ist das – neben dem großen bürgerschaftlichen Engagement im Dorf – ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor. "Wir waren immer offen gegenüber Neubürgern und haben es ihnen leichtgemacht, hier anzukommen und dazuzugehören. Im Gegenzug engagieren auch sie sich sehr fürs Dorf." Einer der Neubürger sei innerhalb kurzer Zeit zum Vorsitzenden des örtlichen Sportvereins gewählt worden. "Das ist doch der beste Beweis, dass er akzeptiert wird und dazugehört und sich hier sehr wohl fühlt."

Diese Offenheit habe es auch sehr erleichtert, acht Männer aus dem Sudan zu integrieren, die im Mai 2015 als Flüchtlinge nach Otersen kamen. "Natürlich gab es da anfangs auch Unruhe und Bedenken im Dorf", räumt Lühning ein. "Aber wir sind mit ein paar Vertretern der Vereine und der Dorfjugend auf sie zugegangen, haben ihnen Fahrräder mitgebracht und uns auch danach um eine direkte Betreuung und Unterstützung gekümmert." Daraus hat sich ein gutes Verhältnis entwickelt und ein Jahr später bedankten sich die acht Flüchtlinge mit einem deutsch-sudanesischen Freundschaftsfest. Sie haben in Otersen und Umgebung Fuß gefasst und haben teilweise schon eine Ausbildung begonnen oder gehen zur Berufsschule.

Erschienen am im Format Good Practice

Adresse

Otersen
27308 Otersen, Niedersachsen

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