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Bohren im Fernsehsessel – wenn die Zahnärztin ins Haus kommt

Zahnärztlicher Hausbesuchsdienst in der Uckermark

Wenn die Patienten nicht mehr in die Praxis kommen können, muss die Zahnärztin zu ihnen kommen. Was so einfach und logisch klingt, ist in der Umsetzung sehr viel komplizierter und hat immer noch absoluten Seltenheitswert.

In der Uckermark hat eine Zahnärztin vor einigen Jahren den Beweis angetreten, dass es möglich ist, wenn man mit Idealismus und Beharrlichkeit die Klippen umschifft, die eine Vorreiterin erwarten. Seit über 30 Jahren praktiziert Dr. Kerstin Finger als Zahnärztin in Templin. Der 16.000 Einwohner-Ort im Norden Brandenburgs ist flächenmäßig die achtgrößte Stadt Deutschlands. Da können die Wege zur Zahnärztin schon erheblich länger sein. Für ältere, gehbehinderte oder pflegebedürftige Menschen, die nicht mehr das Auto nutzen können, häufig zu lang.

Und so reifte in Kerstin Finger die Idee, eine mobile Zahnarztpraxis anzubieten und damit absolutes Neuland zu betreten. Denn während Hausbesuche von Ärzten seit langem üblich sind, ist dies im zahnmedizinischen Bereich ganz anders.

"Ich hatte schon lange überlegt, dass es so etwas dringend geben müsste", erzählt die Zahnärztin. "Meine Patienten sind ja mit mir gealtert und so gab es im Laufe der Zeit immer mehr unter ihnen, die schwerkrank waren und nicht mehr in die Praxis kommen konnten. Aber auch die brauchten eine gute zahnmedizinische Versorgung."

Über Nicaragua in die Uckermark

Den Weg ins Templiner Umland ebnete dabei ein Umweg über Nicaragua. Denn absolute Grundvoraussetzung für zahnärztliche Behandlungen vor Ort ist natürlich eine zuverlässige mobile Ausrüstung. Und die suchte Dr. Finger zunächst vergeblich. Bis sie in einer Fachzeitschrift einen Artikel über ein Zahnmedizin-Projekt von "Ärzte ohne Grenzen" in Nicaragua entdeckte, wo die Kollegen scheinbar genau das hatten, was ihr noch fehlte. So stieß sie auf einen Hersteller in Bayern, der sie mit seinem System überzeugen konnte.

Damit stand für Kerstin Finger fest, dass sie ihren Plan in die Tat umsetzen würde. Um die hohen Anfangsinvestitionen in Höhe von rund 50.000 Euro stemmen zu können, beantragte sie beim Land Brandenburg Fördergelder. Gut 22.000 Euro erhielt sie aus LEADER-Mitteln und trug den Rest der Kosten selbst. "Ich wollte einfach wissen, ob das funktioniert und auch der Gemeinschaft etwas geben", sagt Dr. Finger.

Eine Portion Idealismus war zum Start im Jahr 2010 durchaus von Nöten, denn auch abgesehen von den Anfangsinvestitionen ließ sich die mobile Zahnarztpraxis zunächst nicht kostendeckend betreiben. Das hat sich erst 2014 geändert – mit der Verdopplung der Besuchsgebühr, die als Pauschale unabhängig von der Wegstrecke zum Patienten gezahlt wird, und der Möglichkeit, Kooperationsverträge mit Pflegeheimen zu schließen. Diese finanzielle Besserstellung von Vor-Ort-Behandlungen ermöglichte es Dr. Finger auch, eine weitere Mitarbeiterin einzustellen, die sich vor allem um die Verwaltungs- und Abrechnungsaufgaben kümmert.

Ein gleichberechtigtes Standbein zur Zahnarztpraxis ist der Hausbesuchsdienst dennoch nicht – schon allein wegen der Fahrtzeiten, die nicht abgerechnet werden können. Doch gibt es ja auch noch andere Arten der Entlohnung: "Wenn sie da rausfahren, dann wissen sie wieso sie Zahnarzt geworden sind. Wir tun etwas, was wirklich hilft", schwärmt Dr. Finger von ihrer mobilen Tätigkeit.

Aber wie sieht der mobile Zahnarzteinsatz eigentlich konkret aus, wenn sie mit ihren zwei Angestellten jeden Dienstagvormittag in einem Radius von ca. 35 Kilometern rund um Templin unterwegs ist? Das eigens ausgestattete Spezialfahrzeug mit allen Instrumenten an Bord lässt zunächst kaum Wünsche offen. Lediglich ein mobiles Röntgengerät fehlt. Solche Geräte sind derzeit noch nicht zugelassen, da bei Hausbesuchen kein Schutzraum vorhanden ist. Aber auch hier ist bereits ein Pilotprojekt angedacht, in dem die Zahnärztin gemeinsam mit einem Hersteller Möglichkeiten prüfen will, eine solche Zulassung zu erhalten.

Der fehlende Stuhl zwingt zur Improvisation

Der wesentliche Unterschied zwischen der Behandlung in der Praxis und der beim Patienten vor Ort ist jedoch ein anderer: "Die Technik unterscheidet sich gar nicht so sehr, aber der Zahnarztstuhl fehlt", erläutert Kerstin Finger. Bei der Behandlung im Bett, im Fernsehsessel oder auf dem Küchenstuhl ist dann häufig Improvisationskunst gefragt: "Da muss meine Assistentin schon mal die menschliche Kopfstütze spielen oder ich für die Behandlung auf die Knie gehen."

Eine Ärztin kniet vor einer älteren Dame und hält ihr die Hand. Mobile Zahnarztpraxis2
Einfach zuhören und die Hand halten - auch das bietet der zahnärztliche Hausbesuchsdienst © Burkhard Peter

Die Patientinnen und Patienten profitieren dafür gleich doppelt von der Behandlung daheim. Zum einen ist es für viele von ihnen der einzig mögliche Zugang zu zahnmedizinischer Versorgung, weil sie ein Besuch in der Praxis vor unüberwindbare Hürde stellen würde. Das ist auch eine Voraussetzung für den Hausbesuchsdienst, den Dr. Finger selbstverständlich nicht für jedermann, sondern nur für schwer kranke und nicht mobile Patienten anbietet. Zum Zweiten eröffnet der Vor-Ort-Besuch aber auch eine weitere, über das Medizinische herausreichende Dimension der Versorgung.

"Soziale Integration war für mich von Anfang ein wichtiger Baustein. Gerade weil viele Patienten ihre Wohnung kaum noch verlassen können, versuchen wir auch das Lebensumfeld mit zu aktivieren und die Nachbarschaftshilfe zu stärken" erklärt Dr. Finger. Bohren und Zähne ziehen könne natürlich nur die Zahnärztin, aber zum Beispiel an die Gebissreinigung erinnern und gegebenenfalls dabei helfen, könne auch die Tochter oder der Nachbar. Dieses Denken zu verankern, gelinge immer besser.

Steigende Nachfrage nach Hausbesuchen

Und auch in Zahlen ausgedrückt, ist die Resonanz auf das Angebot äußerst positiv. Bis Oktober 2015 fuhren die Zahnärztin und ihr Team zu rund 2.500 Besuchen bei 500 Patienten und die Nachfrage steigt weiterhin. Das gilt nicht nur für Patienten, sondern auch für Kolleginnen und Kollegen, die überlegen, ebenfalls in die mobile Versorgung einzusteigen.

"Ich sehe mich da so ein bisschen als Pionierin", so Dr. Finger. "Ich glaube aber auch, dass wir hier in der Uckermark der demografischen Entwicklung einfach acht bis zehn Jahre voraus sind." Immer mehr Kollegen sind auf der Suche nach Anregungen und praktischen Tipps für den Aufbau einer eigenen mobilen Praxis und fahren bei Kerstin Finger mit, um ihr über die Schulter schauen und aus ihren Erfahrungen Rückschlüsse für die eigenen Pläne zu ziehen.

Was rät sie den potenziellen Nachahmern, für die sie auch Fortbildungen anbietet? "Da muss jeder sein eigenes System finden. Ganz wichtig finde ich aber, am Anfang mit den eigenen Patienten zu beginnen, die man schon kennt und zu denen man bereits ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat."

Erschienen am im Format Good Practice

Adresse

Templin
17268 Templin, Brandenburg

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