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Innovation und Tradition - Wege zur Sicherung der Welternährung

Datum:
20.01.14
Ort:
Berlin
Redner:
Bundesminister Dr. Hans-Peter Friedrich

Rede des Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft Dr. Hans-Peter Friedrich anlässlich des 3. AGCO Africa Summit

Es gilt das gesprochene Wort!

Anrede,

I. Einstieg

ich freue mich sehr, hier, beim 3. AGCO Africa-Summit, sprechen zu können.

Dieses Gipfeltreffen für Afrikas Landwirtschaft hat sich in nur kurzer Zeit zu einer bedeutenden Institution etabliert. Internationale Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kommen alljährlich zusammen, um tragfähige Strategien für ein modernes und stabiles Afrika zu diskutieren.

Ich möchte mich sehr herzlich bei Ihnen, Herr Professor Richenhagen, als Veranstalter und Gastgeber bedanken. Ihr Engagement hat ein einzigartiges und hoch effektives Netzwerk geschaffen. Und das können wir gut brauchen.

II. Ausgangssituation

Meine Damen und Herren, die Sicherung der Ernährung jedes einzelnen Menschen in der Welt ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Trotz enormer Anstrengungen sind wir vom ersten Milleniumziel der Vereinten Nationen, die Zahl der Hungernden bis zum Jahr 2015 zu halbieren, meilenweit entfernt.

Zu dieser Stunde hungern über 840 Millionen Menschen – zwei Milliarden leiden an Mangelernährung. Besonders alarmierend ist die Situation auf dem afrikanischen Kontinent: Hier sind zurzeit 226 Millionen Menschen von Hunger betroffen.

Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf neun Milliarden Menschen ansteigen. Afrika gehört zu den Regionen mit dem höchsten Bevölkerungszuwachs. Allein hier werden dann zwei Milliarden Menschen leben. Menschen, die Nahrung brauchen, Zugang zu sauberem Wasser, zu Bildung, zu Energie.

Kriege, Klimawandel und Naturkatastrophen verschärfen die Situation dramatisch. Das Konsumverhalten sowie die Nachfrage ändern sich insbesondere in den Schwellenländern. Nicht zuletzt Wirtschafts- und Finanzkrisen beeinflussen die Weltmarktpreise für Lebensmittel mit erheblichen Folgen - insbesondere für die Entwicklungsländer.

All diese Faktoren greifen häufig ineinander und lassen in ihrer Komplexität keine Entweder-Oder-Lösungen zu. Die Via Regia, den einen Königsweg, gibt es nicht. Wir müssen von den vielfältigen Gegebenheiten vor Ort ausgehen und für jede Region den passenden Weg finden.

Das ist mühevoll, keine Frage, aber eine vernünftige Alternative gibt es nicht. Wir können nicht dabei zusehen, dass so viele Menschen in der Welt hungern.

III. Produktivität erhöhen – Landwirtschaft stärken

Meine Damen und Herren, rein rechnerisch sind wir in der Lage, die gesamte Menschheit zu ernähren. Aber eben nur rechnerisch. Was ist also zu tun?

Nicht nur weil ich Landwirtschaftsminister bin, ist es meine feste Überzeugung: Bei der aktiven Bekämpfung des Hungers und zur Sicherung der Ernährung spielt eine angepasste, leistungsfähige und nachhaltige Landwirtschaft DIE Schlüsselrolle. Darüber hinaus kommt der Entwicklung der ländlichen Räume gerade in den Entwicklungsländern große Bedeutung zu.

Wir müssen bei den Landwirten vor Ort ansetzen: Aus- und Fortbildung, angepasste Technologien und Innovation sind grundlegende Voraussetzungen für eine starke Landwirtschaft. Nur so wird tatsächliche Teilhabe der ländlichen Bevölkerung an ökonomischer und sozialer Entwicklung ermöglicht.

Mein Damen und Herren, gerade die Länder Afrikas verfügen über riesiges, größtenteils unausgeschöpftes Potenzial: mehr als 60 Prozent der weltweit noch verfügbaren, aber ungenutzten Anbaufläche befindet sich hier.

Doch Potenzial allein macht noch nicht satt. Es gilt, die Flächen produktiv und nachhaltig zu bewirtschaften. Hierfür müssen die Bauern lernen, welche Anbaumethoden für den jeweiligen Boden am besten geeignet sind. Wir brauchen mehr Investition in die Ausbildung der Landwirte. Wir brauchen Multiplikatoren vor Ort.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium unterstützt, gemeinsam mit der Wirtschaft, Schulungen und Weiterbildungsmaßnahmen: Ich denke da an das Aus- und Weiterbildungszentrum in Kulumsa, in Äthiopien oder das Deutsch-Marokkanische Exzellenzzentrum für Landwirtschaft in Marokko.

Bei beiden Projekten geht es um die Vermittlung moderner nachhaltiger Produktionsverfahren sowie Schulungen in Maschinenanwendung und –reparatur. Denn: moderne und angepasste Technik nutzt nur dann, wenn sie auch bedient werden kann und in Stand gehalten wird.

Auch genossenschaftliche Zusammenschlüsse von Landwirten können effektiv sein, um die Lebenssituation zu verbessern. Etwa, wenn es um die Beschaffung von Krediten und Investitionsgütern geht oder um bessere Absatzmöglichkeiten.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium unterstützt den gemeinsamen Erfahrungsaustausch von Bauernverbänden aus dem südlichen Afrika mit dem Deutschen Bauernverband. Meine Vorgängerin, Frau Bundesministerin Aigner, hat im Mai letzten Jahres in Pretoria das Seminar „Farmers pro Farmers“ eröffnet. Ich werde diesen Weg weitergehen.

Landwirte brauchen eine gemeinsame kraftvolle Stimme und die Möglichkeit, sich zu vernetzen. Sie benötigen gut ausgebaute Transportwege, ausreichend Lagermöglichkeiten und moderne Kommunikationsmittel, um sich über Preise zu informieren. Es kann nicht sein, dass große Mengen von landwirtschaftlichen Gütern, den Markt überhaupt nicht erreichen, weil sie vorher verrotten oder von Schädlingen befallen werden.

Last but not least bedarf es eines Ausbaus der wirtschaftlichen und sozialen Infrastruktur. Grundvoraussetzungen sind hierbei ein verbesserter Zugang zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen. Die Landwirte vor Ort unterstützen heißt in die bäuerliche Landwirtschaft investieren: Pekuniär und ideell.

Um die Bedeutung der familiären Strukturen in der Landwirtschaft zu unterstreichen hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen das Jahr 2014 zum "International Year of Family Farming" erklärt. Schauen wir zu, dass es ein erfolgreiches Jahr wird.

IV. Förderung der Agrarforschung

Meine Damen und Herren, unabdingbar für eine höhere Produktivität ist eine verbesserte Agrarforschung. Hierbei sind Forschungsanstrengungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette erforderlich.

Insbesondere müssen die Potenziale der jeweils vor Ort relevanten Kulturpflanzen verbessert werden, also Stresstoleranz, Widerstandsfähigkeit und bessere Nährstoffaneignung. Landwirtschaft muss sich dem Klimawandel anpassen, besser werden im Management und nachhaltiger. Gerade in der Saatgutforschung gibt es bereits vielversprechende Erfolge zu verzeichnen.

Der hierfür notwendige Wissenstransfer kann ausgebaut werden über die Stärkung internationaler Agrarforschungseinrichtungen, die Ausbildung von Fachkräften an deutschen Hochschulen und die Unterstützung der Agrarforschung und Ausbildung in den Entwicklungsländern durch gemeinsame Projekte mit uns.

Meine Damen und Herren, seien Sie sicher: Die Bundesregierung wird in ihrer Unterstützung für die nationale und internationale Agrarforschung nicht nachlassen. Unser Ziel ist es, die deutsche und internationale entwicklungsorientierte Agrarforschung noch intensiver zu verzahnen und deutsches Know-how noch gezielter für die Sicherung angepasster, nachhaltiger und leistungsfähiger Landwirtschaft einzusetzen.

Wie gesagt: Den einen Königsweg gibt es nicht: Wir brauchen eine intelligente Kombination aus kleinbäuerlicher Landwirtschaft und Hightech-Landbau. Ein dogmatisches Festhalten an Grundsatzpositionen hilft niemandem weiter.

Entscheidend ist für mich, dass die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion durch eine nachhaltige Bewirtschaftung erfolgt. Wir wollen Vielfalt fördern, an den Standort angepasst und ertragreich.

V. Regionen stärken

Meine Damen und Herren, Entwicklung des ländlichen Raumes bedeutet mehr als nur landwirtschaftliche Produktivität zu steigern. Es bedeutet für ein funktionierendes Gesundheits- und Ausbildungswesen, eine intakte Infrastruktur und für adäquate Finanzinstrumente zu sorgen.

Nicht nur auf globaler Ebene, sondern auch auf regionaler und lokaler Ebene gilt es den Handel zu stärken. Der Erfolg der Welthandelskonferenz auf Bali für den freien Welthandel und insbesondere für den Marktzugang der ärmsten Länder ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Für die Verbindung von Stadt und Land, Binnenmärkten und Küsten sind funktionierende Handelsketten unverzichtbar. Verlässliche Rahmenbedingungen setzen Anreize zur Investition und verhindern Korruption. Grundvoraussetzungen sind stabile politische Verhältnisse, ein Mindestmaß an öffentlicher Sicherheit, verlässliche Infrastrukturen sowie klare Regeln zum Zugang zu öffentliche Gütern wie Wasser. Nur so kann öffentliches Geld und privates Kapital in den ländlichen Raum gelenkt und dort gezielt eingesetzt werden.

VI. Gemeinsame Kraftanstrengung erforderlich

Meine Damen und Herren, die Komplexität der Lage und die mannigfaltigen Aufgaben machen eine gemeinsame Kraftanstrengung erforderlich.

Die internationale Gebergemeinschaft ist gefordert, die genannten Maßnahmen mit Zuschüssen und Krediten zu fördern. Und dies nicht nach dem Gießkannen-Prinzip, sondern passgenau und angemessen. Voraussetzung sind klare politische Konzepte, die eine nachhaltige Entwicklung der ländlichen Räume in den Empfängerländern ermöglichen und sicherstellen.

Die jüngste Entscheidung der Europäischen Union, sämtliche Exporterstattungen für Agrarprodukte, auch für Ausfuhren nach Afrika, auf null zu stellen ist richtig und wichtig. Und es ist ebenfalls richtig und wichtig, wenn neue Regeln für Finanzmärkte künftig Exzesse bei Rohstoffspekulationen an den Agrarterminmärkten vermeiden helfen. Europa ist nun so weit, und wir begrüßen das sehr!

Ich appelliere an die Vertreter der Wirtschaft – an Sie, meine Damen und Herren -, stärkere Kooperationen mit Landwirten zu suchen, auf die Belange vor Ort einzugehen und Wertschöpfungsketten im ländlichen Raum zu schaffen.

Der vor- und nachgelagerte Bereich der Landwirtschaft bietet zahlreiche Innovations- und Investitionsmöglichkeiten. Seien es effiziente Bewässerungssysteme oder einfachere Mechanisierungen der Landtechnik, der Bedarf ist da.
Positiv hervorzuheben ist die Idee des G8-Prozesses "New Approach for Africa", mit dem insbesondere privates Kapital mobilisiert werden soll.

Die politischen Vertreter der Länder sind dafür verantwortlich, die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen beziehungsweise zu sichern.

Auch muss die Bevölkerung in den Entwicklungsprozess einbezogen werden. Hunger hat vielerorts mit schlechter Verwaltung, Korruption und fehlender Teilhabe zu tun. Hier bieten sich Politikberatungsprojekte an, mit denen Regierungen und Parlamente bei der Ausgestaltung geeigneter politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen unterstützt werden.

Ich begrüße in diesem Zusammenhang die Selbstverpflichtung der Unterzeichnenden des CAADP-Prozesses, mindestens 10 Prozent der öffentlichen Ausgaben für die Landwirtschaft zu verwenden. Diejenigen, die dieses Ziel noch nicht erreicht haben, ermutige ich, sich weiter dafür einzusetzen.

Meine Damen und Herren, wenn ich von einer gemeinsamen Kraftanstrengung spreche, so lasse ich mein Ressort natürlich nicht außen vor.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat die Konferenzreihe „Politik gegen Hunger“ etabliert, zu der Jahr für Jahr internationale Experten in Berlin zusammentreffen.

Darüber hinaus kommen jedes Jahr, auf meine Einladung, Agrarminister aus aller Welt in Berlin zum Global Forum for Food and Agriculture und dem Agrarministergipfel zusammen, um über globale Ernährungssicherung zu beraten.

Auf dem 6. Internationalen Agrarministergipfel vor zwei Tagen haben wir uns bereits intensiv mit dem Thema "Landwirtschaft stärken: Krisen meistern – Ernährung sichern" auseinandergesetzt. Agrarminister aus rund 70 Ländern saßen gemeinsam an einem Tisch. Ein neuer Rekord, ein toller Erfolg und ein wichtiges Zeichen, wie ernst es allen ist.

Ergebnis ist ein wegweisendes Kommuniqué, das der Landwirtschaft in den anstehenden Verhandlungen der Vereinten Nationen über die großen Herausforderungen der Menschheit – der Post 2015 Agenda für nachhaltige Entwicklung – eine Stimme verleiht.

VII. Schluss

Meine Damen und Herren, für die Sicherung einer ausreichenden und angemessenen Ernährung der Menschen in aller Welt gibt es keine einfache Formel. Erforderlich sind passgenaue Lösungen für die Probleme vor Ort und die Bereitschaft, intelligente und innovative Wege zu gehen.

Nur wenn wir den Bedingungen und Strukturen Afrikas gerecht werden, können wir diese Herausforderungen meistern. Das geht nur mit Geld, das geht nur mit Mut und das geht nur gemeinsam.

Ein Zusammengehen von Politik und Wirtschaft, wie es auch diese Veranstaltung zum Ausdruck bringt, kann uns der Lösung des Problems von Hunger und Unterernährung näher bringen.

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