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"Satt ist nicht genug!"

Datum:
23.06.16
Ort:
Berlin
Redner:
Bundesminister Christian Schmidt

Rede des Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft Christian Schmidt zur Eröffnung 12. Konferenz Politik gegen Hunger

Es gilt das gesprochene Wort

Anrede,

I. Einführung

"Ackern für gute Ernährung – Welche Nahrungsmittelsysteme brauchen wir?" Unter diesem Titel steht die 12. Konferenz "Politik gegen Hunger", zu der ich Sie alle ganz herzlich begrüße. Doch wenn ich in den gut gefüllten Saal schaue, dann muss ich sagen: der Name unserer Konferenz "Politik gegen Hunger" führt eigentlich in die Irre. Es ist nicht die Politik allein, die etwas gegen den Hunger unternehmen kann. Nein, gute Politiken gegen den Hunger können wir nur zusammen, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik auf den Weg bringen. Deshalb freue mich sehr, Sie alle hier in Berlin begrüßen zu dürfen und danke Ihnen, dass wir gemeinsam den Kampf gegen Hunger und Mangelernährung aufnehmen.

II. Fehlernährung weltweites Problem

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Nahezu die Hälfte der Weltbevölkerung ist auf die ein oder andere Weise fehlernährt. Wir sehen den offensichtlichen Hunger zum Beispiel in Subsahara Afrika. Und wir sehen die offensichtlich Übergewichtigen – und dies nicht mehr nur in den entwickelten Ländern. Doch dazu kommt: etwa zwei Milliarden Menschen leiden an verstecktem Hunger. Sie sind vielleicht satt, ja. Aber trotzdem falsch ernährt. Und ihre Mangelernährung führt zu Mangelerkrankungen mit schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit. Das geht nicht zuletzt auch mit erheblichen sozialen und ökonomischen Kosten einher. Es reicht daher nicht aus, dass Landwirtschaft und Nahrungsmittelsysteme genügend produzieren, damit Menschen irgendwie satt werden. Es kommt entscheidend darauf an, eine Vielfalt an bezahlbaren und ernährungsphysiologisch hochwertigen Lebensmitteln herzustellen. Denn wie wir uns ernähren, entscheidet in erheblichem Maß über unsere Gesundheit und damit auch über unsere Zukunft.

III. Ernährung höhere Priorität einräumen

Erfolge bei der Ernährungspolitik brauchen einen langen Atem. Das ist ein echter Marathonlauf. Zudem war lange Zeit das Thema Ernährung auf der internationalen Agenda kaum sichtbar. Es wurden zwar einzelne Aspekte behandelt wie etwa Vitamin A-Mangel, Jod- Mangel oder Entwicklungsschäden bei Kindern, aber das komplexe Wechselspiel von Ernährung und Gesundheit wurde kaum in seiner Gesamtheit betrachtet. Dies hat sich glücklicherweise mit der zweiten Internationalen Konferenz für Ernährung (ICN 2) im November 2014 in Rom radikal geändert. FAO und WHO haben bei ICN 2 gemeinsam mit anderen wichtigen internationalen Partnern deutlich gemacht:

  1. Ernährung kann nicht isoliert gedacht werden.
  2. Ernährung ist nicht nur das, was wir essen. Unser Ernährungsstatus hängt von vielen Faktoren ab: Gesundheit, Hygiene, sauberes Wasser, Produktion von Lebensmitteln und Zugang zu diesen, von Vermarktung und Wissen.

Ich freue mich, dass im Nachgang zu ICN 2 die Vereinten Nationen am 1. April diesen Jahres eine Dekade für Ernährung beschlossen haben. Für diese Dekade habe ich mich - mit vielen anderen Unterstützern - stark gemacht. Denn mit ihr können wir nun dem Umsetzungsplan von ICN 2 einen Rahmen geben und verbindlich verankern. Vor allem aber können wir mit der Dekade der Ernährung die öffentliche Aufmerksamkeit für die Bedeutung eines umfassenden Ansatzes für Ernährung vergrößern. Auch die Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung nimmt die Ernährung in den Blick. In Ziel 2 sagt die Staatengemeinschaft nicht nur dem Hunger den Kampf an, sondern geht noch darüber hinaus: "alle Menschen (…) sollen ganzjährig Zugang zu sicheren, nährstoffreichen und ausreichenden Lebensmitteln haben". Diesem Anspruch werden wir uns auch als G20 Agrarminister stellen. Bei unserem Agrarministertreffen in China haben wir bereits einen Aktionsplan zu Ernährungssicherung und nachhaltigen Nahrungsmittelsystemen beschlossen. Deutschland wird das Thema bei seiner G20-Präsidentschaft weiterverfolgen und dabei das Thema "Wasser und Landwirtschaft" in den Mittelpunkt stellen. Die Botschaft ist deutlich: Das kommende Jahrzehnt steht im Zeichen der Ernährung! Wir werden das nutzen! Auch mit unserer 12. Konferenz "Politik gegen Hunger" nehmen wir diesen Ball auf.

IV. Ernährung ganzheitlich denken

Was ist zu tun? Vom Acker bis zum Teller: Wir müssen die gesamte Wertschöpfungskette auf eine ausgewogene Ernährung ausrichten und ernährungssensitiv gestalten. Ganzheitliches Denken ist gefragt und der durchaus wörtlich gemeinte Blick über den eigenen Tellerrand. Deshalb sind wir heute hier.

a) Diversifizierung:

Am Anfang einer gesunden Ernährung steht immer die Landwirtschaft als Urproduktion. Nur eine leistungsfähige, lokal angepasste und nachhaltige Landwirtschaft kann die Grundlagen einer gesunden Ernährung schaffen. Dabei kommt es vor allem auch darauf an, was angebaut wird. Ausschließlich Reis oder Kartoffeln machen vielleicht satt, sorgen aber nicht für eine bessere Ernährung. Ernährungsphysiologisch hochwertige Nahrungsmittel wie zum Beispiel Gemüse und Hülsenfrüchte müssen stärker lokal und global gefördert werden. Das ist gerade für Regionen, in denen traditionell nur einige wenige Hauptnahrungsmittel angebaut und konsumiert werden, ein wichtiger Schritt. Erfolgreiche Ansätze sind beispielsweise der Anbau geeigneter Gemüsesorten in Mehrebenen-Produktionssystemen, Obst in Agroforstsystemen oder integrierte Fisch und Gemüseproduktion. Doch die schönste Produktionspalette ist wenig hilfreich, wenn die Nahrungsmittel auf dem Weg zum Verbraucher verderben oder wichtige Vitamine und Mikronährstoffe verlorengehen. Ziel sollte es daher sein, möglichst über das ganze Jahr hinweg nährstoffreiche Produkte verfügbar zu machen – und nicht nur zu saisonalen Spitzen. Ich freue mich, dass auch Verarbeitung und die Reduzierung von Nachernte- und Nährstoffverlusten Themen der diesjährigen Konferenz sind.

b) Ernährungsbildung

Sehr geehrte Damen und Herren, um sich gut und richtig zu ernähren, muss auch das Wissen um Ernährung gefördert werden. Besondere Bedeutung kommt deshalb dem Bildungssektor zu, denn Ernährungswissen ist Lebenswissen! Mein Ministerium fördert in Zusammenarbeit mit der FAO Pilotprojekte in Malawi und Kambodscha, um die Ernährung von Kleinkindern zu verbessern. In den Projekten unterstützen wir auf der einen Seite den Anbau und die Verfügbarkeit einer Vielfalt an ernährungsphysiologisch hochwertigen Lebensmitteln. Gleichzeitig leiten wir auf der anderen Seite die Mütter an, durch die richtige Weiterverarbeitung und Kombination der Lebensmittel einen nahrhaften Babybrei zu bereiten. Auswertungen zeigen einen deutlich verbesserten Ernährungszustand der Kinder. Ernährungsbildung ist grundlegend für eine ausgewogene Ernährung, zu Hause, in der Schule, in der Ausbildung. Auch in bei uns in Deutschland muss dafür mehr geschehen. Wir müssen das Thema Ernährung fest in den Lehrplänen der Schulen verankern, am besten in einem eigenen Schulfach! Mit den zuständigen Kultusministern der Länder bin ich dazu im engen Austausch.

c) Stärkung der Rechte von Frauen

Ich habe eben das Beispiel mit der Schulung der Mütter über gesunde Beikost erwähnt. In vielen Ländern sind nach wie vor Frauen hauptverantwortlich für die Ernährung der Familie. Daneben arbeiten sie aber auch noch oft auf den Feldern, in der Landwirtschaft. Ihre Arbeitsbelastung ist hoch. Ihre eigene Ernährung und die der Kinder kommen aus Zeitmangel, aber auch aufgrund struktureller Benachteiligungen oft zu kurz. Frauen haben vielerorts keinen gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen wie Land oder Wasser. Ihnen bleibt Bildung verwehrt und gleichberechtigte Teilhabe am Wirtschaftsgeschehen. Dabei zeigen Studien sehr deutlich: Investitionen, die direkt Frauen zugutekommen, beeinflussen den Ernährungsstatus der Familie unmittelbar positiv. Deshalb hat die 12. Politik gegen Hunger auch die Stärkung der Rechte von Frauen auf die Agenda genommen. Gerade innerhalb der Nahrungsmittelsysteme spielen sie eine herausragende Rolle.

d) Forschung

Ein weiterer entscheidender Sektor ist die Agrar- und Ernährungsforschung. Ich will die gut entwickelte deutsche Forschungslandschaft noch besser in internationale Netzwerke einbinden. Im Rahmen des Förderprogramms "Internationale Forschungskooperationen für Welternährung" meines Ministeriums können deutsche Forschungseinrichtungen gemeinsam mit einer Partnerforschungseinrichtung in einem Drittland zu ausgewählten Themen forschen. Schwerpunkt der ersten Programmphase ist die diversifizierte Landwirtschaft für ausgewogene Ernährung in Subsahara Afrika. Es werden dabei vor allem Projekte gefördert, die sich mit heimischen, häufig vernachlässigten Obst- und Gemüsesorten befassen. Ich freue mich, dass auf unserer Konferenz auch Wissenschaftler mit von der Partie sind, die in unseren Partnereinrichtungen forschen und sicherlich aus erster Hand berichten können.

Schluss

Meine Damen und Herren, "Satt ist nicht genug!", die Beseitigung der weltweiten Fehlernährung steht ganz oben auf unserer Agenda. Die Herausforderungen sind komplex, aber das ist kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Wir haben mit der ICN2 und der Dekade für Ernährung den Rahmen gesetzt, der uns ein Sektoren übergreifendes Handeln ermöglicht. Setzen wir uns ehrgeizige Ziele: Eine Welt ohne Mangelernährung bis 2030, das ist machbar. Nehmen wir es in die Hand!

Vielen Dank

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