Wenn Frauen entscheiden und mitentscheiden, ist das Ergebnis besser!

Rede des Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft bei "Landwirtschaft im Dialog" am 18. Oktober 2023 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Anrede,

wir haben uns ja bereits gestern bei unserem Erntedankempfang im BMEL gesehen, wo ich Ihnen auch herzlich gedankt habe. Denn ohne Sie wäre es nicht möglich gewesen, die gemeinsame LandFrauen-Studie umzusetzen. Nur so konnten wir erstmals die – meist zu wenig berücksichtigte – Rolle der Frauen auf unseren Höfen wissenschaftlich fundiert untersuchen. Ich bin überzeugt, dass wir damit der Diskussion um die Gleichberechtigung in der Landwirtschaft neues Tempo verliehen haben. Die Branche macht Fortschritte.

Liebe Frau Schulze Bockeloh,

Sie und Ihr Fachausschuss "Unternehmerinnen" beim Deutschen Bauernverband sind ein wichtiges Signal und Beispiel dafür, genauso wie Frau Steinbock an der Spitze der landwirtschaftlichen Rentenbank. Aber welche zentrale Rolle Frauen wirklich für den Erfolg und die Zukunft unserer Höfe und Unternehmen haben, wird oft nicht ausreichend anerkannt. Vor kurzem bin ich auf einen längeren Artikel zu unserer LandFrauen-Studie und der Rolle der Frauen auf den Höfen bei einem Kreisbauernverband gestoßen. Das ist ja positiv, dass man sich dort damit auseinandersetzt. Wenn der Artikel dann aber die Überschrift trägt: "Frauen stehen in der Landwirtschaft ihren Mann" – dann ist das natürlich etwas zweifelhaft.

Auch die heutige Überschrift "Warum es gut ist, dass die Agrarbranche jünger und weiblicher wird" springt eigentlich zu kurz. Denn unsere LandFrauen-Studie zeigt ja gerade, dass Landwirtschaft schon weiblich ist, ohne Frauen geht es schlichtweg nicht. Was fehlt, sind nicht die Frauen in der Landwirtschaft, sondern die Anerkennung und Wertschätzung ihrer Arbeit auf den Höfen. Und zu dieser Anerkennung und Wertschätzung gehört dann auch, anzuerkennen und zu fördern, dass Frauen tagtäglich Entscheidungen treffen, die über das Wohl der Höfe entscheiden. Denn natürlich heißt Gleichberechtigung auch und vor allem Gleichberechtigung beim Entscheiden.

Meine Damen, meine Herren,

unsere Gesellschaft verändert sich stetig. Wir werden sensibler dafür, wie Sprache unser Denken formt. Wir verstehen, dass Vielfalt auch Stabilität schafft. Das gilt für ökologische Systeme genau wie für unsere Gesellschaft. Und wir diskutieren endlich darüber, dass unser ganzes Wirtschaftssystem davon abhängig ist, dass eine Gruppe von Menschen unbezahlte Sorgearbeit leistet. In vielen Fällen sind es die Frauen, die sich um den Haushalt die Betreuung der Kinder und die Pflege der Angehörigen kümmern. Gleichzeitig sehen wir, dass Frauen auch in der Wirtschaft mehr und mehr Führungsaufgaben übernehmen. Es bilden sich starke Netzwerke, in denen sich female leaders gegenseitig unterstützen.

Wir bewegen uns also in die richtige Richtung. Gleichzeitig sind wir von echter Gleichstellung immer noch meilenweit entfernt: Frauen verdienen immer noch rund 20 Prozent weniger als Männer. Sie erhalten im Schnitt rund 35 Prozent weniger Rente. Die Diskriminierung, die Frauen im Alltag erleben, können sich Männer manchmal gar nicht vorstellen – so ehrlich sollten wir sein. Der Koalitionsvertrag spricht eine klare Sprache: "Die Gleichstellung von Frauen und Männern muss in diesem Jahrzehnt erreicht werden."

Wir, die in der Politik Verantwortung tragen, wissen, dass wir die Rahmenbedingungen verbessern müssen. Im Ministerium versuchen wir mit gutem Beispiel voranzugehen, etwa durch die paritätische Besetzung der Abteilungsleitungen oder durch drei Staatsekretärinnen. Aber es geht natürlich um eine umfassende gesellschaftliche Veränderung – und sie betrifft auch unsere Landwirtschaft. Denn auch dort gibt es noch viel zu tun, um der Gleichstellung Schritt für Schritt näherzukommen und zu verwirklichen.

Das hat auch unsere Landfrauen-Studie gezeigt − die erste gesamtdeutsche Untersuchung zur Lebens- und Arbeitssituation von Frauen in der Landwirtschaft seit der Wiedervereinigung. 62 Prozent der befragten Frauen gaben an, für die Finanzen und die Buchhaltung auf landwirtschaftlichen Betrieben verantwortlich zu sein. Wir alle wissen, dass das die Grundpfeiler eines Wirtschaftsunternehmens sind – und nichts Anderes ist ein Bauernhof heute. Zugleich werden aber nur 11 Prozent der Betriebe in Deutschland von Frauen geleitet – und damit sind wir Schlusslicht in Europa! Ob sich das alsbald ändern wird, ist zweifelhaft. Denn auch bei der vorgesehenen Hofnachfolge ist der Frauenanteil mit 18 Prozent nur wenig besser.

Was mich an diesen niedrigen Anteilen besonders stört: Die Studie hat ebenfalls gezeigt, dass es häufig Frauen sind, die innovative Konzepte für landwirtschaftliche Betriebe etablieren. Dabei stehen ökologische und nachhaltige Konzepte oft im Fokus. In Anbetracht der multiplen Krisen, die wir derzeit erleben, brauchen wir diese innovativen Konzepte. Und zwar besser heute als morgen! Hitze, Dürren oder Starkregen sind keine regionalen Einzelphänomene mehr, sondern eine globale Bedrohung. Zugleich stehen wir vor der Herausforderung, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, ohne dabei weiterhin Raubbau an unserem Planeten zu betreiben. In diesem Sinn wird Landwirtschaft sich verändern müssen, damit sie auch künftig Mensch, Klima und Natur gerecht wird. Und in Teilen tut sie das ja auch schon.

Es ginge sicher zu weit zu behaupten, dass diese zwingend notwendige sozial-ökologische Transformation der Landwirtschaft maßgeblich von Frauen angetrieben wird. Gerade bei Frauen, die in die Landwirtschaft eingeheiratet haben, sind innovative Wirtschaftsideen häufig vor allem Überlebensstrategie Dann ist der Hofladen die rettende Idee, weil es in der Nähe des Bauernhofes weder einen passenden Job noch eine Kita gibt. Trotzdem glaube ich, dass hier noch großes Potenzial liegt, das wir gesellschaftlich missachten. Wir wissen gar nicht, welche guten Ideen, um einen Betrieb zu modernisieren oder neu auf die Beine zu stellen, vielleicht nie zur Umsetzung gekommen sind. Entweder, weil man die Frauen in der Landwirtschaft nicht als potenzielle Hofnachfolgerinnen in Betracht gezogen und sie deshalb auch nie nach ihrer Meinung gefragt hat. Oder weil sie bei der Existenzgründung an Hürden gescheitert sind, die es für Männer in dieser Form nicht gibt. Und das alles deshalb, weil das Rollenverständnis zu starr und die Geschlechterbilder im Alltag zu verfestigt sind.

Lassen Sie mich noch ein anderes Beispiel nennen, das die Herausforderung mehr als deutlich zeigt. Die Vorstellung unserer Studie stieß damals auf viel Resonanz, ich kann mich noch an die gut gefüllten Reihen bei dem Termin erinnern. Die Frage, die sich mir aber stellte war: Wo sind die Männer? 90 Prozent der Anwesenden waren Frauen. Wo waren also diejenigen, die nicht nur über Veränderungsbereitschaft reden, sondern mit gutem Beispiel vorangehen müssten. Wo waren die diejenigen, für die selbstverständlich ist, dass die Rollen der Frauen auf unseren Höfen endlich angemessen gewürdigt werden müssen. Es bleibt also noch genug zu tun!

In Bezug auf die Handlungsempfehlungen der Studie prüfen wir, an welchen Stellen wir mehr tun können. Mit welchen Akteurinnen und Akteuren wir sprechen können, um etwas zu erreichen. Erst kürzlich habe ich den Länderkolleginnen und -kollegen bei der Herbst-Agrarministerkonferenz in Kiel die "Landfrauen-Studie" vorgestellt. Dort gab es die klare Zusage, dass die Länder die Umsetzungsmöglichkeiten in ihrer Zuständigkeit prüfen werden. Auch stand beim Jugendpolitischen Forum des BMEL im September das Thema auf der Tagesordnung ganz oben. Dort plädierten die jungen Menschen dafür, die Leistungen von Frauen in der Landwirtschaft sichtbarer zu machen. Es ging aber auch darum, Schutzräume für Frauen in der Landwirtschaft, z.B. in der Ausbildung in technischen Bereichen anzubieten und die finanzielle Stellung der Frauen in Bezug auf ihre Rolle im Betrieb zu stärken. Im Rahmen der Agrarbildungskonferenz in der kommenden Woche werden wir zudem zentrale Aspekte von Geschlechtergerechtigkeit und der Bildung im Agrarbereich ansprechen. 

Meine Damen, meine Herren,

zu einem tiefgreifenden Wandel gehört, dass man die Umstände nicht akzeptiert und sich in einem gewissen Maße auch auflehnt! Ich möchte daher mit einem Appell an die Frauen in der Landwirtschaft schließen: Seien Sie laut, vernetzen Sie sich, tauschen Sie Ihre Erfahrungen aus, verbünden Sie sich. Auch die heutige Veranstaltung bietet dafür eine gute Gelegenheit. Werden Sie sichtbar – oder noch sichtbarer! - mit dem, was Sie leisten – für Ihre Familien, für die Dorfgemeinschaft und für unsere Landwirtschaft. Und ich sage das jetzt nicht, weil es gut klingt und moralisch auf der Hand liegt – ich sage es, weil ich inzwischen einfach so viel Lebenserfahrung habe, um zu wissen:

Wenn Frauen entscheiden und mitentscheiden, ist das Ergebnis besser!

Vielen Dank!

Erschienen am im Format Rede

Ort: Berlin


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